Der Mensch fliegt auf den Mond, komponiert Opern und Symphonien, steigt auf Berge, durchwandert Eiswüsten, stellt Rekorde auf etc. um sich auszuzeichnen. So wie das Bedürfnis nach Essen und Trinken hat jeder Mensch ein Bedürfnis nach Anerkennung und Bestätigung. Er ist auf andere Menschen angewiesen.
Bereits das Kleinkind mit seinem ersten Lächeln kommuniziert mit der Mutter im Bemühen um „Anerkennung“. Durch eine unüberschaubare Vielfalt an Verhaltensweisen versuchen die Menschen, sich ihren Platz in der Gesellschaft zu erkämpfen. Jeder tut dies mit allen seinen Möglichkeiten und Mitteln. Der eine schneidet sich die Haare kurz, der andere lässt sie lang. Die einen ziehen sich an, andere aus. Aus den Anerkennungsverfahren oder Identitätsbestätigungen entsteht ein Selbstwertgefühl, das mit dem Selbstbewusstsein verknüpft ist. Selbstbewusstsein ist immer auch Selbstwertbewusstsein, die Übernahme der Anerkennung anderer ist ein Verhältnis zu sich selbst.
Der Drang nach Bestätigung. Insofern ist generell ein Streben, ein aktives Sich-Bemühen um soziale Anerkennung vorhanden. Von daher erschließt sich der Mensch als soziales (und kulturelles) Wesen, das in einem unaufhebbaren Verhältnis auf seine Mitmenschen bezogen ist. Menschliches Handeln ist daher nicht bloß triebgesteuertes Agieren und Reagieren – wie dies bei Tieren der Fall ist –, sondern der Mensch kann sich selbst betrachten. Man spielt Tennis und sieht sich spielen, man spricht und hört sich sprechen etc. Der Mensch ist in der Lage, sein Verhalten zu beobachten und zu bewerten. Er kann sich gleichsam von außen wahrnehmen, weil er ein Verhältnis zu sich selbst, ein Selbstbewusstsein, hat. Dieses braucht, um ge- und ertragen zu werden, stets sozial vermittelte Bestätigung, also durch Aufgabenbewältigung eine möglichst hohe soziale Vergütung in Form von Ansehen, Status usw. Der Mensch kann der Fernstellung zu sich nicht entkommen, sondern muss handelnd und strebend darauf antworten. Die Folge ist eine „Extension of Man“ (Erweiterung des Menschen), die sich in Artefakten, in der Technik oder eben im Sport manifestiert.
Im Sport schiebt der Mensch seine Leistung immer weiter hinaus, so wie den Horizont, je weiter er auf ihn zugeht. „You can't put a limit on anything. The more you dream, the further you get“, meint der zurzeit weltbeste Schwimmer Michael Phelps. Was den Sport auszeichnet sind seine klaren Symbole. Nur „schneller, höher, stärker“ oder Tore, Sekunden, Zentimeter zählen. Im Sport lässt sich die Leistung einwandfrei messen; der Beste wird wirklich als der Beste erkannt und quasi automatisch kommt ihm das entsprechende Prestige zuteil. Hier liegt eine wesentliche Ursache dafür, warum sich der Sport als hervorragende Möglichkeit für soziale Bestätigung, Ansehen und Festigung des Selbstbewusstseins anbietet. Die primäre und authentische Erfahrung, die im sportlichen Handeln gegeben ist, kann zu einer Bestätigung der Identität des Sportlers beitragen und motiviert ihn zu Höchstleistungen. Im Grunde geht es immer nur darum, die Bewunderung anderer zu erregen und auf diese Weise das eigene Selbstwertgefühl zu stärken.
Einfache Dichotomien. Im Sport kann man sich an einfachen Dichotomien wie Tor oder Gegentor, Sieg oder Niederlage, Freund oder Feind orientieren. Diese Orientierungsmöglichkeit an einfachen Kategorien zählt zu den Voraussetzungen für die passive Beteiligung eines Massenpublikums. Jeder kann den Sport verstehen, jeder kann ihn kommentieren, jeder kann sich als „Experte“ fühlen und jeder kann mit jedem über Sport kommunizieren. Die leichte Kommunizier- und Verstehbarkeit des Sports ist aber nur ein Faktor seiner Zuschauerattraktivität. Weitere wichtige Faktoren im Sport sind die Möglichkeiten zur sozialen Integration, zur Identifikation sowie zum Erleben von Spannung und Zeigen intensiver Gefühle. Daher entwickelten sich die Olympischen Spiele zu einer Unterhaltungsmaschine für jene Gesellschaften, die Zeit und Geld dafür haben. Und diese Zahl wird bei allem Elend und trotz aller Konflikte immer größer. Die Anbieter, die diesen Bedarf decken, werden immer mehr und die Sportler zunehmend besser und teurer.
