Überzeugtes Zweifeln

04.02.2012 | 18:22 |  von Michael Prüller (Die Presse)

Wie man im Kino von Meisterspionen lernt, dass nicht die Überzeugung den Fanatiker ausmacht, sondern der unterdrückte Zweifel.

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Im soeben angelaufenen Thriller „Tinker Tailor Soldier Spy“ erzählt der britische Agent George Smiley, wie er einst versucht hat, den sowjetischen Spion Karla zum Überlaufen zu bewegen. Der Russe aber folgte einem Rückkehrbefehl nach Moskau, obwohl er damit rechnen musste, dort – es war die Zeit der „Säuberungsaktionen“ – erschossen zu werden. „Er hätte sich also lieber erschießen lassen als nachzugeben?“, fragt Smileys junger Kollege. „Ja. Und deswegen weiß ich, dass er besiegbar ist. Denn er ist ein Fanatiker. Und der Fanatiker verbirgt immer einen geheimen Zweifel.“

Das bringt uns zum vorwöchigen Thema dieser Kolumne zurück. Ich habe Einspruch erhoben gegen die Einschätzung eines Soziologen, dass die Zustimmung zum Satz: „Ich bin davon überzeugt, dass in religiösen Fragen vor allem meine eigene Religion recht hat“, die „Einstiegsdroge“ zum Fundamentalismus darstelle.

Mein Einwand, dass tiefe Überzeugung eher gelassen macht als fundamentalistisch, würde von Smileys Beobachtung gestützt. Aber stimmt sie? Jedenfalls als Binsenweisheit, weil jeder zweifelt, der glaubt – also auch der Fanatiker. Aber vielleicht ist das Smiley'sche Diktum wirklich weise – in der Betonung auf dem „geheimen“ Zweifel. Der Unterschied zwischen Fanatiker und gelassenem Gläubigen könnte tatsächlich vor allem der sein, dass der Letztere sich entkrampft, indem er mit seinen Zweifeln offen umgeht, sie sich und anderen eingesteht. Während der Fanatiker den inneren Zweifel eben durch Fanatismus zu unterdrücken sucht.

Gut und schön. Aber wenn wir zweifeln – können wir dann überhaupt sagen, wir seien davon „überzeugt“, dass vor allem unsere eigene Religion recht hat? Yes we can. Denn es ist ein Trugschluss, dass Überzeugung und Zweifel unvereinbar seien. Der katholische Jugendkatechismus „Youcat“ bringt das Beispiel: Wenn mein bester Freund, der außerdem versierter Fallschirmspringer ist, meinen Fallschirm gepackt hat und ich ihm daher glaube, dass ich den Schirm vor dem Absprung nicht mehr kontrollieren muss, dann ist das eine Überzeugung, die aus einem konkreten Vertrauensverhältnis kommt. Im „Youcat“ will man damit zeigen, das „Glauben“ im Christentum nicht bloß ein Für-möglich-Halten ist, sondern eine Gewissheit aus der vertrauensvollen Beziehung zu Christus. Für unsere Überlegungen würde ich ergänzen: Diese Gewissheit schließt nicht aus, dass mir in 3000 Meter Höhe nicht plötzlich der bohrende Gedanke kommt, ob mein Freund nicht vielleicht dieses einzige Mal beim Packen abgelenkt gewesen sein könnte. So lebt der Zweifel in der Überzeugung wie der Wurm im Apfel.


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com
DiePresse.com/cultureclash

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2012)

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1 Kommentare
Gast: Be-obachter
05.02.2012 15:50
1

Obige Schlussfolgerung

setzt die Fähigkeit zum rationalen Denken voraus.
Richtige religiöse Fanatiker vernachlässigen diese Fähigkeit.

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