Es ist das Jahr der Euroeinführung 1999. Zwölf Monate lang reist der holländische Schriftsteller Geert Mak kreuz und quer durch den Kontinent. (...) Nach fast tausend Seiten intensiver Reiseeindrücke, Erlebnisse und Begegnungen, aber auch voller Reminiszenzen an die bittere Geschichte des 20.Jahrhunderts beschließt der Erzähler seinen Reisebericht mit der resümierenden Einsicht: „Die Schwäche Europas, seine Vielgestaltigkeit, ist zugleich seine große Stärke.“
Maks Erfahrung holt narrativ die Theorie Europas ein, wie sie von David Hume, Baron de Montesquieu, Immanuel Kant und vielen mehr seit der Aufklärung entfaltet wurde. Folgt man dieser Theorie, so war es gerade die politische und wirtschaftliche Fragmentierung des Kontinents, ein Sonderweg verglichen mit Asien oder Russland (das darin ganz uneuropäisch war), der das „europäische Wirtschaftswunder“ begründete. Europa hat sich stets erfolgreich der zentralistischen Versuchung widersetzt. Nach dem Fall Roms im 5.Jahrhundert gab es kein geeintes Europa mehr. Nach dem Westfälischen Frieden 1648 war der Polyzentrismus das Signum des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ mit seinen dreihundert souveränen Staaten.
Das war kein Schaden, sondern Glück und Geheimnis des Erfolgs. Wissenschaftliche Neugierde, nutzbringende Erfindungen und wirtschaftliches Wachstum entwickelten sich parallel seit der Renaissance im Wettstreit der Völker und (Stadt-)Staaten. Dezentral begrenzte und verteilte Macht hat die Meinungsvielfalt gefördert, Kreativität ermöglicht, den Ehrgeiz des Wettbewerbs angestachelt und den Wohlstand genährt. Der Polyzentrismus der Landkarte bedeutete nicht Begrenzung, sondern Entgrenzung. Allenthalben gab es großartige Alternativen, die zur Emigration einluden, Gelegenheiten zum Exit für Propheten, Dissidenten und andere Abenteurer, die sich außer Landes bessere Karriere-, Ruhmes- und Einkommenschancen erhofften. „Anstatt auf Skaleneffekte eines imperialen Großraumes zu setzen, verließen die fragmentierten europäischen Staaten sich lieber auf die Flexibilität dezentraler politischer Entscheidungsfindung“, schreibt Eric Jones in seinem Bestseller „The European Miracle“. (...)
Größenvorteile. Aufgabe von Staaten ist es, öffentliche Güter für ihre Bürger zur Verfügung zu stellen, wofür diese, mehr oder weniger freiwillig, bereit sind, Steuern zu zahlen, sei es direkt oder später indirekt als Schuldendienst oder Tilgung von Staatskrediten.
Die Bereitstellung öffentlicher Güter wird für Staaten (also auch für die zahlenden Bürger) umso günstiger, je mehr Bürger dieser Staat zählt. Er profitiert von Größenvorteilen und dies aus doppeltem Grund: Eine öffentliche Verwaltung muss, wenn sie effizient arbeitet, eine gegebene Zahl von Staatsdienern nicht im gleichen Maße vergrößern, wenn sie Steuern für fünfzehn statt für fünf Millionen Bürger einzieht.
Die Pro-Kopf-Kosten eines öffentlichen Gutes sinken demnach mit wachsender Staatsgröße. Und: Ein größerer Staat kann mehr Sicherheit – ein größeres Heer, dickere Panzer, solideren Grenzschutz – bieten, ebenfalls zu geringeren Preisen. Daraus folgt: Zeiten der Bedrohung begünstigen größere Staaten. Friedliche Zeiten dagegen lassen kleinere Staaten in Ruhe überleben.
Gäbe es nur Größenvorteile, müssten alle Regierungen den Drang entwickeln, zum Weltreich zu werden. Das wäre eine ökonomische Begründung für Zentralismus und Imperialismus. Diktatoren könnten sich von solchen Weltreichen die maximalen Ausbeutungserträge versprechen. In dem häufig gehörten Diktum, nur die „Vereinigten Staaten von Europa“ hätten die Chance, in der globalisierten Welt den Blöcken Asien/China und Amerika die Stirn zu bieten, schwingt diese Überzeugung unreflektiert mit.
Dabei stellen sich in dem Maße, in dem Größe Vorteile bringt, auch Nachteile ein. Das sind Kosten, die man, grob gesagt, als Kosten der Integration beschreiben kann und mit den Größenvorteilen verrechnen muss. Je größer ein Staat wird, umso mehr nimmt auch seine innere Vielfalt und Heterogenität zu: Sprache, Ethnie, Tradition, Kultur und nicht zuletzt die regionale Wirtschaftskraft können höchst unterschiedlich verteilt sein, woraus sich für die innere Einheit eines Landes ein immer größeres Risiko ergibt.
