Culture Clash

Ein bisschen herumgefragt. Wieder legt eine EU-Agentur eine Umfrage vor, die Erkenntnisse vorgibt, wo gar keine sind. Ist das für die Union schon repräsentativ?

 

Die Agentur der EU für Grundrechte (FRA) hat die nach eigener Aussage „größte jemals durchgeführte Umfrage zu Hassverbrechen und Diskriminierung gegenüber LGBT-Personen“ präsentiert (LGBT heißt lesbisch, gay, bi und transgender) – eine Online-Umfrage, an der 93.000 Menschen aus der EU und Kroatien teilgenommen haben.

Die Pflicht zur Achtung homosexueller Menschen steht außer Frage. Die Studie ist aber ein schönes Beispiel für den in EU-Kreisen grassierenden Studienmissbrauch, der Erkenntnisse vorgaukelt, wo keine sind. Viele glauben ja, eine Umfrage sei repräsentativ, wenn nur genug Leute mitmachen. Ist sie aber nicht. Bei einem selbst rekrutierten Sample – wenn die Leute also vor allem aus eigenem Antrieb an der Umfrage teilnehmen – sind meist jene Menschen massiv überrepräsentiert, denen das Thema ein besonderes Anliegen ist.

Und die FRA ist so unrepräsentativ wie möglich vorgegangen: Fragebogen ins Internet, Aufforderung zur Teilnahme an alle Nichtheterosexuellen, vor allem durch Werbung bei einschlägigen Organisationen. Herausgekommen ist also keine für die LGBT-Welt repräsentative Stichprobe, sondern eine bloße Datensammlung. Und theoretisch könnte ein einziger Aktivist mit einem flott geschriebenen Computerprogramm auch alle Fragebögen ganz allein ausgefüllt haben.

Das Lehrbuch „Sozialforschung im Internet“ sagt schlicht: Wenn „die Befragten selbst entscheiden, ob sie zur Stichprobe gehören wollen, sagen die Befragungsergebnisse lediglich etwas über die Befragten aus und sind somit in der Regel unbrauchbar“. Wenn etwa sechs Prozent der Teilnehmer sagen, sie seien wegen ihrer Orientierung im letzten Jahr attackiert oder bedroht worden, so sagt das nur, dass es diesen 5580 Teilnehmern so gegangen ist. Jeder einzelne Angriff ist zu verurteilen. Aber wie groß ist das tatsächliche Ausmaß von Gewalt gegen LGBT-Personen in Europa? Dazu sagt uns die Studie genau nichts. Und dass es solche Gewalt gibt, war vorher auch schon bekannt.

Umsonst ist die Studie aber nicht. Sie hat uns Europäer 300.000 Euro gekostet. Und sie erfüllt einen Zweck: Obwohl sie keine neue Erkenntnis bietet, kann man damit Druck machen und zumindest mehr Mittel für Einrichtungen wie die FRA verlangen. Die Medien spielen brav mit. So schreibt der „Spiegel“ in seinem Bericht korrekt, dass man die Studie nicht verallgemeinern kann. Der Titel heißt aber dann doch: „EU-Studie: Lesben und Schwule fühlen sich in Europa nicht sicher“. Vom Standpunkt eines Aktivisten ist das schon o. k. Aber sollen sich EU-Einrichtungen in Aktivismus ergehen?

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2013)

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