Die Geschichte von Serendip III

07.04.2012 | 17:51 |  von Raoul Schrott (Die Presse)

In Teil III der Geschichte des Kulturtransfers sehen wir, wie Johann Wetzel die Erzählung der drei Pilgersöhne des Königs von Serendip bei der Übertragung ins Deutsche vereinfacht – und dabei die erotische Erzählkraft des Textes in eine religiöse sublimiert.

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Als nun Kaiser Berami vom Kameltreiber über den ganzen Handel, und was die drei Brüder ihm für Wortzeichen gegeben hatten, genug Bericht vernommen hatte, wandte er sich mit grimmigem Gesicht den drei Jünglingen zu. Die, nachdem sie des Kaisers Urteil vernommen hatten, waren (wie leicht zu verstehen ist) etwas erschrocken; ihrer unbefleckten Conscientz oder Gewissens wegen jedoch antworteten sie Ihrer Kaiserlichen Majestät, sich auch ihrer Unschuld tröstend: Auf der Straße, wo das Kamel und ich gegangen sind – sagte der Ältere – sah ich, dass das Gras auf der einen Seite viel schlechter als auf der anderen war; und dieses schlechte Gras war einenteils zertreten, andernteils jedoch abgefressen. Das gute Gras auf der anderen Seite aber war ganz schön und ganz, darum hatte ich keinen Zweifel, dass das Kamel auf der Seite, wo das gute und gesunde Gras stand, blind war. Dass dem Kamel, sagte der andere, ein Zahn gefehlt hat, hab ich daran gemerkt, dass ich alle paar Schritte ein wenig gekäutes Gras, so viel etwa durch die Breite eines Kamelzahns gehen mag, habe liegen sehen. Es sagt der Dritte: Ich habe die drei Fußtritte auf der Straße, wo das Kamel gegangen ist, klar und deutlich gesehen, den vierten aber nicht: sondern dass das Kamel den einen hinteren Fuß nachgeschleift hat.*


Cristoforo Armenos „Pilgerfahrt der drei jungen Söhne des Königs von Serendip“ wurde 25 Jahre nach seinem venezianischen Erscheinen von Johann Wetzel ins Deutsche gebracht. Verantwortlich dafür war eine Venedigreise dieses in Basel – der Stadt von Sebastian Brandt, Erasmus, Holbein und Paracelsus – stationierten „Buchführers und Setzers“. Es nicht beim privaten Lesevergnügen zu belassen, sondern es zu übersetzen, begründet Wetzel damit, „dass er es würdig achte, das Büchlein Teutscher Nation mitzutheilen, meinem viel geliebten Vatterland“.

Der Sprache nach eindeutig Schweizer, fühlt sich dieser Übersetzer, Drucker und Buchhändler in Personalunion aber der Deutschen Nation verpflichtet. Das war marktstrategisch klug: Dem calvinistischen Basel stand der katholische Breisgau gegenüber, der jedoch in einem Reich aufging, das sich gerade überkonfessionell bekannt hatte. Zugleich zeichnet sich dahinter erneut der Typus der in einem Spannungsfeld stehenden Person ab, die von der Peripherie aus ein kulturelles Zentrum zu definieren sucht, um dem eine – in diesem Fall weniger ethnische, denn ethische – Identität abzugewinnen.

Wetzels Übersetzung aber war „dahin gerichtet, damit hierinn, als in einem Spiegel, klarlich erscheine, dass Zucht und Ehr, Kunst und Weisheit, sampt anderen Tugenden, einem jeden Menschen, reiche und armen, die höchste Zier sey: also dass billich alle christenlichen Eltern, viel mehr ein Schatz grosser Tugend, denn grosser Reichthumb, ihren Kindern zuverlassen, sich befleissen sollen, damit wir nicht von den blinden Heiden mit Tugenden überwunden werden und, wenn wir ihre Bücher lesen, billich schamroth werden.“

Sah Christoph, der Armenier, sich in Venedig einer überlegenen Zivilisation gegenüber, der er mit seinem Buch ein Zeugnis davon ablegen wollte, selbst nicht völlig unkultiviert zu sein, ruft Cristoforos Buch bei dem Eidgenossen Wetzel spiegelverkehrt dieselbe Reaktion hervor. Die durch eine Fremdkultur ausgelöste Dialektik – der Clash of Civilizations – ist damit ebenso sehr von Projektionen und Idealisierungen geprägt wie von realem Konkurrenzverhalten mit einem Orient, der zu der Zeit schon hinter Wien begann.

Was die für einen Kulturtransfer notwendige Anpassung an einen neuen Wirt betrifft, hatte Cristoforo bestens vorgearbeitet. Er hatte das andere des Persischen allzu großer Typik entkleidet: So entstanden Universalien – von „Zucht und Ehr, Kunst und Weisheit“– allgemeinmenschliche Figuren, denen ein christliches Mäntelchen umgehängt werden konnte. Genau das musste Wetzel in seinem populistischen Eifer angesprochen haben. Sein Anteil am Assimilationsprozess unseres Stoffes bestand hauptsächlich darin, die religiösen Botschaften zu akzentuieren und sie dem Volk pädagogisch zugänglich zu machen. Denn kraft Cristoforos waren aus den drei Prinzen Pilger geworden, ließen sich ihre Scharfsinnsproben mit reformatorischen Bibelauslegungen in Verbindung bringen und die Fabel als Parabel protestantischer Prinzipien verkaufen. So konnte Wetzel damit auch sagen: Schaut her, selbst die anderen hängen unserer Denkweise an. Der Kulturtransfer ist damit an einem Punkt angelangt, an dem eine fremde Wirklichkeit langsam zur Kulisse wird: Die darin auftauchenden Figuren lassen sich nun als Fürsprecher für das Eigene instrumentalisieren.

