Olympia in Wien? Eine Bauchentscheidung

09.02.2013 | 18:20 |  von Wolfgang Maennig und Erich Thöni (Die Presse)

Von 7. bis 9. März sind die Wiener bei einer Volksbefragung aufgerufen zu entscheiden, ob sich die Stadt um die Olympischen Sommerspiele 2028 bewerben soll. Eine Gastanalyse.

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Wer sich um Olympische Spiele bewirbt, bekommt sie bestenfalls ausnahmsweise sogleich – selbst wenn eine Stadt so attraktiv ist wie Wien. Es ist nur ganz wenigen Bewerberstädten gelungen, sich beim ersten Mal durchzusetzen. Zu diesen Ausnahmen zählten z. B. Los Angeles 1984 – sie war aber auch die einzige Bewerberin – oder Innsbruck 1976 – das kurzfristig für Denver einsprang. Die frühere (gescheiterte) Bewerbung von Wien 1964 würde für 2028 wohl kaum „angerechnet“!

Insofern könnte es sich lohnen, zwischen der Diskussion um die Effekte von Olympischen Spielen und der Diskussion der Effekte einer Bewerbung an sich zu unterscheiden, und aller Wahrscheinlichkeit nach wäre die Diskussion um die Bewerbung zunächst angebrachter.

Der Kostenpunkt der Bewerbung für Wien 2028: zwischen 40 und 100 Mio. Euro. Weitere negative Effekte? Ja, vielleicht ist an dem Argument etwas dran, dass man mit solchen Projekten eine Weile von den „wirklichen“ Problemen ablenken kann bzw. abgelenkt wird. Positive Effekte: Wahrscheinlich werden ein paar neue (überfällige?) Sportanlagen bereits vor der IOC-Entscheidung 2021 errichtet, mit denen Wien dem IOC seinen „guten Willen“ zeigen kann. Vielleicht einige weitere Welt- und Europameisterschaften, mit denen sich Wien im Bereich des Sports international weitere Glaubwürdigkeit erarbeiten kann? Vielleicht zusätzliche nationale und internationale Aufmerksamkeit – wenn Wien es denn nötig haben sollte.

Eine solche Bewerbung stellt vor allem aber ein Projekt dar, bei dem Politik und Verwaltungen der unterschiedlichsten Ebenen und Regionen zusammenarbeiten müssen, bei dem der eine oder andere eingetretene Pfad der Entscheidungsfindung beschleunigt und/oder infrage gestellt werden muss. Mitarbeitende der (gescheiterten) Hamburger Olympia-Bewerbung erzählen beispielsweise noch heute, endlich einmal an einem stadtweiten Projekt gearbeitet zu haben, bei dem alle an einem Strang ziehen mussten. Gemeinsamkeiten seien entstanden, die noch heute tragen.

Alles in allem bestehen gute Chancen, dass sich die Ausgaben für eine Bewerbungskampagne lohnen dürften, wenn sich diese geschickt in die PR-Aktivitäten Wiens einbettet und als Forum für die Diskussion um Stadtentwicklungskonzepte genutzt wird. Andere Stadtväter, welche die Spiele gar nicht haben wollten, haben immerhin den Wert einer Bewerbung an sich erkannt. So gab es viele Jahre lang stets eine (chancenlose) Olympia-Bewerbung aus Taschkent: internationale Bekanntheit fast für „null“ – billiger ging es nicht. Erst als das IOC begann, von den Bewerbern eine Gebühr zu verlangen, mit denen die Begutachtungskosten gedeckt werden sollten, stellte Taschkent die Bewerbung ein.


Weg vom bloßen Konjunkturdenken. Bewerbungsinitiativen (und deren Gegner) aus den meisten Industrieländern können oder wollen eine solche Differenzierung zwischen einer Bewerbungskampagne und der tatsächlichen Ausrichtung der Olympischen Spiele jedoch nicht vornehmen. Etwas anderes als der Sieg schon beim ersten Anlauf erscheint ihnen kaum möglich.

Für Olympia-Befürworter bedeuteten die Spiele bis vor Kurzem ein allumfassendes konjunktur-, struktur- und wachstumspolitisches Programm, das in der Lage ist, fast alle Probleme einer Region oder einer Stadt zu lösen: Olympische Spiele als das billigste verfügbare Wirtschaftsprogramm, weil es zum großen Teil von außerhalb der Region kommenden Fernseh-, Marketing- und Steuergeldern finanziert werde. Erst in jüngerer Zeit hört man wieder das Argument vom Stolz, Gastgeber der Welt und ihrer besten Sportler zu sein, und das Argument der Begeisterung, die Olympischen Spiele den Teilnehmern und Zuschauern zu bescheren.

