Heute Früh sind wieder fast 1,9 Millionen Menschen in Darfur in Zelten und unter Planen eines Flüchtlingslagers aufgewacht. Sie haben vermutlich nicht die vielen Kommentare in unseren Medien gelesen, in denen die Unstimmigkeiten über das Ausmaß des Klimawandels diskutiert werden und in denen die Klimakonferenz in Durban mehr oder weniger zynisch zum Scheitern vorverurteilt wird. Sie sind eben weit weg.
Und das erlaubt uns, den Klimawandel weiterhin aus der bequemen Position des Beobachters zu kommentieren. Dass dabei allerhand Scheingefechte zwischen den sogenannten Klima-Skeptikern und den in diesem Blatt so betitelten „akademischen Wurzelseppen“ ausgetragen werden, überrascht nicht. Was aber doch überrascht, ist, dass diese Gefechte nach wie vor nicht um den Kern des Themas geführt werden: Der Klimawandel findet statt, hat Ursachen, die vor allem hier bei uns zu suchen sind, und existenziell bedrohliche Folgen für Menschen in Regionen, die kaum etwas zu diesem Phänomen beitragen. Lieber befetzen sich die Akteure mit Details, Stilfragen und politischen Ideologien, als die groben Linien abzustimmen und die Größenordnungen klar zu machen.
Und am Beispiel Darfur – als eines von vielen möglichen – ist inzwischen der Beitrag des Klimawandels am beobachteten Problem der kriegerischen Auseinandersetzung, ethnischen Konflikte und fehlenden Rückkehrperspektiven klar nachgewiesen. Die Vereinten Nationen und deren Koordination der humanitären Hilfe im Sudan haben unter dem Titel „Beyond Emergency Relief“ im vergangenen Jahr Zahlen veröffentlicht, die die Abnahme der Niederschläge bzw. deren Unregelmäßigkeiten und die damit einhergehende rasante Veränderung der Agrarökosysteme in Zusammenhang mit dem menschengemachten Klimawandel bringen. Die vielfältigen Probleme der Region Darfur allein auf den Klimawandel zu schieben ist zu kurz gegriffen und fachlich falsch. Aber im Gefüge der vielen Ursachen, die sich gegenseitig beeinflussen, spielt dieser weltweite, hauptsächlich von uns angefachte Trend, eine wichtige Rolle.
Nie nur eine Ursache.
Regionale und noch viel mehr globale Phänomene haben nie nur eine Ursache. Es bleibt Klima-Skeptikern auch unbenommen, das Ausmaß oder die Geschwindigkeit des Klimawandels infrage zu stellen. Unklare, komplexe Systemzusammenhänge aber als Argument zu verwenden, gleich Entwarnung zu geben, ist unseriös. So war in einer anderen österreichischen Qualitätszeitung am 20. Juli ein Interview mit einem Klimaforscher zur Hungerkrise am Horn von Afrika zu lesen. Der Titel, den der Redakteur gewählt hatte, war: „Dürre in Ostafrika kein Effekt des Klimawandels“.
Auf die Frage des Redakteurs, ob man denn die Dürre am Horn von Afrika pauschal als erste erkennbare Folge des Klimawandels darstellen kann, antwortete der Klimaforscher mit: „Nein, es hat auch in der Vergangenheit immer wieder Dürrekatastrophen gegeben.“ Auf meine schriftliche Nachfrage präzisiert der Klimaforscher später, dass sich seine Antwort auf das „pauschal“ bezogen hat und dass „tatsächlich ein Einfluss eines sich verändernden weltweiten Klimas sicher gegeben ist. Allerdings ist der Klimawandel nicht die einzige Ursache für die Dürre.“ Mit welcher Intention entstehen dann solche Überschriften?
Zurück vom Horn von Afrika nach Darfur. Was wird es den Flüchtlingsfamilien in Darfur nun helfen, wenn wir ihnen sagen, dass der Klimawandel sicher nicht die einzige Ursache für ihre Probleme ist? Ist es Begründung genug, weiterhin nichts zu tun und darauf zu warten, bis wir in einem komplexen Systemzusammenhang eine einzige Ursache für ein Phänomen identifiziert haben? Nein.
Die schiere Geschwindigkeit, mit der sich in den letzten Jahren das Klima und damit die Wetterereignisse in einigen Regionen der Welt verändern, und die existenzbedrohenden Folgen, die das auch aufgrund der großen Anzahl von potenziell und bereits tatsächlich betroffenen Menschen hat, sollten eines deutlich genug machen: Es ist höchste Zeit, dass die Hauptverursacher des Phänomens – und das sind alle Regionen, die über der globalen Tragfähigkeitsgrenze leben, wirtschaften und Treibhausgase ausstoßen – ihre Verantwortung gegenüber den Menschen wahrnehmen, die die Folgen dieses Handelns zu spüren bekommen.
Transparenz für Einzelne.
Was ist also zu tun? Klar ist, dass von oben verordnete Rezepte und Handlungsanweisungen gerade im Fall des Klimawandels nicht greifen. Die notwendigen Maßnahmen sind inzwischen radikal. Sie gehen an die Wurzeln unseres Wirtschaftssystems.
