Der Tod in Preußen

17.03.2012 | 18:28 |  Michael Prüller (Die Presse)

Eine Studie belegt, dass die Suizidgefahr in protestantischen Gegenden höher ist als in katholischen. Aber wie viel hat das tatsächlich mit Religion zu tun?

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Die deutschen Ökonomen Sascha Becker und Ludger Wößmann haben sich eines heiklen und von der Volkswirtschaft selten behandelten Themas angenommen und untersucht, ob die Konfessionszugehörigkeit Einfluss auf die Selbstmordrate hat, und wenn ja, warum.

Dazu haben sie Preußen untersucht: In protestantischen Gegenden lag dort die Selbstmordrate fast dreimal so hoch wie in katholischen, sowohl um 1820 wie um 1870. Die Besonderheit dieser Studie ist, dass die Autoren sorgfältig untersucht haben, ob nicht andere Faktoren die Unterschiede erklären können. Klima und Wetter etwa, die Urbanisierung in protestantischen Gebieten oder dass Katholikenselbstmorde gerne als Unfälle gemeldet wurden, um ein kirchliches Begräbnis zu erhalten. Aber siehe da: Die Korrelation zwischen Konfession und Selbstmordrate blieb robust.

Die Autoren erklären das so: Für beide Gruppen sei Selbstmord eine Sünde. Aber der Protestantismus sei individualistischer. Es gibt daher weniger Halt und auch weniger Weiterlebensdruck durch die Gruppe. Zweitens: Der Protestant glaube, dass allein die Gnade Gottes ihm den Himmel aufschließt – für den Katholiken trügen auch die eigenen Werke dazu bei, er müsse fürchten, dass der Suizid ihn in die Hölle bringt. Schließlich sei Selbstmord die einzige Sünde, die man nicht beichten kann, was bei den Protestanten, die die Beichte nicht praktizieren, nichts ausmache.

Wie sieht das aber heute aus, da doch die Intensität der Religion (was etwa Beichte und das Nachdenken über das ewige Leben betrifft) vielfach stark abgenommen hat? Becker und Wößmann haben dazu den heutigen Zustand jener zehn OECD-Staaten verglichen, in denen Protestanten oder Katholiken noch einen 85-Prozent-Anteil haben: In den protestantischen Ländern ist die Selbstmordrate fast doppelt so hoch wie in den katholischen.

Was sagt uns das? Leider wenig, außer dass die Statistik halt auch ihre Grenzen hat. Denn bei einem Vergleich von Ländern wie Schweden, Norwegen, Dänemark und Island auf der einen Seite und Italien, Polen, Portugal, Spanien, Mexiko und Luxemburg auf der anderen fällt mir sofort ein halbes Dutzend nicht konfessioneller Erklärungen ein (und da ist die Ausstrahlungshäufigkeit von Ingmar-Bergman-Filmen noch gar nicht dabei). Zum Beispiel, dass die Dauer der Sonneneinstrahlung mit der Suizidhäufigkeit korreliert, was Länder mit Mitternachtssonne vielleicht besonders trifft. Schweden, Norwegen und Dänemark gehören außerdem zu den fünf Ländern Europas mit dem geringsten Glauben an Gott. Vielleicht hat das mehr Erklärungskraft?
Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2012)

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1 Kommentare
Gast: dik
28.03.2012 19:51
0 0

Deklarationsfehler

Das Ganze beruht möglicherweise auf einem Deklarationsfehler: weil im Katholizismus Selbstmord eine schwere Sünde war und Selbstmörder nicht kirchlich beerdigt wurden, eben deswegen wurden in katholischen Regionen sehr oft Falschgutachten von Ärzten (teilweise nach Bestechung) ausgestellt, die den Selbstmord vertuschten.

Die geringere erhobene Zahl an Selbstmorden in katholischen Regionen beruht daher auf einem Messfehler, der auf der mit dem Katholizismus zusammenhängenden Verlogenheit und Korruption beruht.

Und das sage ich als - zugegebenermaßen kritischer - Katholik.

Der Protestantismus war da immer ehrlicher ...

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