Vor zwei Wochen stand hier, dass es meiner Erfahrung nach gelassen und nicht fanatisch macht, überzeugter Christ zu sein. Denn das Christentum lehrt, die andere Backe hinzuhalten und das Unkraut nicht auszureißen, fest im Glauben zu stehen, aber in Liebe alles zu ertragen. Ein Leser hat dazu einen interessanten Einspruch gepostet: „Stichwort wirkliche christliche Überzeugtheit – die verbrennt nämlich keine Hexen, zwingt anderen nicht den Glauben auf und hat auch nichts mit der Inquisition zu tun. Wenn Sie, Herr Prüller, diese geschichtlichen Tatsachen nicht als christlich anerkennen, wird es im Gegenzug sehr schwer, ein christliches Abendland zu postulieren.“
Schwer, aber nicht unmöglich. Die Frage „Bin ich eigentlich christlich?“ stellt sich ja für den einzelnen Menschen anders als für ein ganzes Abendland. Ein Abendland kann keine persönliche Gottesbeziehung aufbauen und auch nicht in den Himmel kommen. Ein Einzelner kann daher im Angesicht der Anders- oder Garnichtgläubigen gelassener bleiben als ein Staat oder ganzer Kulturraum, dessen einigendes, vielleicht sogar konstitutives Element das Christentum ist. Das kann freilich jeder Religion passieren: Wenn sie die Hauptunterscheidung zwischen „uns“ und „den anderen“ ist, wird auch die friedliebendste Religion zur Militanz missbraucht.
Insofern neige ich tatsächlich dazu zu sagen, dass ein Zeitalter wie das unsere, in dem das Christentum eine Option des Einzelnen und keine Nationaleigenschaft ist, in vieler Hinsicht „christlicher“ ist als frühere Zeiten. Aber ist deswegen der Begriff „christliches Abendland“ schon ein Widerspruch in sich?
Ich denke, dem ist nicht so. Ist nicht der Inbegriff des Sommertags die Helligkeit, trotz seiner Schatten? Trotz aller Unentspanntheiten des Abendlands ist in meinen Ohren seine Grundmelodie die einer christlichen Gelassenheit, der wir unsere Begriffe von Freiheit und Menschenwürde verdanken. Man sieht es etwa an der typischen Hervorbringung des christlichen Hochmittelalters, der Universität: ein Ort, an dem die Bereitschaft herrscht, „die eigenen Irrtümer durch überzeugende Erkenntnisse welcher Herkunft auch immer korrigieren zu lassen“ (Walter Ruegg), und wo man so, in den Worten des Theologen Gottfried von Fontaines (†1304), zu jener These kommt, „die der gerechten Vernunft am besten entspricht, und nicht, die irgendjemandem besser gefällt“. Hier begegnen wir ihr, der inneren Gelassenheit, die aus christlicher Überzeugung kommt. Und hat sich im christlichen Abendland diese Gelassenheit nicht immer und immer wieder gegen alle Fanatismen durchgesetzt?
Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2012)















