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Das Gwirks mit dem Fremden

21.01.2012 | 18:14 |  Michael Prüller (Die Presse)

Was heimische Medienmacher und kanadische Studenten nicht gesagt haben, sagt was aus über unsere Urteile und Vorurteile.

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Kürzlich berichtete ein Agenturartikel über die Studie „Zuwanderung – Herausforderung für Österreichs Medien“. Für diese Studie waren 40Medienleute befragt worden. 97Prozent sagen da, dass Medien beim Thema Zuwanderung „verzerren, skandalisieren und polarisieren“. Und das tun die Medien offenbar nicht nur beim Thema Zuwanderung, sondern auch beim Thema „Zuwanderung – Herausforderung für Österreichs Medien“. Denn in diesem Artikel stand: „Ein hartes Zeugnis stellten die Medienmacher den Boulevardblättern aus: 40Prozent sind der Meinung, dass diese bewusst negativ über Zuwanderer berichten. Ein Drittel der Befragten bezeichnete wörtlich die ,Kronen Zeitung‘ als tendenziell ausländerfeindliches Medium.“

Wie bitte? Offenbar sieht die Mehrheit (60 bzw. 66Prozent) weder eine bewusst negative Berichterstattung noch eine tendenzielle Ausländerfeindlichkeit bei der „Krone“. Wo ist da das „harte Zeugnis“, das „die Medienmacher“ dem Boulevard ausstellen? Offenbar nur im Mindset des Artikelautors.

Dass das Wunschdenken mit einem Journalisten durchgeht, ist keine große Sache – aber eine kleine Illustration, wie auch in gebildeten Köpfen dasselbe passiert, was dieselben dem Boulevard vorwerfen: Dass das Vorurteil Vorrang hat vor dem Faktum. Solche Prozesse spielen sich dauernd in unseren Hirnen ab, ganz besonders, wenn es um das Fremde geht. Das geht in alle Richtungen. So etwa, wenn der berechtigte Unwille, sich dem instinktgemäßen Vorurteil gegen das Fremde hinzugeben, dazu führt, dass man sich gar kein Urteil über Fremdes mehr erlaubt.

Sichtbar wurde das kürzlich in einem Fachartikel des kanadischen High-School-Professors StephenL.Anderson. Er hatte in der Philosophieklasse zum Thema Ethik das Bild des afghanischen Mädchens Bibi Aisha gezeigt, dem die Familie Nase und Ohren abgeschnitten hat, weil es vor einer Zwangsheirat fliehen wollte. Anderson: „Ich hatte eine starke Aversion erwartet. Stattdessen aber waren sie verwirrt... Sie sprachen ängstlich, waren bemüht, keinerlei moralisches Urteil zu fällen. Sie zeigten Unwillen, eine Situation zu kritisieren, die ihren Ursprung in einer anderen Kultur hat.“

Das mag ein extremes Beispiel sein. Aber ist nicht dieses „Vorurteil gegen das Urteilen“ (außer wenn es Vorurteile verurteilt) ein Zug unserer Zeit? Ich bin leidenschaftlich dafür, Einwanderer aufzunehmen. Mein Verdacht ist aber, dass das nur dann zu einem Zusammenleben führt, wenn man frei genug ist, „gut“ zu nennen, was in der jeweiligen Kultur gut ist, und „böse“, was dort böse ist. Wie sonst kann man miteinander darüber reden.


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2012)

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1 Kommentare
wmaurer
23.01.2012 18:56
1 0

zu nennen, was in der jeweiligen Kultur gut ist, und „böse“, was dort böse ist

und hier laufen die anständigsten Menschen Gefahr zu Rassisten gestempelt zu werden. Weil ihnen die "Gutmenschen" vorhalten, das "Böse" so zu benennen, an sich schon böse ist.

Zuwanderung wird bei uns nur dort negativ gesehen, wo sie überwiegend mit "Sozialleistungsoptimierung" und Bildungsferne verbunden ist.

Im Übrigen freut sich jeder Eliten- und Durchschnittsösterreicher über bildungs- und leistungsbereite Zuwanderer aller Farben und aller Herkunftsländer.


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