Sicherheitsschule der Nation

29.12.2012 | 18:04 |   (Die Presse)

Natürlich: Der Präsenzdienst muss dringend reformiert werden. Die Wehrpflicht aber soll bleiben – denn Gemeinschaft verpflichtet. Von JOHANNA MIKL-LEITNER

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Am 20.Jänner geht es um unser Land und um unsere Sicherheit. Aber noch mehr: Die Abstimmung zur Wehrpflicht wird zeigen, wie wir alle zu unserem Österreich stehen. Jedes Jahr leisten mehr als 20.000 junge Männer ihren Präsenz- und rund 13.000 ihren Zivildienst ab. Das ist ihr Dienst an der Gemeinschaft, ihr Bekenntnis zu Österreich und ihr lebendiger Ausdruck dafür, dass Staatsbürgerschaft nicht nur Garantie für vielerlei Rechte, sondern auch das Wahrnehmen von Pflichten beinhaltet. Ja, Österreich verpflichtet.

Wer diese Verpflichtung wahrnimmt, der zeigt: Man kann nicht immer nur nehmen. Man muss auch etwas zurückgeben wollen. Wir alle sind Österreich – und die Präsenz- und Zivildiener beweisen das täglich. Der einsame Verfechter des sogenannten Berufsheers, Verteidigungsminister Norbert Darabos, hat da ein ganz anderes Ideal: Er will, dass die Menschen alles an den Staat abgeben. Jetzt die Verpflichtungen – irgendwann womöglich die Rechte. Und das ist noch viel schlimmer, als dass sich der Minister seine Zahlen schönrechnet. Auch mit trickreichsten Zahlenspielereien lässt sich nicht verbergen, dass ein Berufsheer die teuerste Lösung ist: für das Budget und für die Gemeinschaft.

Natürlich: Der Präsenzdienst muss dringend reformiert werden – das wäre Aufgabe des Ministers gewesen, die er in den letzten Jahren nicht erfüllt hat. Die Monate beim Heer müssen effizienter gemacht, Leerläufe beseitigt werden. Mein Ziel ist, dass das Bundesheer zur Sicherheitsschule der Nation wird, in der junge Menschen ihre Persönlichkeit und Fähigkeiten ausbauen können und Hilfe zur Selbsthilfe lernen. Und: Nach der Grundausbildung sind zusätzliche Ausbildungsangebote zu machen. Die jungen Menschen sollen nach ihren Fähigkeiten eingesetzt werden, denn auch Grundwehrdiener sind „Profis“. Ich denke an den gelernten Zimmerer, der in einem Pionierzug beim Aufbau von Brücken punktgenau eingesetzt werden kann. Oder an den Maturanten einer EDV-HTL, der, richtig eingesetzt, mit topaktuellem Wissen sein Know-how im EDV-Bereich einbringen und weiterentwickeln kann. Anders ausgedrückt: Die Kompetenzen und Fähigkeiten junger Menschen gehören gefordert und gefördert, damit aus der Präsenzdienstzeit ein Mehrwert übrig bleibt.


Mehr Effizienz! Wir brauchen aber auch die gezielte, noch effizientere Ausbildung für den Katastrophenschutz, den unsere Soldaten schon jetzt eindrucks- und hingebungsvoll gewährleisten. Noch besser vorbereitet sein für die dunklen Tage, wenn Lawinen, Murenabgänge und Hochwasser Menschen um ihre Existenz bringen – das ist auch eine großartige Investition in die Zukunft. Wer als Wehrpflichtiger zu helfen gelernt hat, wird das auch sein ganzes Leben lang tun. Und zwar besonders effizient, weil er weiß, was zu tun ist.

