25.05.2012 11:23 | Meine Presse Merkliste 0

Einstiegsdroge

28.01.2012 | 19:02 |  von Michael Prüller (Die Presse)

Ist, wer von der Richtigkeit seines Glaubens überzeugt ist, schon mit einem Fuß im Lager der Fundamentalisten? Ja, sagt ein Soziologe in Hessen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Der Hessische Rundfunk hat eine Studie zum Thema „Was glauben die Hessen“ in Auftrag gegeben. Sie ist recht sauber gearbeitet und bietet reichhaltiges Material. Manches bedürfte einer Erklärung, etwa wenn man liest, dass von den muslimischen Hessen jeder fünfte der Aussage zustimmt: „Ich fühle mich als Christ, aber die Kirche bedeutet mir nicht viel.“ Und auf manches könnte auch ich, obwohl kein Neuling in der Thematik, erst nach ein paar Jahren Nachdenken antworten. Etwa ob der Satz gilt: „Für mich trägt das Leben seinen Sinn in sich selbst.“ Darauf antwortet es sich nicht so leicht wie auf die Frage, wie frisch man auf einer Skala von 1 bis 5 das Gemüseangebot im Spar findet.

Einfach ist auch dieser Satz nicht: „Ich bin davon überzeugt, dass in religiösen Fragen vor allem meine eigene Religion recht hat und andere Religionen eher unrecht haben.“ Nur 12 Prozent der Protestanten, 18 Prozent der Katholiken und auch nur 37 Prozent der Muslime in Hessen tun das. Michael Ebertz, der Studienautor, nennt diesen Satz in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau „die Einstiegsdroge in den Fundamentalismus“. Von da sei es nicht weit zur Aussage: „Dann haben die anderen auch kein Existenzrecht.“

Also ich würde den Satz trotzdem bejahen, denn welchen Sinn hat es, einer Religion anzugehören, wenn man ihre Glaubenssätze für im Schnitt gleich falsch wie die aller anderen Religionen hält? Aus der Logik der Sache heraus scheinen mir auch Überzeugtsein und Unduldsamkeit nicht zwingend zusammenzuhängen. Spielt es in der Laufbahn zum Hooligan eine Rolle, ob man glaubt, dass die eigene Mannschaft die „richtigeren“ Ansichten über Fußball hat? Wer gern die anderen haut, bezieht doch sein Selbstwertgefühl nicht deswegen aus der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, weil diese recht hat, sondern weil sie meine ist.

Es kann natürlich schon einen klaren Zusammenhang zwischen Überzeugungsgrad und Gewaltbereitschaft geben: wenn die Glaubenssätze selbst zur Gewalt aufrufen. Je mehr ich sie für wahr halte, desto lockerer sitzt dann meine Faust. Dafür wäre das Christentum aber theoretisch ungeeignet – mit seinem Andere-Backe-Hinhalten und dem ganz ungärtnerischen „Reißt das Unkraut nicht aus!“. In meiner Erfahrung macht wirkliche christliche Überzeugtheit gelassen. Dass es über viele Jahrhunderte in der Praxis nicht danach ausgeschaut hat, lässt mich fragen: Wie christlich waren diese Jahrhunderte wirklich? Wohl nicht so, wie ich das Christentum verstehe, von dem ich glaube, dass es vor allem recht hat – auch wenn in den anderen Religionen viel Wahres zu finden ist.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

5 Kommentare
Gast: Wirklich entsetzt
02.02.2012 19:48
0 0

Ein Paradebeispiel des "no true Scotsman"-Fehlschlusses

Prüller schreibt:
"Dafür wäre das Christentum aber theoretisch ungeeignet – mit seinem Andere-Backe-Hinhalten und dem ganz ungärtnerischen „Reißt das Unkraut nicht aus!“. In meiner Erfahrung macht wirkliche christliche Überzeugtheit gelassen."