Die Olympia-Gegner stehen in der Überhöhung der Olympischen Spiele kaum zurück. Die ökonomischen Folgen der „Kommerziade“ für die austragende Stadt sind für sie sicher: Finanzkollaps, permanente Verkehrsstaus und horrende Miet- und Baupreissteigerungen erschweren das normale Leben. Die angestammte Bevölkerung werde aus ihrer Umgebung verdrängt, eine Umweltkatastrophe sei zu erwarten etc. Und alle Gutachten, insbesondere die Wirtschafts- und Finanzgutachten, welche die Machbarkeit der Spiele belegen, haben hiernach nur die Aufgabe, diesen Kollaps zu verbergen und die Situation schönzufärben; „Olympia“ also als eine ganzheitliche ökonomische, ökologische, soziale, finanzielle und politische Katastrophe.

Die „Wahrheit“ liegt irgendwo dazwischen, aber um es vorwegzunehmen: Wie Olympische Spiele in Wien wirken würden, hängt davon ab, ob fähiges und charismatisches Führungspersonal (Positivbeispiel London 2012) in die Verantwortung gelangt – und nicht etwa politische Versorgungsposten geschaffen werden oder nach Proporz gedacht wird. Die „Besten der Besten aus Österreich“ wären gefordert. Natürlich werden die Effekte davon abhängen, inwieweit diese Persönlichkeiten in der Lage sind, nachhaltige Planungen vorzunehmen, die Finanzierung zu sichern und die Kostenpläne einzuhalten. (Negativbeispiel Montreal 1976, Athen 2004). Es kann also schon jetzt eine typische ökonomische Antwort auf die Frage nach den Effekten Olympischer Spiele gegeben werden: Es hängt davon ab . . .

Derzeit sind nur relativ allgemeine Hinweise auf (Wirkungs-)Möglichkeiten sinnvoll, da keine konkrete Strategie vorliegt, welche die Bewerbungs-, Investitions-, Durchführungs- und Abschlussaktivitäten des Bundes, der Stadt Wien und anderer Institutionen, wie etwa betroffener niederösterreichischer Gemeinden, Tourismusverband der Stadt Wien, oder auch privater Unternehmen darstellt.


Bis zu zehn Mrd. Euro Kosten. Die Finanzierung Olympischer Spiele lässt sich in zwei bis drei Bestandteile zerlegen. Im sogenannten OCOG-Budget sind auf der Ausgabenseite operative Positionen zu verbuchen, also beispielsweise die Ausgaben für Sportwettbewerbe und für die Eröffnung- und Abschlussfeier. Hier sind auch Ausgaben für temporäre Auf- und Abbauten, Betriebsausgaben, Mieten etc. buchbar. Diese Ausgaben mögen je nach Lohn- und Preisniveau, Wechselkursrelation, Managementgeschick durchaus von Ausrichterstadt zu Ausrichterstadt variieren, dennoch ist ihre Bandbreite letztlich gering. Mehr als zwei Mrd. Euro (zu Preisen 2012) sind hierfür zu veranschlagen, und diese Ausgaben können durch die Marketing- und Ticketeinnahmen sowie IOC-Zuschüsse voll gedeckt werden.
Unsicherer sind die Investitionsausgaben für Infrastruktur (Stadien, Verkehrswege, Olympisches Dorf etc.), welche im NON-OCOG-Budget/Infrastruktur zu verbuchen sind. Für Peking 2000, wo kaum geeignete Stadien vorhanden waren, ein neuer Flughafen gebaut werden musste und die U-Bahn erhebliche Erweiterungen benötigte, werden Ausgaben von bis zu 30 Mrd. US-Dollar berichtet. Die Höhe dieses Finanzierungsbedarfes hängt also wesentlich davon ab, welche infrastrukturellen Defizite in einer Region in der Vergangenheit nicht angemessen angegangen wurden oder aus einer Zukunftsvorstellung vorgezogen werden. In voll entwickelten Gegenden, welche auch dem Sport hinreichend Aufmerksamkeit zollen, fallen die Investitionen geringer aus.

Wien mag bei den Sportinfrastruktur-Ausgaben eine gewisse „Problemzone“ haben. Welche olympiatauglichen Sportstätten gibt es überhaupt?

London 2012 stellte 18 Sportstätten mit Kapazitäten von 5000 bis 80.000 Zuseherplätzen bereit, davon waren fünf neu und „dauerhaft“ und vier neu und „vorläufig“ angelegt, die restlichen Anlagen waren vorhanden (Wembley, Wimbledon etc.) bzw. wurden adaptiert (Earls Court Exhibition Centre, Lords Cricket etc.). Insgesamt wurden für Infrastrukturmaßnahmen einschließlich U-Bahn-Modernisierung ca. 8,3 Mrd. Euro aufgewendet.