Klar ist gleichzeitig, dass die bisherige Vermittlung der Erkenntnisse rund um den Klimawandel vor allem diejenigen Menschen erreicht, die bereits sensibilisiert sind. Und klar ist, dass Änderungen von politischen Rahmenbedingungen unter anderem durch einen ganz konkreten Bedarf von Bürgerinnen und Bürgern gestützt und beschleunigt werden. Der Mittelmeerraum zeigte in den letzten Monaten eindrückliche Beispiele für die Kraft der Bevölkerung.
Ein Baustein, den wir als gemeinnütziges Unternehmen beisteuern wollen, ist die Initiative „Ein guter Tag hat 100Punkte“ (www.eingutertag.org). Gemeinsam mit dem Grafikbüro Integral Ruedi Baur in Zürich stellen wir eine freie, selbst finanzierte und offene Plattform zur Verfügung, die die Auswirkungen unserer Lebensweise in einen Bezug zu einem verträglichen Treibhausgas-Budget jedes Menschen stellt.
Dieses verträgliche Maß des täglichen Ausstoßes an Treibhausgasen jedes Menschen auf der Erde übersetzen wir in 100Punkte. In den Bereichen Strom, Wärme, Mobilität, Konsum und Lebensmittel sind die Punktewerte von Produkten und Tätigkeiten gesammelt. Auf einen Blick wird deutlich, in welcher Größenordnung unsere Konsumgewohnheiten unser tägliches Treibhausgas-Budget belasten. Gleichzeitig zeigen sich unmittelbar die großen Handlungsoptionen: nicht Nützliches erst gar nicht konsumieren, die Nutzungsdauer von Dingen verlängern, Nutzen statt Besitzen und natürlich der Vorzug von regionalen Produkten, biologischer Produktion, Energieeffizienz und Nutzung von erneuerbaren Energieträgern.
Vor allem aber ermöglicht „Ein guter Tag hat 100 Punkte“, selbst Ansatzpunkte im eigenen Leben zu finden, und liefert nicht nur die pauschalen Rezepte, die meist so schlecht zur speziellen Situation von Menschen passen.
Forderungen an die Politik.
Staaten sollten aufhören, sich wie ungeschickte Klienten der Schuldenberatung zu benehmen: in der Hoffnung auf ständig steigendes Wachstum der Märkte, die möglicherweise erzielbaren höheren Steuereinnahmen der Zukunft schon jetzt zu verpfänden. Dramatisch zugespitzt findet nichts anderes in fast allen Industrienationen gleichermaßen seit Ende des Jahres 2008 statt.
Eine interessante Parallele zog Wolfgang Uchatius in der Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 10.November. Er greift einerseits die von John Meynard Keynes schon im Jahr 1930 geäußerte Vorhersage einer bevorstehenden Sättigung der Märkte auf, die mit ein Grund sein könnte, dass die auf Wachstum ausgerichtete Wirtschaftsmaschine aufgehört hat zu brummen und in immer weiteren Ecken und Nischen die fiktiven Zukunftsversprechen auf weiteres Wachstum sich als Chimäre herausstellen. Er zieht die Argumentationslinie weiter zu den Ursachen des Klimawandels, dem Ausstoß von Treibhausgasen, der im Gleichschritt mit dem wirtschaftlichen Wachstum immer weiter steigt. Leider bislang relativ unbeeindruckt von technologischen Innovationen im Bereich Energieeffizienz.
Die Heilsversprechen der grünen Industrie befeuern unsere Gier nach immer neuen Dingen. Der sogenannte Rebound-Effekt führt aber dazu, dass eingesparte Energie und Kosten unmittelbar wieder in andere Dinge investiert werden. Insgesamt steigt damit der Energieverbrauch und der Konsum weiter an. Seit Ende der 1970er-Jahre allerdings leider ohne uns dabei zufriedener zu machen.
Durst nach Sättigung.
So hat vielleicht also die Wirtschafts- und Finanzkrise ganz ähnliche Ursachen wie der menschengemachte Klimawandel? Die Gier nach immer mehr und der Verlust unseres Sättigungsgefühls.
Was aus meiner Sicht nicht taugt, um die aktuellen Herausforderungen anzupacken, ist eine von Unternehmen aufgegriffene, marketing- und wachstumsgetriebene Bemühung, mit sogenannten grünen Technologien den Teufel quasi durch Beelzebub auszutreiben.
Not tut ein distanzierter Blick auf die Größenordnungen, statt sich im Klein-Klein zu verlieren, eine Kommunikation, die alle Menschen gleichermaßen erreicht und kein Expertenwissen voraussetzt, und ein – im besten Fall nicht organisiert entstehender – Druck von „unten“ in Richtung der politischen Entscheidungsträger. Für ein gutes Leben hier und in Darfur und in anderen Regionen der Welt.
Martin Strele
Geboren 1974 in Bludenz.
Studium „Sustainable Agriculture and Rural Development“ an der Boku, TU und Uni Wien. Seminar für ländliche Entwicklung an der Humboldt-Universität zu Berlin. Mitbegründer und geschäftsführender Gesellschafter von Kairos, einer gemeinnützigen Firma für Wirkungsforschung mit Sitz in Bregenz. Lehraufträge an der Universität Innsbruck. Mitbegründer des SonnenSchein- Stipendiums und des Safer Future Youth Training Centres in Sierra Leone.
privat
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2011)















