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Wehleidigkeitskultur

23.06.2012 | 18:02 |  Michael Prüller (Die Presse)

Eine vernünftige Gesellschaft wird Gewalt gesetzlich ahnden – es ist aber keine gute Idee, Nettigkeit zur einklagbaren Pflicht zu machen.

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Die Richtlinie für britische Mediziner sagt, dass Ärzte ihre Ansichten über Religion, Politik oder Moral nicht in einer Weise äußern dürfen, „die die Verletzbarkeit des Patienten ausnützt oder geeignet ist, ihm zuzusetzen (to cause him distress)“. Im letzten Culture Clash ging es um einen britischen Arzt, der deswegen eine Verwarnung ausgefasst hat und mit Berufsverbot bedroht worden ist.

Ich verstehe diese Regelung. Als braver Katholik wäre ich auch nur begrenzt begeistert, würde meine Hausärztin mir plötzlich erklären, mein ganzes Beten sei doch nur Ausdruck einer frühkindlich erworbenen Zwangsneurose. So etwas gehört sich nicht, auch wenn ein Arzt ein Heiler und das Heil ein sehr weiter Begriff ist. Aber ein Berufsverbot? Ich würde einfach den Arzt wechseln.

Und damit sind wir beim Punkt, der mir unbehaglich ist: die Distress-Verbot-Kultur, die etwa in Großbritannien grassiert, aber auch schon auf den Kontinent übergegriffen hat. Nachdem die westliche Welt die echten Nöte (bis auf die Einsamkeit) im Griff hat, haben sich die Gesetzgeber, die sich ja irgendwie beschäftigen müssen, dem großen Feld der Distress-Vermeidung zugewendet und versuchen Schritt für Schritt, Nettigkeit zum Gesetz zu machen.

Ich finde es ja gut, wenn man höflich und taktvoll ist. Aber das gehört nicht in die Polizeikompetenz, sondern in die Erziehung: Ungemach aushalten lernen, aber möglichst nicht zufügen. Wenn aber der wehleidige Mensch (siehe das neue Buch: „In Anführungszeichen“ von Matthias Dusini und Thomas Edlinger, am 19. Juni in der „Presse“ rezensiert) die Norm des Gesetzes wird, ist das Distress pur.

Denn im weiten Land der möglichen „Ungemache“ wird immer nur ein Ausschnitt gesetzlich geahndet werden können – und das kann schnell Züge eines staatlichen Tugendterrors annehmen, der sich gegen alle Minderheiten und Mehrheiten richtet, die gerade nicht bei den gesellschaftlichen Eliten populär sind. Als religiöser Mensch macht mir auch Sorge, dass dabei die Religionen sofort und großflächig ins Visier kommen. Denn sie sind ja Distress-Macher per definitionem: Du musst dein Leben ändern! Du musst Opfer bringen! Bekehre dich, denn das Ende ist nah! Es macht zwar der Arzt auch ständig Distress (Du musst dein Leben ändern! Du musst Opfer bringen! Stelle deine Diät um, denn das Ende ist nah!), aber die Gesundheitsreligion steht als Einzige über dem Gesetz. Darum sind Witze über Dicke noch erlaubt.

Dass man nicht hintreten darf, ist klar. Aber wer ständig auf Zehenspitzen gehen muss, bekommt Haltungsschäden – und fällt leichter um.
Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2012)

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3 Kommentare

Witze über Dicke sind geschmacklos!

Vor allem im Beisein mit einer dicken Person. Sich zu enthalten zählt in diesem Fall zum guten Benehmen!

Gast: L’Osservatore Romano
24.06.2012 18:51
6 3

Ich danke meiner Schwesterzeitung, dass sie dem Propagandachef der Erzdiözese Wien ein Forum für seine Arbeit läßt, was bei Qualitätszeitungen, die nicht im Eigentum der Kirche sind, nicht der Fall ist.


Re: Ich danke meiner Schwesterzeitung, dass sie dem Propagandachef der Erzdiözese Wien ein Forum für seine Arbeit läßt, was bei Qualitätszeitungen, die nicht im Eigentum der Kirche sind, nicht der Fall ist.



http://derstandard.at/1339638841583/ChurchWatch-Die-Presse-als-Papst-Postille



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