Der Sport ist so zu einer riesigen Industrie geworden. Marktbezogenes Handeln und wirtschaftliche Erfolge treten immer häufiger neben die eigentlichen sportlichen Ziele. Dementsprechend gewinnen ökonomische Aspekte an Bedeutung. Die Organisation des Sports wird zunehmend nach Strukturen ausgerichtet, die für die Wirtschaft unserer Gesellschaft typisch sind. Der Sport gerät in den Sog rational gestalteter Wirtschaft. Es kommt zur Kommerzialisierung des Sports. Die zunehmend als „Events“ organisierten sportlichen Großveranstaltungen wie Europameisterschaften, Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele dienen vermehrt kommerziellen Interessen.
Kein Risiko, kein Sieg. Die enorme gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Bedeutung sportlicher Erfolge hat dazu geführt, dass im Sport immer häufiger instrumentelle Gewalt eingesetzt wird. Gezieltes Foulspiel kombiniert mit bedingungsloser Härte stehen auf der Tagesordnung. Die Pervertierung des Leistungsprinzips, wobei der Erfolg die Mittel heiligt, erfasst immer mehr Bereiche des Sports. Wer nicht Kopf und Kragen riskiert, steht im Spitzensport angesichts der totalen Härte und Brutalität auf verlorenem Posten. Es zeigt sich, dass der Sport uneingeschränkt die gesellschaftliche Erfolgsmentalität übernommen hat.
„Schneller, höher, stärker“ sieht folgendermaßen aus, wie Hans-Günther Schmidt, aktiver Spieler und langjähriger Handball-Nationaltrainer in Deutschland, schildert: „Ich habe kein einziges intaktes Fingergelenk mehr, das Nasenbein ist nach mehreren Brüchen verkrüppelt, Kapselerweiterungen in den Schultergelenken machen mir zu schaffen, die Platzwunden am Kopf habe ich schließlich gar nicht mehr gezählt, und Bänderdehnungen sowie Muskelfasereinrisse sind selbstverständlich geworden. Zu meinen schwersten Verletzungen zählt eine Hodenquetschung und zuletzt ein Wirbelsäulenschaden, der operiert werden musste. Nur knapp kam ich an einer Querschnittslähmung vorbei, und schmerzfrei bin ich eigentlich an keinem Tag.“
In diesem Zusammenhang ist auch die körperliche Gewaltanwendung von Sportlern gegen sich selbst und jene von Funktionären und Sportärzten gegen Sportler zu sehen. Dabei erstreckt sich die Palette körperlicher Manipulation von Cortison- und Vitaminspritzen, Eigenbluttransfusionen, Verbesserung der Fließeigenschaften des Blutes, die Verwendung von Beta-Rezeptorenblockern und Beruhigungsmitteln (wie Librium, Valium usw.), über Lokalanästhetika und Elektrostimulationen bis hin zur Verabreichung von wachstumshemmenden Mitteln, ja selbst operative Eingriffe und Schwangerschaften werden zur Optimierung von Bewegungsabläufen eingesetzt. Nichts scheint im Interesse des sportlichen Erfolges undenkbar; das ärztliche Ethos, der hippokratische Eid wird dem Primat des sportlichen Erfolges geopfert.
Die Versuchung wächst. Wenn man die ungeheuren Möglichkeiten des sozialen Erfolges und Aufstieges eines erfolgreichen Sportlers ins Kalkül zieht und die enorme Leistungsdichte der Spitzenathleten bedenkt, so wird die Versuchung zum Doping und zur verbotenen Leistungssteigerung immer größer.
Ohne Zweifel spielt der sich weltweit ereignende Dopingbetrug eine nicht unerhebliche Rolle. Spitzensportler, Trainer, Ärzte, Sponsoren, Veranstalter, Medien, Verbände, Staat, Justiz und Politik sind Teil eines gigantischen, international operierenden Dopingnetzwerkes, das durch Profitgier und Ruhmsucht angetrieben wird. In nahezu sämtlichen olympischen Disziplinen sind bereits Dopingverstöße aufgetreten, und heutzutage steht fast jede sportliche Leistung unter dem Verdacht, auf unfaire Weise erbracht worden zu sein.