Arme Reichsteile verlangen nach Transfers und drohen mit Randale, wenn diese ausbleiben. Reiche Teilregionen weigern sich, mit ihren Steuern auf Dauer die armen Landesteile zu finanzieren. Selbst ohne den Bürgerkrieg zeigt sich: Größere Länder neigen zu internen Ausgleichszahlungen (Transfers, „Risikostrukturausgleich“, Länderfinanzausgleich, „Soli“, Euro-Rettungsfonds), um den inneren Frieden zu wahren. Diese Kosten müssen erwirtschaftet werden und dämpfen zugleich das Wachstum aller. Das heißt umgekehrt: Je größer ein Land ist (mag es auch intern föderal organisiert sein), desto höher sind die Kosten, die sich der Heterogenität seiner Klassen, Milieus und Einkommensschichten verdanken. (...) Angesichts der überwältigenden und historisch offenkundigen Überlegenheit verwundert es, dass das klein- und stadtstaatliche Erfolgsrezept Europas einen derart schlechten Ruf hat. „Kleinstaaterei“ heißt nur einer der Spottrufe, den heute die Euroskeptiker (nicht: Europaskeptiker) ertragen müssen. Von Provinzialismus, „Kantönligeist“, „Flickenteppich“, „Kleingärtner- oder Spießertum“ ist die Rede, diffamiert meist als „Nationalismus“ (was zumindest „rechts“, wenn nicht noch mehr bedeuten soll). Solche Qualifizierungen werden vermehrt aus den Schubladen hervorgeholt, seitdem die Staatsschuldenkrise Europa erschüttert.
Der europäische Pfad. Die „Idee Europa“ gilt unausgesprochen als Idee des Großstaates, und die heutige Union wird stillschweigend als Vorstufe von etwas Größerem interpretiert, das noch zu verwirklichen sei (ja, wenn es nach einigen geht, von der Krise jetzt sogar erzwungen werden könnte). Europadenker, die die europäische Geschichte wenig kennen, verbünden sich mit konservativen und linken Intellektuellen, die von „geschichtsmächtigen Urenergien“ schwärmen, die eine größere Vergemeinschaftung und Vollendung Europas ermöglichen müsse.
So schwammig ihre Formulierungen daherkommen: Sie alle wollen ein Europa, das durch Größe und Zentralisierung im globalen Wettbewerb größere Skaleneffekte nutzen kann, und übersehen die hohen Integrations-, Transfer- und Haftungskosten, die anfallen würden und jetzt schon anfallen. Und sie vergessen vor allem, dass es das polyzentrische, aber zugleich offene Europa war, das seinen wirtschaftlichen und kulturellen Erfolg begründete.
Kleinstaaterei bei offenen Grenzen ist ein liberales und – Stichwort Subsidiarität – auch christliches Modell. Der nationale Großstaat mit geschlossenen Grenzen nach außen und hohen Zugangsbarrieren ist ein rechtskonservatives Modell. Ein Europa, das sich nach außen abschließt, seine Produkte auf den Weltmärkten subventioniert, sich nur nach innen öffnet und zugleich zentralisiert, hätte den erfolgreichen europäischen Pfad der vergangenen fünfhundert Jahre endgültig verlassen.
Sollte die Lehre der Krise sein, dass eine Vergemeinschaftung der Währung ohne Vergemeinschaftung der Fiskalpolitik ein grober Fehler war – und es sieht ganz danach aus –, dann muss nicht die Fiskalpolitik vergemeinschaftet, sondern die Währungspolitik wieder nationalisiert werden. Einst war die Hoffnung, man könne mit dem Euro, wie mit einer gemeinsamen Sprache, ökonomische Größenvorteile für alle nutzen. Die Idee mag nicht falsch gewesen sein. Doch inzwischen wissen wir, dass auch hier gilt: Die Gewinne durch Größenvorteile („gemeinsame Währungssprache“) wiegen weniger als der Verlust einer nationalen Geldpolitik, die die Möglichkeit hat, ökonomische Schocks (auch) durch Ab- oder Aufwertung abzufedern.
Abschied vom Euro. Vielleicht hätte es auch für den Euroraum eine optimale Größe gegeben, die aber überschritten wurde, als man damit begann, auch noch jedes periphere Schwellenland aufzunehmen – das fing schon mit Italien an, nicht erst mit Griechenland.
Wer das alles nüchtern abwägt, kann auch nüchtern den Euro als Fehlentwicklung verabschieden. Es hängen an ihm weder Heil, Glück, Wohlstand noch gar die Freiheit in Europa. Dann erhalten die Notenbanken der einzelnen Länder wieder die Souveränität über ihr Geld zurück. Ein nicht nur nach innen, auch nach außen offenes vereintes Europa, ein großer europäischer Binnenmarkt, braucht keine Gemeinschaftswährung. Europa braucht Vielfalt, nicht Einfalt.
Der vollständige Text erschien in Merkur, Nr.752, Jänner 2012. www.online-merkur.de/.
Rainer Hank
(*24.1.1953 in Stuttgart) studierte Literaturwissenschaft, Philosophie und Katholische Theologie in Tübingen und Fribourg (Schweiz). Promovierte 1983 über die Wiener Moderne. 1988 Eintritt in die Wirtschaftsredaktion der „FAZ“, inzwischen Ressortleiter Wirtschaft sowie „Geld & mehr“ bei der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Autor des Buches „Das Ende der Gleichheit“, das sich mit dem globalen Kapitalismus befasst.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2012)















