Heute möchte ich über Oliviero Toscani schreiben, der als Benetton-Werbekampagnenfotograf in Fachkreisen den Ruf erworben hat, gar nicht so unbegabt zu sein. Besagter Toscani hat laut diversen Medienberichten am Donnerstag erneut „provoziert“ bzw. „eine Kontroverse ausgelöst“, als er in Florenz einen Bildkalender präsentierte, der zwölf Penisse in Nahaufnahme zeigt.
Das stimmt allerdings nicht.
Das heißt, das mit dem Kalender stimmt schon; aber bis jetzt hat sich niemand gemeldet, den das provoziert hätte. Und die Kontroverse ist ebenfalls ausgeblieben. 2011 war das noch anders, als Toscani einen Vagina-Kalender herausbrachte. Da hatte die Gleichbehandlungsministerin eine Beschwerde eingelegt, und Roberta Gavagna von der Organisation Artemisia gegen häusliche Gewalt, hatte erklärt, man sei empört: „Will Tosacni andeuten, dass die Essenz der Frauen in ihren Genitalien liegt?“
Heuer hat noch keiner gefragt, ob denn Toscani andeuten will, dass die Essenz der Männer in ihren Penissen liegt. Vielleicht deswegen, weil die Gefahr zu groß ist, dass es dann allgemein hieße: Tut sie doch eh, oder? Möglicherweise würden sogar genau die, die sich im Vorjahr beschwert haben, heuer genau das sagen. Und vielleicht hätten sie auch noch grosso modo recht?
Mein Verdacht ist aber, dass Toscani weder im Vorjahr noch heuer irgendetwas andeuten wollte, außer vielleicht, dass er es gern hätte, wenn man möglichst viel über ihn spricht. Pädagogischer Ehrgeiz kann ihn ja wohl auch nicht getrieben haben, denn die Körperregion „da unten“ mag vielleicht noch im entlegenen Landesinneren von Sizilien „pfui“ und daher dem jeweiligen anderen Geschlecht weitgehend nur vom Hörensagen bekannt sein – aber doch sicher nicht mehr in Florenz. Ein Werkzeug zur Zeiteinteilung zur Verfügung zu stellen, war auch nicht Toscanis Absicht, denn sonst würde er seine Kalender nicht immer erst im Jänner herausbringen.
Ich denke, Toscani hat selbst das Schlüsselwort gesagt: „Man soll sich ein bisschen amüsieren und aufhören, immer alles zu rationalisieren!“ Das denk ich mir auch. Darum habe ich mir erlaubt, heute hier etwas zu behandeln, was weder Culture noch Clash ist. Allzu viel Zeit bleibt zum Amüsieren über Toscanis Kalender ja leider nicht: Das Konzept ist bald ausgereizt. 2013 und 2014 könnte er es ja noch mit je zwölf weiblichen und männlichen Ani probieren, über die man immerhin noch gesellschaftskritisch herumlabern könnte (wegen Arschlöchern und so). Aber was kann dann noch kommen? Zwölf Achselhöhlen? Oder ein Gaumenzäpfchen-Kalender? Ich bitte Sie...
Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2012)