Im dritten Finanzierungsbereich der „NON-OCOG Operations“ sind z.B. Mehrausgaben für die Schmückung und Reinigung der Stadt zu buchen, vor allem aber die Sicherheitskosten. Athen 2004, die ersten Sommerspiele nach 9/11, wurden permanent durch AWACS-Flugzeuge gegen Terrorismus geschützt, und die Kosten hierfür sollen sich auf eine Mrd. Euro belaufen haben. Die Spiele in London 2012 wandten dafür ca. 1,5 Mrd. Euro auf.

Budgetplanungen für Wien 2028 sind bislang nicht bekannt, aber unter Berücksichtigung der genannten Erfahrungswerte erscheint ein österreichischer Ressourcenbedarf von bis zu zehn Milliarden Euro (zu Preisen 2012) nicht unrealistisch.

Zur relativierenden Einschätzung: Das Budgetvolumen aller österreichischen Gebietskörperschaften lag 2011 bei 192,4 Mrd. Euro, davon im Bund 131,1 Mrd. Euro und in Wien 12,1 Mrd. Euro. Da die Olympia-Ausgaben von 2022 bis 2028, also über sieben Jahre verteilt, anfallen würden, wäre mit einer Erhöhung der Ausgaben aller österreichischen gebietskörperschaftlichen Haushalte von durchschnittlich bis zu 0,7 Prozent pro Jahr zu rechnen, bei ausschließlicher Finanzierung durch Bund und Wien bis zu jährlich 1,0 Prozent dortselbst. Auch der Vergleich mit anderen Investitionsvorhaben in Österreich zeigt, dass Olympia, sofern gewollt, prinzipiell wohl machbar wäre. „Olympia-Kritiken“, die sich mit „Finanzkollaps“ und „Gigantismus“ überschreiben lassen, sind zum jetzigen Zeitpunkt nur bei speziellen, negativen Unterstellungen zutreffend. Wenn Österreich die Spiele haben will, wird es sie finanzieren können.


Wenig belastbares Material.
Dies bedeutet noch nicht, dass Olympische Spiele in Wien 2028 sinnvoll sind. Zwar würden sich österreichische Olympioniken eines Heimvorteils erfreuen, mit viel mehr Medaillen als sonst. Aber es gibt etwa keinerlei belastbare Ex-post- Studien, wonach solche Spitzensportevents sich positiv auf den Breitensport, auf die längerfristige wirtschaftliche und touristische Entwicklung oder auf soziale Fragen wie Integration, Erziehung u. a. auswirken. Immerhin gelang es einigen Ausrichtungsorten, ihre Stadtplanung und -entwicklung deutlich zu beschleunigen (München 1972, Barcelona 1992). Am wichtigsten erscheint jedoch, dass – bei geschickt gestalteten Partizipationsmöglichkeiten – die heimische Bevölkerung, aber auch das internationale Publikum ein unvergleichbares Erlebnis genießen können. Und dass Bilder von gut organisierten Sportveranstaltungen und fröhlichen Einheimischen das internationale Ansehen der Austragungsstadt und des Landes verbessern können.

Die „harte Faktenlage“ zu Wien 2028 ist wenig belastbar und wird es auch im März 2013 noch sein. Das Ergebnis der Befragung wird deshalb wohl eine Bauchentscheidung der Bevölkerung Wiens, was nicht schlecht sein muss, aber Risken birgt. Schade, dass nicht mehr Zeit und Information für die Entscheidung gegeben wird. Und schade, dass nicht alle Österreicher entscheiden dürfen, denn sie werden einen Großteil sowohl der Vor- als auch der Nachteile tragen.

Die Autoren

Wolfgang Maennig ist Professor für Ökonomie an der Universität Hamburg. Er hat die OlympiaBewerbungen für Berlin 2000, Leipzig 2012 und München 2018 als Experte beraten. 1988 hat er als Ruderer an den Olympischen Spielen in Seoul teilgenommen, von 1995 bis 2001 war er Präsident der deutschen Order.

Erich Thöni ist Professor am Institut für Finanzwissenschaft der Universität Innsbruck. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Öffentliche Finanzen, Föderalismus und Finanzausgleich sowie Sportökonomik.
Uni Hamburg, Uni Innsbruck

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2013)

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2 Kommentare
0 0

hat wien überhaupt so viel platz und geld?


oder stimmen sie wieder einmal darüber ab was sie mit dem land und dem geld der anderen machen wollen?

betrug

die wiener landestruppe holt sich das OK der bevölkerung ohne mitzuteilen was die bewerbung kosten wird..geschweige denn die olympiade selbst
betrüger!!

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