Da Dopingmanipulationen in Situationen stattfinden, die sich einer öffentlichen Beobachtung und Kontrolle entziehen, ist das tatsächliche Ausmaß des Dopingproblems unbekannt. Hinzu kommt, dass immer wieder neue Dopingmittel und -methoden entwickelt werden (Stichwort: Gendoping), die nicht ohne Weiteres nachgewiesen werden können. Dopingtests werden unterlaufen und verschiedene Tricks (z. B. Enzympräparate in den Urinproben) werden eingesetzt, um nicht positiv getestet zu werden.
Doping ist übrigens nicht bloß ein Problem des Sports. Ebenso weit verbreitet ist das Enhancement, die Einnahme von versicherungspflichtigen Medikamenten, Nahrungsergänzungsmitteln und Stimulanzien im alltäglichen (Berufs-)Leben. Die künstliche Steigerung der Leistungsfähigkeit ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen.
Ein Ethos zum Überleben. „Schneller, höher, stärker“ ist daher in Zusammenhang mit Werten und Normen im Sport und in der Gesellschaft zu sehen. Als Kontrast zum kulturellen Ethos westlicher Industriegesellschaften sei etwa auf das Spiel der Eskimos in Alaska verwiesen. Im Überlebenskampf in einer rauen Umwelt sind Eskimos aufeinander angewiesen und haben daher eine sehr stark ausgeprägte Gruppenmoral entwickelt, die sich auch in ihren Spielen niederschlägt, wie die Anthropologin Lynn Ager berichtet: „The kind of competition I saw was one in which everyone tried to do his best but not at anyone else's expense.“ Im Vordergrund stehen nicht Wettkampf und Sieg, sondern Kooperation und Geschicklichkeit. Aber auch in unserer modernen Gesellschaft und im modernen Sport gibt es humane Werte. Der wichtigste Wert des Sport ist Fairness, der im Sport erfunden wurde. Fairness bedeutet: 1. Chancengleichheit, 2. Achtung des Menschen und 3. Einhaltung der Regeln. Klingt einfach, ist es aber nicht.
„Fair Play“ allein reicht nicht. Auf der Basis von Fairness wäre sogar das Dopingproblem lösbar. Es geht dann nicht mehr um Bestrafung und Sanktionen, sondern um Vertrauen. Das Fair-Play-Prinzip kann „schneller, höher, stärker“ oder menschliches Leisten in Konkurrenzsituationen auf humane Werte steuern. Fair Play gehört im Sport zum wahren, zum wirklich schönen Sieg. Moralisches Handeln ist die höchste Entwicklungsstufe, die der Mensch erreicht hat. Kein Bereich menschlichen Zusammenlebens ist von moralischer Bewertung und moralischem Bewusstsein ausgenommen, wobei Fair Play ein Ergebnis dieses Bewusstseins ist.
Das gilt besonders für den Sport. Im Sport wird die Ungerechtigkeit der Welt sichtbar. Es gibt kaum einen anderen Sozialbereich, der die Ideale der Gesellschaft besser abbildet als der Sport. Zum Beispiel, dass der Erfolg zählt, dass die bessere Leistung zur höheren Anerkennung führt. Gesellschaftliche und kulturelle Werte wie Fairness, Chancengleichheit, Erfolg usw., an die Menschen glauben, werden im Sport real vorgelebt.
Die Gültigkeit der gesellschaftlichen Werte und Normen wird auch jenen demonstriert, die im Alltag und auf ihrem eigenen Lebensweg oft entgegengesetzte Erfahrungen machen mussten. Im Sport wird der Erfolg nur durch die regelgeleitete Leistung erzielt. Sport erscheint als Ideal bzw. Utopie der Gesellschaft, weil in ihm eine Gegenwelt der „Eigenleistung“ besteht, wie sie in nahezu allen übrigen Bereichen unserer Gesellschaft nicht mehr vorzufinden ist.
Es zählt nur jene Leistung, die mittels eigener Kraft auf der Grundlage eines präzise festgelegten Reglements erzielt wird.
Otmar Weiss ist Leiter der Abteilung für Sportsoziologie am Institut für Sportwissenschaft der Universität Wien. Er war bis 2008 Präsident der European Association for Sociology of Sport und forscht besonders im Bereich der gesellschaftlichen Bedeutung des Sports.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2012)