Gerade in solchen Ausnahmesituationen lernen die jungen Menschen Dinge kennen, die sie für immer verändern. Was es heißt, sich aufeinander zu verlassen, wie viel Zusammenarbeit in ausweglos scheinenden Momenten bewirken kann, und dass es einen Lohn für Anstrengung gibt, der mehr wiegt als Geld: Dankbarkeit und das gute Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Würde das vom Verteidigungsminister gewünschte Berufsheer kommen, wäre das alles mit einem Schlag weg. Und damit auch mit einem Schlag mehr als 20.000 Präsenzdiener und rund 28.000Milizsoldaten. Dafür wird uns eine „Profimiliz“ angeboten, die erst einmal rekrutiert werden muss. Denn die besteht derzeit nur auf dem Papier. Die Werbekosten dafür würden explodieren, die Rechnung dafür begleicht der Steuerzahler. Und am Ende werden sich nicht genug „Profis“ finden.

Als Innenministerin bewegt mich jedoch freilich auch der zweite Teil des Problems, über das die Österreicher befinden werden: die Abschaffung des Zivildienstes. Denn eines ist natürlich klar: Ohne Wehrdienst gibt es auch keinen Zivildienst. Mehr als 13.000 junge Menschen, die alljährlich in Alten-, Behinderten-, Krankenpflege sowie in Kinder- und Jugendarbeit tätig sind, geben Österreichs Schwächsten, was sie am meisten brauchen: Unterstützung, Hilfe und Menschlichkeit. Viele der Zivildiener haben so ihren Berufsweg entdeckt. Als Ärzte, als Pfleger, als Sanitäter. Und viel mehr von ihnen – 75 Prozent! – fühlen sich den Organisationen, in denen sie tätig gewesen sind, so verbunden, dass sie als ehrenamtliche Mitarbeiter erhalten bleiben. Wir reden so viel von der Suche nach dem Sinn: Dort wird er sehr oft gefunden. Und das alles soll fallen?

Wir wissen, dass wir ohne die Leistung unserer Zivildiener die soziale Infrastruktur in unserem Land gar nicht aufrechterhalten können. Deshalb soll es hoch bezahlte „Freiwillige“ geben, die diese klaffende Lücke schließen?

Nein. Denn erstens: Man kann mit Geld nicht alles kaufen. Schon gar nicht Mitmenschlichkeit und Gemeinschaftssinn. Und zweitens: Dann haben wir in unserem Land eine Zwei-Klassen-Gesellschaft von hoch bezahlten und von unbezahlten Freiwilligen. Drei Millionen Menschen engagieren sich ehrenamtlich – bei der Freiwilligen Feuerwehr, der Nachbarschaftshilfe, der Bergrettung und vielen anderen gemeinwohlorientierten Vereinen. Stellen wir uns nur einen Augenblick lang unser Land ohne diese unbezahlte Leistung vor: Österreich würde nicht mehr funktionieren. Müssen sie sich nicht verhöhnt fühlen, wenn der Staat „Freiwilligkeit“ hoch bezahlt, sobald es ihm in den ideologischen Sinn passt?

Unsere Wehrpflicht hat sich seit Jahrzehnten bewährt, das Bundesheer in der Vergangenheit seine Aufgaben für Österreich immer zur Zufriedenheit erfüllt. Für unser Land und seine Menschen. Für unsere Neutralität. Für den Zusammenhalt. Für das Miteinander. Für das Österreich-Gefühl auch der „neuen“ Österreicher. Für Gegenwart und Zukunft. Bleiben wir dabei!

Johanna Mikl-Leitner, ÖVP, ist seit 2011 Bundesministerin für Inneres.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2012)

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15 Kommentare

Die gute dame erzählt hier von einem heer das es nicht gibt

Wäre sie selbst dort gewesen würde sie wenigstens rot werden wenn sie so etwas erzählt!

Volksbefragung - versus -abstimmung!!

