Culture Clash

18.05.2013 | 18:00 |  Michael Prüller (Die Presse)

Ein bisschen herumgefragt. Wieder legt eine EU-Agentur eine Umfrage vor, die Erkenntnisse vorgibt, wo gar keine sind. Ist das für die Union schon repräsentativ?

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Die Agentur der EU für Grundrechte (FRA) hat die nach eigener Aussage „größte jemals durchgeführte Umfrage zu Hassverbrechen und Diskriminierung gegenüber LGBT-Personen“ präsentiert (LGBT heißt lesbisch, gay, bi und transgender) – eine Online-Umfrage, an der 93.000 Menschen aus der EU und Kroatien teilgenommen haben.

Die Pflicht zur Achtung homosexueller Menschen steht außer Frage. Die Studie ist aber ein schönes Beispiel für den in EU-Kreisen grassierenden Studienmissbrauch, der Erkenntnisse vorgaukelt, wo keine sind. Viele glauben ja, eine Umfrage sei repräsentativ, wenn nur genug Leute mitmachen. Ist sie aber nicht. Bei einem selbst rekrutierten Sample – wenn die Leute also vor allem aus eigenem Antrieb an der Umfrage teilnehmen – sind meist jene Menschen massiv überrepräsentiert, denen das Thema ein besonderes Anliegen ist.

Und die FRA ist so unrepräsentativ wie möglich vorgegangen: Fragebogen ins Internet, Aufforderung zur Teilnahme an alle Nichtheterosexuellen, vor allem durch Werbung bei einschlägigen Organisationen. Herausgekommen ist also keine für die LGBT-Welt repräsentative Stichprobe, sondern eine bloße Datensammlung. Und theoretisch könnte ein einziger Aktivist mit einem flott geschriebenen Computerprogramm auch alle Fragebögen ganz allein ausgefüllt haben.

Das Lehrbuch „Sozialforschung im Internet“ sagt schlicht: Wenn „die Befragten selbst entscheiden, ob sie zur Stichprobe gehören wollen, sagen die Befragungsergebnisse lediglich etwas über die Befragten aus und sind somit in der Regel unbrauchbar“. Wenn etwa sechs Prozent der Teilnehmer sagen, sie seien wegen ihrer Orientierung im letzten Jahr attackiert oder bedroht worden, so sagt das nur, dass es diesen 5580 Teilnehmern so gegangen ist. Jeder einzelne Angriff ist zu verurteilen. Aber wie groß ist das tatsächliche Ausmaß von Gewalt gegen LGBT-Personen in Europa? Dazu sagt uns die Studie genau nichts. Und dass es solche Gewalt gibt, war vorher auch schon bekannt.

Umsonst ist die Studie aber nicht. Sie hat uns Europäer 300.000 Euro gekostet. Und sie erfüllt einen Zweck: Obwohl sie keine neue Erkenntnis bietet, kann man damit Druck machen und zumindest mehr Mittel für Einrichtungen wie die FRA verlangen. Die Medien spielen brav mit. So schreibt der „Spiegel“ in seinem Bericht korrekt, dass man die Studie nicht verallgemeinern kann. Der Titel heißt aber dann doch: „EU-Studie: Lesben und Schwule fühlen sich in Europa nicht sicher“. Vom Standpunkt eines Aktivisten ist das schon o. k. Aber sollen sich EU-Einrichtungen in Aktivismus ergehen?

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2013)

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6 Kommentare

Es bestätigt sich immer neu:

Man muss Vorsicht walten lassen bei jeder Befragung, die man nicht selber im eigenen Interesse manipuliert hat.

Man wußte/fühlte es ja schon immer,

das es keine Zufälligkeiten gibt in Bild und Text der aus Profihand in die Öffentlichkeit kommt. Und das gilt selbstverständlich auch für das so sachlich aussehende Instrument der "Befragung". Auch ist es kein Zufall, wenn ein "Dossier", daß es nahezu über Jeden und Jedes gibt, gezogen und veröffentlicht wird. Die oft große Zeitdistanz zwischen der "Tat'" und dem Veröffentlichen macht es deutlich. Zuletzt übrigens - ohne Sympathie für ihn - bei Cohn-Bendit. Was hat er (jetzt) und wem getan? W.

Meistens bin ich ja ein Fan dieser Kolumne -

Heute aber frage ich mich, inwiefern schlecht durchgeführte Umfragen als "Culture Clash" zu betrachten sind?
Wobei ich zugeben muss, dass mich solche Umfragen auch ärgern und dass von der EU etwas mehr zu erwarten wäre.
Denn solche Umfrage-Daten sind, im Widerspruch zum Autor sehr wohl vergeblich erhoben worden - nur gratis war es nicht.

Re: Meistens bin ich ja ein Fan dieser Kolumne -

Tja, diese 'Culture Clash' Beitraege sind leider nur kleine, unverfaengliche, indirekte Stiche gegen den Zeitungeist. Wo doch wuchtige klare Worte gefordert sind !
Und so soll ueber den Umweg der Krit an fragwuerdiger Befragungstechnik wohl die Legitimitaet des LGBT-Begriffes und der LGBT-Bewegung unterminiert werden. Zweifel vielleicht, dass das Leben fuer LGBTs so schlimm ist dass weitreichende gesetzliche und gesellschaftliche Veraenderungen notwendig sind.
Wobei ja die LGBT-Bewegung schon zu den Spiessern zaehlt, da sich mittlerweile asexuelle, ambisexuelle, omnisexuelle und sich dem Genderbegriff ganz entziehen Wollende von LGBT ausgeschlossen und diskriminiert fuehlen (kein Scherz).


Re: Re: Meistens bin ich ja ein Fan dieser Kolumne -

oops: Intersexuelle vergessen.

http://forums.psychcentral.com/sexual-gender-issues/206492-lgbt-wheres-asexual.html

Re: Re: Re: Meistens bin ich ja ein Fan dieser Kolumne -

Was es nicht alles gibt ... offenbar kann man "sexuell" mit jeder griechischen Vorsilbe kombinieren, und es kommt etwas dabei heraus, von dem sich jemand angesprochen fühlt.

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