Sex wie im alten Rom

28.04.2012 | 18:04 |  Michael Prüller (Die Presse)

Sind wir mit unseren Lebensweisen wieder in der Antike angekommen? Und sind deswegen das Christentum und seine Moral heute so sperrig?

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Mir persönlich hat die intellektuelle Szene im deutschsprachigen Raum eine etwas zu biedere Gleichförmigkeit. Jedenfalls erstaunt es mich immer wieder, dass nonkonformistisch-geistreiche Literatur oft nicht ins Deutsche übersetzt wird. Etwa das Buch „Full Circle“, in dem der britischen Publizist Ferdinand Mount die These ausführt, dass wir heute in „Lifestyle“ und „Mindset“ weniger in einer gänzlich neuen Epoche der Menschheit, sondern vielmehr wieder in der Antike angekommen sind – als seien wir Zeitgenossen von Tiberius oder Sokrates.

„Wir haben“, sagt Mount, „eine Rundreise unternommen. Wir sind rund um den Hafen gesegelt und haben das schimmernde, dunstverhangene, grenzenlose Meer gesehen. Und nun, nach fast 2000 Jahren, sind wir wieder bei der Anlegestelle, von der wir einst aufgebrochen sind.“ In vielen Phänomenen spielt Mount diese These durch – vom Körperkult über die Promi-Verehrung, die Vergötzung der Kunst bis zum Sex. Darauf habe ich vorige Woche angespielt, als ich ausgehend von der Zölibatsdebatte die Frage eines Psychotherapeuten erwähnt habe, wie lange denn die katholische Kirche „eine Sexualmoral nach antikem Modell mit sich weiterschleppen“ könne.

Meine These dazu ist, dass das heutige Problem mit der katholischen Sexualmoral in Wirklichkeit genau daherkommt, dass diese eben nicht das „antike Modell“ ist. Das würde nämlich perfekt in unsere Zeit passen, deren Auffassung von Sex laut Mount irgendwo zwischen der von Aristoteles und der von Lucretius liegt: „einerseits ein natürlicher und Bindungskraft entwickelnder Bestandteil einer gesunden Beziehung und andererseits eine ebenso gesunde, aber emotional wenig Ansprüche stellende Form der körperlichen Betätigung“.

Im Christentum – zumindest im katholischen und orthodoxen – ist Sex aber keine so banale Sache. Das kommt daher, dass es auch die Ehe nicht als die banale Sache sieht, die heute mit so gut auch in die Antike passenden bleichen Vokabeln wie „Beziehung“ oder „Partnerschaft“ beschrieben wird. Die Ehe ist etwas viel Größeres (bitte verzeihen Sie den predigthaften Ton): eine in der Natur des Menschen angelegte Existenzform, in der Mann, Frau, Liebe, Sex und Fruchtbarkeit ein von Gott perfekt gefügtes, ineinander passendes Gebilde ergeben, das die Beteiligten, wenn sie das nur zulassen, zur Heiligkeit führt, also zur Fähigkeit, die Gegenwart Gottes genießen zu können. Okay, das war jetzt vielleicht ein bisschen starker Tobak fürs Sonntagsfrühstück. Aber nächste Woche komme ich dann wirklich darauf zurück, was das alles mit dem Zölibat zu tun hat.


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2012)

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11 Kommentare
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Die Ehe ist etwas viel Größeres (bitte verzeihen Sie den predigthaften Ton): eine in der Natur des Menschen angelegte Existenzform, in der Mann, Frau, Liebe, Sex und Fruchtbarkeit ein von Gott perfekt gefügtes, ineinander passendes Gebilde ergeben, das die Beteiligten, wenn sie das nur zulassen, zur Heiligkeit führt, also zur Fähigkeit, die Gegenwart Gottes genießen zu können.

Nicht bös sein bitte, aber das ist ein Glaubensbekenntnis, mehr nicht!

Gast: Gratulation Herr Prüller
01.05.2012 01:29
1 1

Ein ausgezeichneter Artikel über das akutelle Zeitgeschehen

Endlich wird die Presse ihrem Namen und ihrem freien Auftrag wieder gerecht.

Eine wahre Freude solche Artikel lesen zu dürfen.

Die Leserschaft wirds ihnen danken.

Gast: WFL
30.04.2012 15:19
2 1

jenseits der Zib2

Schön, dass es in Österreich doch noch einige Kommentatoren gibt, deren tagesaktueller Bildungsstand über Krone/Kurier/Presse/Standard/ZiB1 hinausreicht.
(Wenn ein österr. Kommentator auch noch die ZiB2 konsumiert, hält er sich selbst eh schon für einen Intellektuellen...)

Auf jeden Fall ein Kommentar mit originellem
Gedankengang - bitte weiter so!

Sollen die Religiösen

die Heiligkeit Gottes genießen und die Anderen damit in Ruh lassen!

Gast: Viva
28.04.2012 23:52
3 0

Sexuelle Freiheit ist ein Indikator für eine Hochkultur

Das Sexualverhalten von Männern und Frauen drückt nicht nur deren persönliche Neigungen aus, sondern spiegelt zum großen Teil die Wertmaßstäbe ihrer Gesellschaft oder sozialen Gruppe wider. Wie sehr sie sich individuell auch voneinander unterscheiden mögen, ihr Moralverständnis ist, positiv oder negativ, immer von den Auffassungen ihrer gesamten Gesellschaft beeinflusst. In einer hedonistischen und toleranten Gesellschaft können sich die Menschen glücklich und sinnenfroh entfalten. In einer puritanischen und repressiven Gesellschaft neigen sie eher dazu, ängstlich und gehemmt zu sein. Im ersteren Fall gilt Sexualität als Quelle der Freude, im zweiten Fall wird sie als Schande missbilligt und verdrängt.
Sexuelle Freiheit gedeiht nur dort, wo es auch politische und ökonomische Freiheit gibt. Nur in einer solchen Gesellschaft erlebt Wissenschaft und Kunst eine blühte. Alle Kulturen sind in ihrer Blüte durch eine besonders hohe sexuelle Freiheit gekennzeichnet.