Liebe Frau Minister Johanna Mikl-Leitner!
Sie schreiben:  ..... Die Abstimmung ..... !    Welche Abstimmung?  Sie meinen wohl die wirkungslose Volksbefragung?
Jetzt schlägst aber DREIZEHN!!  Früher wurde nur von flotten Moderatoren und Journalisten in Unterhaltungsmedien mit den Begriffen VOLKSABSTIMMUNG, Volksbefragung und Volksbegehren schlampig umgegangen. Seit Herbst wird auch in Qualitätsmedien (Die Presse, Kleine Zeitung, ORF Hörfunk OE1, ....) die zahnlose Volksbefragung als Abstimmung bezeichnet. Und nun kommen Sie und setzen diesem kolossalen Blödsinn die Krone auf!
Solche Verwechslungen sind zwar nicht Demokratie gefährdend, aber der politischen Bildung schadet es auf alle Fälle.
Ich erwarte Besserung. Es klingt ja alles (Volksabstimmung, Volksbefragung und Volksbegehren) sehr ähnlich, da können Verswechslungen passieren.
Vielleicht steckt eine perfide Strategie hinter diesem “sprachlichen Glatteis”? Alle 3 Prozeduren gelten als Instrumente der direkten Demokratie – klingt ja toll. V-abstimmung ist direkte Demokratie, die 2 anderen Prozeduren sind pure Volkspflanzerei! Ich plädiere dafür, diese Pflanzerei zu boykottieren!!
Vielleicht könnte ein Politologe oder ein Soziologe darüber fundiert und pointiert  berichten!?

zählen Frauen für die Ministerin nicht zur allgemeinheit?

und was ist dann mit ihr selbst?

"Man kann mit Geld nicht alles kaufen. Schon gar nicht Mitmenschlichkeit und Gemeinschaftssinn."


Aber mit Gesetzen erzwingen kann man die Mitmenschlichkeit? Ist ja sehr interessant Frau Minister.

Warum fordert Frau Mikl-Leitner nicht die Wehrpflicht für Frauen?

"Gerade in solchen Ausnahmesituationen lernen die jungen Menschen Dinge kennen, die sie für immer verändern...", "...sich aufeinander zu verlassen, wie viel Zusammenarbeit in ausweglos scheinenden Momenten bewirken kann...", "...das gute Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein..." - Wenn das Bundesheer ihrer Meinung nach tatsächlich eine so einzigartige persönlichkeitsbildende Rolle im Leben spielt, müsste man auch junge Frauen schleunigst mit der Wehrpflicht beglücken. Nur schaut die Realität leider anders aus: Ein Wechselbad aus Herumrobben am Waldboden in voller Montur und Leerläufen bringt weder den jungen Menschen etwas und schon gar nicht der Sicherheit der Allgemeinheit. Durch die Wehrpflicht entsteht ein immenser volkswirtschaftlicher Schaden, da die die jungen Männer als Steuer- und Sozialversicherungsbeitragszahler sowie kaufkräftige Konsumenten ausfallen.

das ist hauptsächlich inhaltsleerer politblabla

wie ihn Haider ghis weit besser beherrschte. Darabos war da schon konkreter hat aber leider auf den zivildienst und seine kosten ganz vergessen. ich werde gar nicht zur abstimmung gehen, es sei denn irgendeiner unserer politicos lässt sich dazu herab eine ordentliche kosten-nutzenrechnung für beide varianten - wenn möglich mit unverfälschten zahlen, zuviel verlangt? - auf den tisch zu legen.

Der gute Österreicher

Nicht die Wehrpflicht und dein Wehrdienst macht dich zum guten und pflichtbewussten Österreicher.

Ein aufrichtiger Patriot und guter Österreicher zahlt seine Steuern 100%. Dann kann sich der Staat auch ein richtiges gutes, und Gebrauchbares Militär leisten.

Das, meine liebe Ministerin ist Patriotismus für jeden Österreicher sei es ein Mann oder eine Frau und nicht der lumpige Militärdienst macht uns zu Patrioten und gute Österreicher.

Zu teuer?

Die Diskussionen über Wehrpflicht oder Berufsheer enden meistens in der Aussage: Ein Berufsheer ist zu teuer und das kann sich Österreich, angeblich eines der reichsten Länder der Welt, nicht leisten.
Eine solche Aussage ist falsch. Denn wenn es wirklich um die Sicherheit Österreichs geht, dürfen grundsätzlich nicht die Kosten entscheiden, auf welche Weise diese gesichert wird. Oder ist, wie 1938, daran gedacht, statt das Bundesheer (damals bestand Wehrpflicht)
den lieben Gott mit dem Schutz Österreichs zu betrauen (Dr.Kurt Schuschnigg ).

