Das Leiden der jungen Werte II

Hätte das christliche Menschenbild mehr Kraft, Europa zu verteidigen als unser magerer Wertekonsens? Möglicherweise. Aber die Frage ist irrelevant.

Ein von mir sonst sehr geschätzter Priester hat jüngst zur Frage der Verteidigung unserer Werte auf Facebook gepostet: Für Europa seien derzeit „Tolerantismus“ und Hedonismus bestimmend. Diese gehörten aber nicht verteidigt, sondern „schleunigst ersetzt durch ein echt christliches Welt- und Menschenbild, das eben deshalb liebevoll offen ist, weil es auch Maßstäbe hat, um Identität zu bilden und Normen zu setzen“.

Ist denn der Pluralismus, den viele als typisch europäischen Wert verteidigt wissen wollen, nicht ein Produkt des christlichen Menschenbildes? Zu diesem gehört ja ebenso die Vorstellung, dass der Mensch Größe und Würde nicht wegen seines rechten Glaubens hat, sondern weil Gott ihn nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Und dass Gott lieber das Kreuz auf sich nimmt, als die Menschen auf seine Seite zu zwingen. Auch der Mensch darf daher nicht zwingen.

Die Aufklärung hat – durchaus im Ringen mit den Kirchen – die im christlichen Menschenbild grundgelegte Freiheit und Gleichheit im typisch europäischen Pluralismus neu verwirklicht. Dieser verdankt sich der Einsicht in die Würde des Menschen, der nicht gezwungen werden darf, sondern ein Recht hat, im Irrtum zu leben.

Mit Tolerantismus ist, denke ich, gemeint, dass sich der Pluralismus selbst zur Religion macht, wenn er die Haltung annimmt, dass es Irrtum nicht gibt, weil alles gleichermaßen wahr sei. Eine Religion, die den Rekurs auf das Wahre ablehnt, kann zwar ihr einziges Gebot, „Du sollst wertschätzen!“ nicht mehr begründen, stellt es aber doch absolut. So wird es verdammt schwer, darüber zu reden, ob denn alles gleich wertgeschätzt werden soll. Als Maßstab bleibt dann nur noch übrig, ob etwas den Lebensgenuss einschränkt oder nicht. Insofern hat das Ganze auch mit Hedonismus zu tun.

Ich sehe allerdings nicht, dass der Indifferentismus für Europa bereits bestimmend wäre. Aber es geht in diese Richtung. Es gibt immer weniger Orte, an denen miteinander um die Wahrheit gerungen wird. In der Bioethik gibt es das gemeinsame positive Menschenbild schon nicht mehr. Und generell wird es immer schwieriger, Opfer, das heißt Einbußen an materiellem Lebensgenuss, um der Menschenwürde willen zu rechtfertigen.

Nur ist es keine Alternative, unser zerbröselndes Menschenbild „schleunigst durch ein christliches zu ersetzen“. Ein Menschenbild ist ja kein Zahnriemen oder eine Windows-Version. Das christliche Menschenbild beruht auf dem Glauben, dass Christus Gott und Erlöser ist. Wenn dieser Glaube für die Europäer nicht maßgeblich ist, wird es auch sein Menschenbild nicht sein.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

www.diepresse.com/cultureclash

 


[LOKUN]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2015)

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