Re: Sexuelle Freiheit ist ein Indikator für eine Hochkultur

Das Problem mit Kulturen ist, dass ihre Blüte meist ihre gleichzeitige Verfallsphase ist.
Frieden und Wohlstand sind eingekehrt. Es gibt keine großen Eroberungen oder Verteidigungen mehr, alles ist konsolidiert. Man wird des Kämpfens müde und widmet sich Schöngeistigem. Wer immer dagegen anstürmt, ist erfolgreich...
Ein Kuriosum der Menschheit.
Wir sehnen uns nach Frieden und Wohlstand, doch sobald wir sie erkämpft haben, erlahmt unsere Kraft und wir werden von anderen hinweggefegt...
Römer von Germanen, Germanen von Hunnen und Völkerwanderung Ungarn von Türken, usw... Neues entsteht.
Nur bei einer Kultur, der römischen wissen wir von von sexueller Freizügigkeit, die mit der Saturiertheit einherging. In der Blüte? In der Dekadenz?

Nein, dieses Argument funktioniert nicht. Külturell lässt sich Freizügigkeit weder loben noch verdammen.
Wir müssen auf Grund unserer Ethik entscheiden, was wir wollen und was uns wichtig ist.
Und hierbei ist die Freizügigkeit gegen die Menschenwürde des jeweils anderen abzuwiegen.
Denn in unserer ach so freizügigen Gesellschaft gibt es wohl kaum weniger Beziehungsleid als früher - eher mehr.

Re: Re: Sexuelle Freiheit ist ein Indikator für eine Hochkultur

Hervorragender Kommentar.Danke!

Antworten Antworten Gast: Viva
01.05.2012 01:01
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Re: Re: Sexuelle Freiheit ist ein Indikator für eine Hochkultur (2)

Bezüglich der sexuellen Freiheit in alten Hochkulturen möchte ich Sie an die sexuelle Meditationstechnik Tantra und Werke wie Kamasutra aus der indischen Antike erinnern, oder wie in dem unten zitieren Artikel dargestellte Schilderungen aus dem alten Ägypten belegen, verweisen, siehe http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-71030049.html
Bezüglich des Verfalls der Kulturen mögen Sie Recht haben, wobei die sexuelle Freiheit aus meiner Sicht selbst nicht der Grund für den Verfall darstellt, sondern ein Anzeichen einer gewissen Reife einer Kultur ist. Außerdem trat der Verfall nicht unmittelbar nach der Etablierung der Sexuellen Freiheit auf, sondern die Kulturen bestanden nach der Etablierung der Sexuellen Freiheit noch Jahrhunderte weiter. Wenn man böse ist, kann man auch sagen, dass Westrom mit dem Aufkommen des sittenstrengen Christentums untergegangen ist.

Re: Re: Re: Sexuelle Freiheit ist ein Indikator für eine Hochkultur (2)

"Wenn man böse ist, kann man auch sagen, dass Westrom mit dem Aufkommen des sittenstrengen Christentums untergegangen ist." - da muss man allerdings recht böse sein, und Völkerwanderungen und ähnliche Phänomene leugnen, oder behaupten, sie wären von den Christen herbeigebetet worden...
Im Übrigen rede ich eigentlich auch eher von der Gesellschaft, als von den Einzelnen, mein letzter Satz war eher ein Postskriptum.
Auch muss ich zugeben, dass ich von Tantra und Kamasutra wenig weiss.
Ich sage auch nicht, dass die die sexuelle Freiheit zum Untergang führt, ich halte sie eher für eine Begleiterscheinung, aber eben des Verfalls und nicht der Blüte - auch wenn diese oft zeitgleich auftreten - wenn auch nicht immer durch die gleichen Protagonisten zu sehen.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Viva
08.05.2012 20:59
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Re: "Wenn man böse ist, kann man auch sagen, dass Westrom mit dem ...

S. g. Hr. Schenk!

Schauen sie bitte, was ich gefunden habe:
http://www.heise.de/tp/artikel/36/36880/1.html

Antworten Antworten Gast: Viva
01.05.2012 00:44
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Re: Re: Sexuelle Freiheit ist ein Indikator für eine Hochkultur

Ich habe in diesem Kommentar die sexuelle Freiheit nicht auf die Partner sondern auf die Gesellschaft bezogen gemeint, daher habe ich explizit nicht das Wort "Freizügigkeit" im Sinne von Untreue in einer Partnerschaft gemeint, sondern lediglich, dass gelebte Sexualität zwischen gleichberechtigten Partnerinnen und Partnern in gegenseitigem Einvernehmen keine Beschränkungen auferlegt werden darf. Für mich bedeutet sexuelle Freiheit, dass ein einvernehmlicher One-Night-Stand genau so von der Gesellschaft akzeptiert wird und die sexuelle Entwicklung nicht durch die Tabuisierungen und Verteufelungen beeinträchtigt wird. Ich erlebe in meiner täglichen Praxis, wie elterliche Botschaften, die da z.B. lauten "Gute Mädchen tun so etwas nicht" viele Frauen daran hindern, ihre Sexualität zu entfalten, worunter auch so manche Partnerschaft leidet.

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