Gott ist nicht tot

Die These vom Verschwinden der Religion wird nicht nur vom Islamismus widerlegt, sondern auch von China, das bald das größte christliche Land der Welt werden könnte.

Es ist noch nicht lange her, dass viele Sozialwissenschaftler vom Verschwinden der Religionen, zumindest von ihrem Fall in die Bedeutungslosigkeit, gesprochen haben. Nicht nur die islamistische Dynamik hat diese These widerlegt. Man sieht es auch an der Volksrepublik China – wo das Regime nur deshalb ab 1979 den Religionen etwas Bewegungsfreiheit zugestand, weil es an ihr baldiges Verschwinden glaubte. Das Gegenteil war der Fall. Heute gehören mehr Chinesen einer der Weltreligionen an als jemals zuvor. Und es werden immer mehr. So gab es nur drei Millionen Christen, als Mao 1949 die Macht übernahm. Heute dürfte ihre Zahl – basierend auf den Schätzungen des Pew Institute – bei über 70 Millionen liegen. Schreitet das Wachstum im selben Tempo fort, dann könnte China in 25 Jahren mit 260 Millionen eine größere christliche Bevölkerung haben als jedes andere Land der Welt.

Die kommunistische Führungselite hat dazu ein ambivalentes Verhältnis. Einerseits fürchtet man die Konkurrenz der organisierten Religion für die Partei. Andererseits dürfte es aber auch Kreise geben, die nicht mehr an die Bindungskraft des Kommunismus glauben und im Christentum eine neue Möglichkeit sehen, die chinesische Gesellschaft zu stabilisieren.

Beidem entspricht die derzeitige Politik, Religion in Maßen zuzulassen – solange die Partei sie kontrollieren kann. Das gelingt mit dem zersplitterten Protestantismus besser als mit der (in China kleineren) katholischen Kirche, die vom Ausland – aus Rom – gelenkt wird. Daher gibt es in China eine der Partei hörige „offizielle“ katholische Kirche und eine Untergrundkirche in Gemeinschaft mit dem Papst, die deutlich mehr Mitglieder hat.

Vincent Huang Shoucheng etwa, der Ende Juli verstorbene Untergrundbischof von Mindong, war 35 Jahre seines Priestertums eingesperrt. Mindong hatte 1949 rund 26.000 Katholiken. Heute sind es 90.000, von denen 80.000 der Untergrundkirche angehören. Dass die Behörden nicht nur ein öffentliches Begräbnis für den Bischof erlaubt haben, sondern dabei auch die Verwendung der Bischofsinsignien, war ein Novum – ist aber kein Zeichen für ein Tauwetter, sondern nur die Bemühung um ein gutes Klima, denn der Vatikan und Chinas Führung verhandeln gerade einen neuen Modus vivendi.

Auf beiden Seiten gibt es Falken und Tauben in diesem Ringen, und sein Ausgang ist offen. Eine vernünftige Einigung würde der katholischen Kirche und damit dem ganzen Christentum in China jedenfalls eine noch stärkere Dynamik verleihen, die das Land verändern kann. Wer hätte je eine solche Prognose gewagt?

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

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(Print-Ausgabe, 28.08.2016)

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