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Böse Statistik

14.11.2009 | 17:57 |  von Michael Prüller (Die Presse)

Wenn Schwangerschafts- abbrüche sehr belastende Erfahrungen sind, warum darf man dazu keine statistischen Daten sammeln, um besser helfen zu können?

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Es ist faszinierend zu sehen, wie viel Aufregung ein scheinbar harmloses Vorbringen auslösen kann. VP-Familienstaatssekretärin Christine Marek hat Anfang der Woche eine bundesweite Statistik über Abtreibungen und ihre Gründe verlangt und damit bei SPÖ, Grünen und der Abtreibungsbranche scharfe Ablehnung erfahren: Nichts da – genaue Zahlen, valide Motivinformationen darf es nicht geben.

Natürlich wird die Forderung nach einer solchen Statistik auch deswegen von Gegnern der Fristenlösung erhoben, um die ganze Sache im Gespräch zu halten. Sie ist daher nicht ganz so politisch harmlos, wie sie auf den ersten Blick scheint. Auffällig ist aber, wie sehr die Gegner einer Statistik in ihren Ablehnungsstatements eigentlich gute Gründe für dieselbe aus Tapet bringen.

Eine Befragung würde Frauen, „die es sich schon schwer genug machen“ (Gesundheitsminister Stöger, SPÖ), bzw. „Frauen in einer Krisensituation“ (Monika Vana, Frauensprecherin der Grünen Wien) oder „Frauen in einer Notsituation“ (SP-Frauensprecherin Gisela Wurm) nur noch mehr belasten. Wenn aber eine Abtreibung, medizinisch ein unaufregender Routineeingriff, also doch eine belastende Entscheidung in einer belastenden Situation ist, wäre das eigentlich umso mehr ein Grund, ihr auf den Grund zu gehen, um Frauen diese Notsituationen ersparen zu helfen.

Dass das Gesundheitsministerium dazu sagt, es würde nicht auf Statistiken setzen, sondern auf Prävention, ist nicht einmal rhetorisch ein guter Einfall. Wie will man Situationen vermeiden helfen, deren Auslöser man höchstens anekdotisch kennt – und wie will man den Mitteleinsatz dafür planen, wenn die Dimension mangels Statistik unbekannt ist?


Ermüdend ist auch das Mantra von der fehlenden Aufklärung und den mangelnden Verhütungsmitteln, das in solchen Fällen geradezu rituell aufgesagt wird. Mittlerweile ist schon die zweite Generation Österreicherinnen im gebärfähigen Alter, die in der Schule obligaten Aufklärungsunterricht hatte. Kondome finden sich heute an jeder Supermarktkassa. Einzelne Angaben aus Abtreibungskliniken deuten außerdem daraufhin, dass der typische Fall nicht der ahnungslose Teenager ist, sondern Frauen über 30. Wie soll man denen noch Aufklärung zuteil werden lassen? Freilich ist nicht sicher, ob diese Angaben stimmen, denn es gibt ja keine verlässlichen Statistiken dazu. Darf es ja auch offenbar nicht.

„Strafen ist keine Lösung“, heißt es in diesem Zusammenhang oft. Aber ist Nichtfragen, Nichtwissen und Nicht-darüber-reden-Dürfen denn eine Lösung? Was genau ist eigentlich der wunde Punkt, der Abtreibung zu einem Tabu macht, dem man sich nicht einmal statistisch nähern darf? Dazu eine Untersuchung wäre auch einmal interessant.

michael.prueller@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2009)

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6 Kommentare
Gast: gast111
01.12.2009 16:25
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gast111

da eine abtreibung als "medizinischer eingriff" (von manchen menschen) bewertet wird, sehe ich nicht das problem nach den beweggründen zu fragen, da sie ja anonym erfasst werden, und nmd befürchten darf und muss, dass sein name erscheint...

entrüsten sie sich lieber über die 8 % der befragten frauen/mädchen die abgetrieben haben, dass sie von sich auch NICHT verhüten wollten (3 % bei männern)

http://diestandard.at/1207285795479/Nachlese-Trend-zu-mehr-Abtreibungen-bei-Maedchen

"Acht Prozent der Frauen wollten nicht verhüten"

Gast: emma
19.11.2009 19:15
0 1

was gehen eigentlich irgendwen

die Beweggründe von Menschen für medizinische Eingriffe an? Wie kann sich irgendjemand, der nicht die Mentalität eines Blockwartes hat, anmaßen, dass der Staat jemanden fragen soll, warum er etwas derart höchstpersönliches wie eine Abtreibung vornehmen hat lassen. Im privaten Bereich würde eine derartige Frage als zutiefst impertinent angesehen werden. Warum legen Menschen, die sonst sehr wohl Wert auf angemessene Manieren legen, diese plötzlich völlig ab, wenn der Staat den Menschen unverschämte Fragen stellt, anstatt empört darüber zu sein? Fragen wir dann als nächstes die Leute, warum sie eine medizinisch unterstützte Fortpflanzung machen, sich sterilisieren lassen, ob sie ihre Nase wegen psychischer Probleme und Spötteleien oder nur aus Eitelkeit verändern lassen? Kann dieses Land nicht endlich zumindest soweit liberal werden, dass zumindest Schlafzimmerschnüffelei nicht mehr als gesellschaftsfähig angesehen wird.

Gast: Wiesel
17.11.2009 23:27
0 0

Her mit der Statistik Herr Bundesminister!

Spiel hier nicht den Kaiser, hier regiert das Volk!

Gast: Roman
16.11.2009 08:51
0 0

Was soll hier vertuscht werden?

Interessant ist die Frage schon danach, was hier vertuscht werden soll. BM Stöger sagte am Sonntag im Fernsehen er hätte eine Statistik, möchte diese Statistik unter keinen Umständen an die Öffentlichkeit bringen. Hää??

Gast: wickie
16.11.2009 00:20
0 0

Danke...

für diesen Kommentar, richtig erfrischend.

Gast: WFL
15.11.2009 14:16
0 0

Neuer Grün-GS

Sg. Hr. Dr. Prüller,
vorerst Dank + Anerkennung für Ihre hervorragenden Kommentare, die immer wieder Punkte berührt werden, die von unseren mainstream-Medien gerne vernachlässigt bzw. unterdrückt werden. Vielleicht können Sie in einer Ihrer nächsten Sonntagskolumnen recherchieren, wie der neue Generalsekretär der Grünen, der Ex-Ministrant-Jungschar-Katholische Jugend-Funktionär es mit seinem superkatholischen Gewissen vereinbaren kann, führender Funktionär einer "Abtreibungspartei" zu sein (wie es ein Poster formulierte); einer Partei, die nicht mal Statistiken über die durchgeführten Abtreibungen zulassen möchte. Vielleicht kann uns das der neue superkatholische Herr Generalsekretär mal erklären.....

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