Eine neue Aufklärung

"Brauchen wir eine neue Aufklärung?", fragt man demnächst in Alpbach. Ja: eine, in der Vernunft und Glaube gemeinsame Sache machen, weil sie nur miteinander überleben.

Brauchen wir eine neue Aufklärung? Das ist das Generalthema des in Kürze beginnenden Forums Alpbach. Dessen Website verweist zur Vorbereitung auf einen Essay des Philosophen Konrad Paul Liessmann zum Thema Aufklärung, der vor einiger Zeit im „Standard“ erschienen ist und in dem sich folgender Satz findet: „Es ist ein grobes Missverständnis, dass die Vernunft gegenüber Glaubenswahrheiten tolerant sein muss; die Vernunft hat nichts zu dulden, was ihren Ansprüchen nicht genügt.“

Ich möchte als gläubiger Christ das unterstreichen. Um es mit Papst Benedikt zu sagen: Es ist christliche Sichtweise, dass ein Handeln ohne Vernunft im Widerspruch zum Wesen Gottes steht. Solang sich die Nichtexistenz Gottes nicht beweisen lässt und daher auch nicht die Zufälligkeit des Daseins, ist es immer noch vernünftig, über Gott und Gottesdienst nachzudenken und über die – möglicherweise unterschiedlich große – Vernunftgemäßheit der Ausprägungen des Religiösen. So lautet auch das Thema des heurigen Philosophicum Lech: „Denken über Gott und die Welt. Philosophieren in unruhiger Zeit“.

Für eine neue Aufklärung gibt es viel Stoff in einer unruhigen Zeit, in der die Religion des Islam vielen Menschen, auch völlig areligiösen, als Grenzlinie der Zivilisation erscheint. Etwa dass Religion weit davon entfernt ist, Privatsache zu sein, weil sie Gesellschaften in ihren Verhaltensmustern, Konfliktstrategien, Wohlstandschancen etc. massiv beeinflusst und es deshalb nicht folgenlos ist, wie sich Gesellschaften religiös zusammensetzen. Oder die Frage, wie sehr eine Gesellschaft gemeinsamer Überzeugungen bedarf und welche Rolle Religion dabei spielt.

Denn eines ist deutlich geworden: Das, womit die Kinder der Aufklärung die Religion ersetzt haben, um gesellschaftlichen Zusammenhalt herzustellen – Sprache, Nation, Kulturerbe, Ideologie –, hat im 20. Jahrhundert abgewirtschaftet. Ihr anämischer Nachfolger, ein Zweckbündnis von pragmatischem Wirtschaftswachstum und emanzipatorischem Individualismus, steht ratlos und mit schlotternden Knien vor Fanatismen, die mehr Mobilisierungskraft als seine magere Vernunft haben, weil sie es trotz all ihrer Unvernunft verstehen, ihren Anhängern Sinn und Ziel und Beheimatung in einem großen Ganzen zu geben. Eine neue Aufklärung wird daher nur dann das Gute der alten bewahren können, wenn sie Religion nicht per se als unvernünftig betrachtet, sondern die Religion in den Dienst der Vernunft nimmt. Ihre Verbündeten sind dabei jene, und nur jene, die die Vernunft in den Dienst ihres Glaubens stellen wollen.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

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[MMNWE]

(Print-Ausgabe, 07.08.2016)

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