Der Hessische Rundfunk hat eine Studie zum Thema „Was glauben die Hessen“ in Auftrag gegeben. Sie ist recht sauber gearbeitet und bietet reichhaltiges Material. Manches bedürfte einer Erklärung, etwa wenn man liest, dass von den muslimischen Hessen jeder fünfte der Aussage zustimmt: „Ich fühle mich als Christ, aber die Kirche bedeutet mir nicht viel.“ Und auf manches könnte auch ich, obwohl kein Neuling in der Thematik, erst nach ein paar Jahren Nachdenken antworten. Etwa ob der Satz gilt: „Für mich trägt das Leben seinen Sinn in sich selbst.“ Darauf antwortet es sich nicht so leicht wie auf die Frage, wie frisch man auf einer Skala von 1 bis 5 das Gemüseangebot im Spar findet.
Einfach ist auch dieser Satz nicht: „Ich bin davon überzeugt, dass in religiösen Fragen vor allem meine eigene Religion recht hat und andere Religionen eher unrecht haben.“ Nur 12 Prozent der Protestanten, 18 Prozent der Katholiken und auch nur 37 Prozent der Muslime in Hessen tun das. Michael Ebertz, der Studienautor, nennt diesen Satz in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau „die Einstiegsdroge in den Fundamentalismus“. Von da sei es nicht weit zur Aussage: „Dann haben die anderen auch kein Existenzrecht.“
Also ich würde den Satz trotzdem bejahen, denn welchen Sinn hat es, einer Religion anzugehören, wenn man ihre Glaubenssätze für im Schnitt gleich falsch wie die aller anderen Religionen hält? Aus der Logik der Sache heraus scheinen mir auch Überzeugtsein und Unduldsamkeit nicht zwingend zusammenzuhängen. Spielt es in der Laufbahn zum Hooligan eine Rolle, ob man glaubt, dass die eigene Mannschaft die „richtigeren“ Ansichten über Fußball hat? Wer gern die anderen haut, bezieht doch sein Selbstwertgefühl nicht deswegen aus der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, weil diese recht hat, sondern weil sie meine ist.
Es kann natürlich schon einen klaren Zusammenhang zwischen Überzeugungsgrad und Gewaltbereitschaft geben: wenn die Glaubenssätze selbst zur Gewalt aufrufen. Je mehr ich sie für wahr halte, desto lockerer sitzt dann meine Faust. Dafür wäre das Christentum aber theoretisch ungeeignet – mit seinem Andere-Backe-Hinhalten und dem ganz ungärtnerischen „Reißt das Unkraut nicht aus!“. In meiner Erfahrung macht wirkliche christliche Überzeugtheit gelassen. Dass es über viele Jahrhunderte in der Praxis nicht danach ausgeschaut hat, lässt mich fragen: Wie christlich waren diese Jahrhunderte wirklich? Wohl nicht so, wie ich das Christentum verstehe, von dem ich glaube, dass es vor allem recht hat – auch wenn in den anderen Religionen viel Wahres zu finden ist.
Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2012)