"Integration" à la ÖVP

Ich werde es nicht zulassen, dass meine Kinder aus rein politisch motivierten Gründen ein Jahr ihrer Ausbildung verplempern und statt dessen als Hilfsarbeiter einen Zwangsdienst zu einem Dumpinglohn verrichten müssen. Zum Glück haben meine Kinder (in weiser Voraussicht) neben der österreichischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Sollte die Wehpflicht bleiben, werden sie sich mehr übel als wohl für die Deutsche entscheiden. Das ist zwar Schade, weil sie dann dieses G'sindel nicht mehr abwählen können, aber dürfte ja ohnehin im Sinne der Partei und ihrem “Integrations”-Staatssekretär sein.

Re: "Integration" à la ÖVP

... und wieder drei gut integrierte Österreicher weniger.

Inversion

Was Mikl-Leitner sagt (Dienst an der Gemeinschaft etc.), würde ich mir als Argument eher von einem sozialdemokratischen Minister erwarten. Die SPÖ hat heute offenbar keine ideologische Substanz mehr, außer einen unreflektiereten Internationalismus.

Absurd

Fünfmal " junge Menschen" obwohl eigentlich nur von jungen Männern die Rede ist, daß wirkt schon fast ein bisschen verhöhnend. Die Wehrpflicht betrifft nur Männer, hier die politisch korrekte, geschlechtsneutrale Wortweise zu wählen ist unsinnig.

Vor Allem da Mikl-Leitner keine allgemeine Wehrpflicht will:

“Schauen Sie sich um in Europa, das gibt es nirgends”, so Innenministerin gestern Johanna Mikl-Leitner im VN-Interview: Über das Thema reden könne man erst, wenn die Geschlechter-Gleichstellung erreicht ist.

http://www.vol.at/wehrpflicht-fuer-frauen-auch-fuer-die-oevp-tabu/3436902
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Für die Frau BM ist die Hauptsache, vollkommen nichts-sagendes patriotisches Geschwurbel loszulassen. Mit ein bisschen Paranoia, daß Darabos dann mit dem Berufsheer bald die Diktatur einführen wird.

Über den Kern der Wehrpflicht, die Frage ob sie militärisch erforderlich ist, wird kein Wort verloren. Dank der Wehrpflicht hat die Republik Zugriff auf die maximal mögliche Mannstärke an Soldaten.

Das ist Mikl-Leitner aber vollkommen egal, sie möchte eh noch mehr zum Zivildienst drängen.

http://www.tt.com/Mo

Entlarvt

Dass ausgerechnet Angehörige einer sogenannten „Wirtschaftspartei“ dafür plädieren, Österreichs männliche Jugend beim raschen Einstieg in ein erfolgreiches Berufsleben über Monate zu behindern, schlägt dem Fass den Boden aus, wie man das früher einmal zu benennen pflegte.

Gut Ausgebildete Fachkräfte sollten Vorrang haben vor im Zwangsdienst verplemperter Zeit.
Denn wenn die Wirtschaft floriert, wenn die Außenhandelsbilanz stimmt, dann kann man sich auch eine Profiarmee mit allem Drum und Dran leisten und auch Arbeitsplätze für Pflegepersonal schaffen und nicht Arbeitssuchenden diese wegnehmen.

Aber vielleicht ist die ÖVP gar keine Wirtschaftspartei mehr...

Die vielen Worte mit wenigen Worten erklärt:


Wenn es nach den Aussagen der Frau Minister geht:

Kann und will der Staat das Heer nicht modernisieren und heutigen internationalen Standards anpassen.

Ist der Staat der Meinung, dass speziell die Jungen (Männer!) dieser Nation nicht richtig erzogen werden im Elternhaus und er dies durch Maßnahmen wie Zwangsrekrutierungen und Wehrpflicht ausgleichen muss.

Braucht der Staat dringend kostenlose Arbeitskräfte in allen Bereichen.

Wo haben eigentlich Frau Minister gedient?

Gemeinschaft verpflichten

aber nur für Männer

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