Glorious Djesus

Einen Christus, der Judas mit der Pumpgun ein tellergroßes Loch in den Bauch schießt, finden nicht alle lustig. Aber er sagt viel aus über die US-Populärkultur.

Christoph Waltz ist der bisher einzige Oscar-Gewinner, der mich persönlich kennen gelernt hat. Wir sind uns einmal begegnet, in der Küche einer Tante in München, etwa 1975. Ich war 14, er um die 20 und beeindruckend: ein angehender Schauspieler!

Die Möglichkeit ist nicht völlig auszuschließen, dass Waltz in den letzten Jahren vielleicht nicht so ganz intensiv an unser Zusammentreffen zurückdenkt wie ich. Ich jedenfalls behielt seine schiefe Nase in guter Erinnerung. Deswegen bin ich befangen, wenn ich über seinen jüngsten Trailer nachdenke: „Djesus Uncrossed“. Es ist ein Fake- oder Mock-Trailer: Den Film dazu gibt es gar nicht, es ist bloß eine Parodie auf Tarantino-Filme, gezeigt in der US-Satireshow Saturday Night Life. Waltz übt in „Djesus Uncrossed“ als auferstandener Jesus mit Samuraischwert, Pumpgun und Maschinenpistole blutige Rache an Judas und den Römern.

Dazu gibt es die üblichen Reaktionen: „Blasphemie!“ „Nein, Satire!“ „Mit Mohammed trauen sie sich das nie!“ Mag ja alles stimmen. Aber ich denke, die Tatsache allein, dass dieser Trailer sich als Satire versteht, sagt einiges über das Christentum und die amerikanische Populärkultur aus.

Der Trailer funktioniert ja nur deshalb als Satire, weil er einen Protagonisten in eine typische Tarantino-Rachefantasie setzt, der dort überhaupt nicht hineinpasst, nämlich Christus. Mit Mohammed hätten es nicht nur gesundheitliche Nebenwirkungen für die Crew gegeben, sondern auch nicht funktioniert. Ich folgere daraus: Die Spreizung zwischen dem verzeihenden Christus und der tarantinoiden Rache ist sowohl den Machern als auch dem Publikum noch vertraut.

Und zweitens: Wenn die satirische Wirkung hier darin besteht, dass zusammengeführt wird, was nicht zusammenpasst, nämlich Rache und Christus, hinterfragt das auf ziemlich intelligente Art die amerikanische Populärkultur beziehungsweise deren Rezipienten, die sich bildgewordene Rachegelüste genüsslich reinziehen, sich aber gleichzeitig als Bewohner von God's own country verstehen. Da sind möglicherweise die eigentlichen Blasphemien zu finden.

Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht brauchen Menschen, die mit Blick auf Gott ihre natürlichen Aggressionen mühsam im Zaum halten, einfach gelegentlich eine Rachefantasie zum Abreagieren. In so einer Fantasie will man dann freilich nicht Jesus begegnen, so wie die eigene Frau im Traum vom Ehebruch nichts verloren hat.

Weil Jesus nicht Djesus ist, und die meisten das noch wissen, regt's mich jedenfalls nicht sehr auf. Es kann aber auch sein, dass ich aufschreien würde, wenn München 1975 nicht gewesen wäre.
Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2013)

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