Ist Essen der neue Sex?

Wer Magersucht als Lebensstil inszeniert, soll in Italien künftig bestraft werden. Essen wird zunehmend zum Ausweichquartier moralischer Instanzen.

Dass zwischen Sex und Essen ein innerer Zusammenhang besteht, ist irgendwie eindeutig. Da muss man gar nicht erst an Afrika denken, zu dessen Einwohnern uns nur einfällt, ob sie entweder genug zu essen oder aber genug Kondome haben. Jedenfalls hat die amerikanische Publizistin Mary Eberstadt kürzlich in einem Essay die Frage gestellt: „Is Food the New Sex?“ und von einer „merkwürdigen Umkehrung der Moralitäten“ geschrieben.

Vor zwei Generationen, so sagt Eberstadt, aß man, was man kriegen konnte. Unterschiedliche Auffassungen über das Essen waren reine Geschmackssache. Sex, und was damit an Zwischenmenschlichem zusammenhängt, war dafür mit zahlreichen Geboten und Verboten reglementiert und außerdem ständiges Mäandern zwischen Gut und Böse. Heute habe sich die Sache umgekehrt: Das Exerzierfeld moralischer Autorität sei nicht mehr der Sex, sondern das Essen. Jennifer, eine fiktive junge Frau der Moderne, die Eberstadt als Illustration einfügt, „lebt mal vegetarisch, mal nicht, ist aber vehement gegen den Verzehr von rotem Fleisch und bedrohten Fischarten eingestellt. Sie ist auch gegen Massentierhaltung, genverändertes Gemüse, Pestizide und andere künstliche Pflanzenschutzmittel. Sie versucht, ihren Eiweißkonsum zu minimieren, und isst so viel Tofu wie möglich. Sie kauft organisch, auch wenn's teuer ist...“ Sie ist der Ansicht, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn die anderen dieselben Einschränkungen machten wie sie, und versucht auch, andere von ihren Werten zu überzeugen. Natürlich nur, was das Essen betrifft, nicht den Sex. Wenn es in diesem Gebiet unterschiedliche Vorstellungen gibt, dann ist das reine Geschmackssache.

Da ist natürlich was dran, auch wenn das Bild ein wenig überzeichnet scheint. So gehört etwa der Vegetarismus zu den erfolgreichsten säkularen Glaubensgruppen unserer Zeit. Und erst vor wenigen Tagen kam die Meldung, dass in Italien ein Gesetz überlegt wird, das den Betrieb von Internetseiten verbieten soll, in denen Magersucht als Lebensstil abgefeiert wird. Dass das Essen so sehr in das Visier moralinsaurer Autoritäten rückt, kann man vielleicht damit erklären, dass es offenbar ein menschliches Grundbedürfnis gibt, sich moralischen Regeln zu unterwerfen. Die althergebrachten Religionen ziehen da heute nicht so wie die innerweltlichen Götzen Gesundheit und Essen. Aber viel spannender ist eigentlich die Frage, wie es die ebenso höchstpersönliche Sphäre des Sex trotz der ja auch vorhandenen seelischen und sozialen Fallstricke geschafft hat, so erfolgreich zur imperativfreien Zone (einzige Ausnahme: safer!) der Gesellschaft zu werden.

michael.prueller@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2009)

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