Glorious Djesus

23.02.2013 | 18:36 |  von Michael Prüller (Die Presse)

Einen Christus, der Judas mit der Pumpgun ein tellergroßes Loch in den Bauch schießt, finden nicht alle lustig. Aber er sagt viel aus über die US-Populärkultur.

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Christoph Waltz ist der bisher einzige Oscar-Gewinner, der mich persönlich kennen gelernt hat. Wir sind uns einmal begegnet, in der Küche einer Tante in München, etwa 1975. Ich war 14, er um die 20 und beeindruckend: ein angehender Schauspieler!

Die Möglichkeit ist nicht völlig auszuschließen, dass Waltz in den letzten Jahren vielleicht nicht so ganz intensiv an unser Zusammentreffen zurückdenkt wie ich. Ich jedenfalls behielt seine schiefe Nase in guter Erinnerung. Deswegen bin ich befangen, wenn ich über seinen jüngsten Trailer nachdenke: „Djesus Uncrossed“. Es ist ein Fake- oder Mock-Trailer: Den Film dazu gibt es gar nicht, es ist bloß eine Parodie auf Tarantino-Filme, gezeigt in der US-Satireshow Saturday Night Life. Waltz übt in „Djesus Uncrossed“ als auferstandener Jesus mit Samuraischwert, Pumpgun und Maschinenpistole blutige Rache an Judas und den Römern.

Dazu gibt es die üblichen Reaktionen: „Blasphemie!“ „Nein, Satire!“ „Mit Mohammed trauen sie sich das nie!“ Mag ja alles stimmen. Aber ich denke, die Tatsache allein, dass dieser Trailer sich als Satire versteht, sagt einiges über das Christentum und die amerikanische Populärkultur aus.

Der Trailer funktioniert ja nur deshalb als Satire, weil er einen Protagonisten in eine typische Tarantino-Rachefantasie setzt, der dort überhaupt nicht hineinpasst, nämlich Christus. Mit Mohammed hätten es nicht nur gesundheitliche Nebenwirkungen für die Crew gegeben, sondern auch nicht funktioniert. Ich folgere daraus: Die Spreizung zwischen dem verzeihenden Christus und der tarantinoiden Rache ist sowohl den Machern als auch dem Publikum noch vertraut.

Und zweitens: Wenn die satirische Wirkung hier darin besteht, dass zusammengeführt wird, was nicht zusammenpasst, nämlich Rache und Christus, hinterfragt das auf ziemlich intelligente Art die amerikanische Populärkultur beziehungsweise deren Rezipienten, die sich bildgewordene Rachegelüste genüsslich reinziehen, sich aber gleichzeitig als Bewohner von God's own country verstehen. Da sind möglicherweise die eigentlichen Blasphemien zu finden.

Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht brauchen Menschen, die mit Blick auf Gott ihre natürlichen Aggressionen mühsam im Zaum halten, einfach gelegentlich eine Rachefantasie zum Abreagieren. In so einer Fantasie will man dann freilich nicht Jesus begegnen, so wie die eigene Frau im Traum vom Ehebruch nichts verloren hat.

Weil Jesus nicht Djesus ist, und die meisten das noch wissen, regt's mich jedenfalls nicht sehr auf. Es kann aber auch sein, dass ich aufschreien würde, wenn München 1975 nicht gewesen wäre.
Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2013)

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2 Kommentare

Sehr geehrter Herr Kommunikationschef der ED Wien, lieber Herr Prüller,


Vor einiger Zeit gab es Berichte über die Ermittlungen des Verfassungsschutzes gegen Priester (auch der ED-Wien) wegen Verhetzung und Wiederbetätigung.

http://www.spiegel.tv/?t=1108.473#/filme/magazin-25112012/

Erst nachdem die Ermittlungen gegen die Priester publik wurden, wurde die gegenständliche Homepage „kreuz.net“ nach 8-jährigem Bestehen (!) vom Netz genommen.

Sogar der Wiener Kardinal hatte seit langem Vermutungen zu den Personen, die in der Kirche dahinterstehen.

http://diepresse.com/home/panorama/religion/1315256/kreuznet_Verfassungsschutz-ermittelt-wegen-Verhetzung-

Der Standard berichtete:

„…Die gesammelten Erkenntnisse seien so schwerwiegend, dass derzeit die Staatsanwaltschaft Wien den Fall prüft, erfuhr die Kathpress…“

http://derstandard.at/1358303863483/Kreuznet-Ableger-mit-oesterreichischer-Kennung-erneut-online

Sehr geehrter Herr Kommunikationschef der ED Wien, lieber Herr Prüller,

Es mag ja sein, dass Sie einen Film-Trailer von Christoph Waltz über einen Christus, der Judas mit einer Pumpgun ein tellergroßes Loch in den Bauch schießt nicht lustig finden.

Was ich nicht lustig finde, ist, dass mittlerweile der Verfassungsschutz gegen Priester (auch der ED Wien) wegen Wiederbetätigung und Verhetzung ermittelt. Nicht in einem schlechten Film, sondern in der Realität.

Mit welcher Klarheit und mit welchen Konsequenzen begegnet die Kirche Wiederbetätigung und Verhetzung in ihren eigenen Reihen?

Mich interessiert wirklich, wie Sie das sehen!


Re: Sehr geehrter Herr Kommunikationschef der ED Wien, lieber Herr Prüller,

Anstatt dass sie sich freuen, dass der Autor den "Djesus Uncrossed" Trailer nicht nur gesehen, sondern auch zumindest halblustig gefunden hat - und den Waltz noch dazu persönlich kennt!

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