Ich, der Fundamentalist

Große Aufregung: 40 Prozent der Flüchtlinge stellen religiöse Gebote über die staatlichen! Ich auch. So funktioniert nun einmal Religion, wenn sie ernst gemeint ist.

Am Montag hat der Außenminister eine Umfrage unter Flüchtlingen aus Afghanistan, Syrien und dem Irak vorgestellt. Ein Ergebnis regte dabei so auf, dass fast alle Medien es in den Titel gestellt haben: 40 Prozent sind der Ansicht, dass religiöse Gebote über staatliche Vorschriften zu stellen sind. Aber nehmen nicht alle echt Gläubigen die Gebote ihrer Religion wichtiger als die staatlichen Vorschriften? Zumindest in jenen Religionen, die den Sinn des Lebens erklären und den Weg zum ewigen Heil? Auch im Christentum. Schon ganz zu Beginn, als man ihnen das Predigen verbieten wollte, erklärten Paulus und die Apostel: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Stauffenberg, Martin Luther King, Gandhi: kein ziviler Ungehorsam ohne den Vorrang des Gewissens vor den Gesetzen. Doch was sagt uns, dass staatliches Recht Unrecht wird? In vielen Fällen die Religion. Tun wir nicht so, als wäre Moral uns so vorgegeben wie die Schwerkraft.

Jetzt werden Sie mir vielleicht entgegnen, dass es hier doch um anderes gehe, um die Einführung der Scharia. Die wurde aber nicht abgefragt. Man wollte von den Flüchtlingen nicht wissen, woher staatliche Gesetze abgeleitet werden sollen, sondern ob sie höher stehen als religiöse Gebote. Auch als Christ muss ich in letzter Konsequenz meinem Glauben folgen, wenn ich ihn ernst nehme.

Die Aufregung darüber, dass 40 Prozent der Flüchtlinge die religiösen Gesetze voranstellen, kann daher zweierlei bedeuten: Erstens dass wir in Österreich Religion nur als tröstendes Brauchtum wollen, aber nicht als ernsthaften Glauben mit Konsequenz. Oder es steht hinter dieser Aufregung nicht Misstrauen gegen ernstgemeinte Religion, sondern nur gegen einen ernstgemeinten Islam, dessen Gebote inkompatibler erscheinen als die christlichen. Da wären wir dann in einer inhaltlichen Diskussion über die einzelnen Religionen und deren unterschiedlichen Wert für die Menschen und unsere Gesellschaft. Aber das wäre verpönt. Es galt ja schon als Zeichen von Fundamentalismus, dass bei der Umfrage 45 Prozent der Flüchtlinge die Religionen nicht als gleichwertig ansahen.

Aber so funktioniert eben Religion. Für den der glaubt, ist sein Glaube relevanter als Staat und Gesetz – und relevanter als die anderen Religionen. Worüber wir reden müssen, ist nicht, ob das schon Fundamentalismus ist. Sondern wo und wann religiöse Gebote tatsächlich mit unserem Begriff von Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde im Konflikt stehen. Aber haben wir überhaupt einen gemeinsamen Begriff davon, ganz losgelöst von jeder Religion?

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/cultureclash


[N9TLR]

(Print-Ausgabe, 29.01.2017)

Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Ich, der Fundamentalist

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.