Stichwort "wirkliche christliche Überzeugtheit" - die verbrennt nämlich keine Hexen, zwingt anderen nicht den Glauben auf und hat auch nichts mit der Inquisition zu tun.

Wenn Sie, Herr Prüller, diese geschichtlichen Tatsachen nicht als "christlich" anerkennen (selbstverständlich Ihr gutes Recht), wird es im Gegenzug sehr schwer, ein "christliches Abendland" zu postulieren.

Im Übrigen hat der Soziologe absolut Recht.

wmaurer
31.01.2012 16:00
0 3

In meiner Erfahrung macht wirkliche christliche Überzeugtheit gelassen.


.... vor allem mich. Danke Doktor Prüller für diesen Denkanstoß überhaupt. Ist immer wieder eine Wohltat, solches in der Presse zu finden.

Gast: Köstlich!
29.01.2012 14:01
7 1

Wieder ein Diskussionsbeitrag, der nicht kommentiert werden darf.

Die Presse ist schon ein lustiges Blattl.

Antworten Gast: Harald K., 1040 Wien
30.01.2012 21:55
4 2

Re: Wieder ein Diskussionsbeitrag, der nicht kommentiert werden darf.


Welche Kommentare freigeschalten werden hängt stark ab, welcher Mitarbeiter gerade Dienst hat.

Manchmal wird Kirchenkritisches zensuriert während fundamentalistischem und rechtsradikalem Gedankengut ein breiter Raum geboten wird.

Ihnen muß halt schon bewusst sein – Die Presse gehört der Kirche…



2 4

Re: Wieder ein Diskussionsbeitrag, der nicht kommentiert werden darf.

Sie glauben, die Presse zensiert Kommentare, die weder unflätig sind, noch beleidigend sondern einfach kritisch und lässt dann diesen Kommentar durch?
Wäre doch sehr unklug.
Vielleicht ein technischer Fehler?
Und wenn nicht:
Vielleicht probieren Sie es mit konstruktiver und höflicher Kritik - das hat schon durch manche Zensur geholfen.

Mehr Culture Clash:

  • Nichts als Kunst, Kunst als Nichts
    Eine Londoner Galerie zeigt 50 unsichtbare Kunstwerke. Wieder ein Zeichen, dass die Welt nicht mehr lange steht.
    Ist das Ende der Welt nahe?
    Wir fragen um. Ist das Ende der Welt nahe? Jeder siebente Weltbürger sagt: Ja! Ein sicheres Indiz dafür ist die grassierende Umfrageritis.
    Scheinheilig gesprochen
    Warum regt uns der Zölibat so auf? Vielleicht, weil wir unser Streben nach Heiligkeit an die Priester delegiert haben.
  • Sex wie im alten Rom
    Sind wir mit unseren Lebensweisen wieder in der Antike angekommen? Und sind deswegen das Christentum und seine Moral heute so sperrig?
    Aufregende Ehelosigkeit
    Was immer man theologisch gegen den Zölibat sagen möchte, pragmatisch hält er dem Vergleich mit Seelsorger-Ehen stand.
    Trennungsschmerzen
    Wie soll ein säkularer Staat mit einer Minderheitenreligion umgehen, von deren Kultur sich das Volk mehrheitlich nicht trennen will?
  • Religiöser Überfall
    Sonntagsfreies Pölten. Wenn eine einminütige Karfreitagsstille im ORF ein religiöser Überfall ist, dann bitte auch keine Weihnachtslieder mehr im Öffentlich-Rechtlichen!
    Der Tod in Preußen
    Eine Studie belegt, dass die Suizidgefahr in protestantischen Gegenden höher ist als in katholischen. Aber wie viel hat das tatsächlich mit Religion zu tun?
    Kompetenz oder Anmaßung?
    Warum die EU heute eine Bürgerrechtsbewegung ist und die Kommission dabei trotzdem an Kaiser Franz Josef erinnert.

Top-News