Dazu entfernt Wetzel die katholischen Wendungen seiner Vorlage oder ändert sie gemäß der eigenen kirchen-politischen Loyalität (und macht dabei aus „Mussulmanno“ einen Personennamen). Dem reformatorischen Geist des Buchstäblichen gemäß – dem wir unsere überzogene Vorstellung wörtlicher Übersetzungen verdanken – nützt er seinen Gestaltungsspielraum bei der Übertragung zwar kaum aus, simplifiziert dafür aber den Text. Viel wird nun durch Zusätze und Erklärungen doppelt gesagt, Motive werden verstärkt oder abgeschwächt und familiär-gemütliche Sprichwörter eingeflochten, auf dass „alles, das so zarten Ohren verdriesslich oder ergerlich sein möge, dergestalt moderirt und beschnitten worden, dass es von alten und jungen Manns und Weibspersonen wol mag ohne Scheuhen und Ergernuss gelesen werden“.

Die ursprünglich erotische Erzählkraft des Textes ist nun vollständig religiös sublimiert; sie soll – gleich der nunmehr jedem Heim zugänglichen Bibel – als Hausmittel und Herzenstrost dienen: „Die ander Ursach, darum ich dis Büchlein vertolmetschen wöllen, ist die, dass ich disen unbekannten Authoren mit sonderbarem Fleiss und grosser Kunst dahin zielen gesehen hab, wie alle Melancholey und Traurigkeit vertrieben, und gute Gesundheit erhalten werden möchte. Denn Traurigkeit und Hertzbeschwerden nicht allein den Leib, sondern auch den Geist dess Menschen offter mals betrüben und krencken, ja das Marck in den Beinen ausnagen und verzeren.“

Das beschreibt durchaus die Wirkung, die von einem als Virus betrachteten Text zu erwarten ist. Die erwiesene psychosomatische Wirkung von Literatur als Verkaufsargument war aber auch deshalb nicht unwesentlich, weil sich im Erscheinungsjahr des Buches die Pest gerade zum zweiten Mal durch Basel fraß. 1630 wurde Wetzels Übersetzung in Leipzig von Karl von Liebenau sprachlich aufgefrischt neu aufgelegt. Damit geriet unser Virus jedoch dort in Quarantäne: Deutschland war mehr mit sich und dem 30-jährigen Krieg beschäftigt, als dass es größeres Interesse an Orientalischem gehabt hätte.

✽ ✽ ✽

Erneut ist es die Religion, die dem Text zur – zwar noch nicht pandemischen, immerhin aber tardiven – Ausbreitung verhilft. 1573 flieht ein protestantischer Humanist und Hebräischgelehrter aufgrund des Massakers von Saint-Barthélemy nach Genf. Sein Sohn Béroalde de Verville (1556–1626) beginnt darauf in Basel eine Uhrmacher- und Goldschmiedlehre und studiert Medizin. Er kommt dabei nicht nur mit der Alchemie in Kontakt, sondern offenbar auch mit Wetzels Büchlein (oder mit dem italienischen „Original“): Wetzels Erscheinungsjahr fällt jedenfalls mit dem letzten Jahr von de Vervilles Aufenthalt in Basel zusammen.

Nach Paris zurückgekehrt, beginnt er ein beachtliches Œuvre von wissenschaftlichen, philosophischen und literarischen Publikationen. 1610 greift er für seinen 800-Seiten-Roman „Die wahre Geschichte oder die Reise der Glückseligen Prinzen“ nicht nur Lukian, sondern auch Cristoforos Fabeln auf, die er nun zu alchemistischen Parabeln umdeutet. Das Märchenhafte der Vorlage wird transmutiert in rätselhafteste Konstellationen medizinisch-wissenschaftlichen Geheimwissens. So wird aus unserem Kamel ein der Sonne folgender Chrysophor („Goldträger“), beladen mit seltenen Salzen gegen die Fallsucht und dem Honig jungfräulicher Fliegen gegen Ischias.

Dergestalt entsteht – in Vorwegnahme heutiger avantgardistischer Texte – ein verschlüsselter Text voller anagrammatischer Namen, Codes und Symbole, die auf eine Pluralität von einander oft entgegengesetzten Objekten verweisen. Um hinter einem solchen Trompe l'Œil eine natürliche Ordnung, hinter der artifiziellen Ordnung des Romans eine Chronologie und hinter dem Falschen das Wahre zu entdecken, muss der Leser sich erst vom Autor distanzieren. Das Lesen gerät darüber zur Invention – einem Wort, das zu de Vervilles Zeit „Entdeckung“ ebenso wie „Erfindung“ bedeutet. Die Scharfsinnsprobe der drei Prinzen, wird damit zu einer des Lesers, der den Text nach Indizien durchsucht, um das Fehlende zu bestimmen.

Mit seiner barocken Komplexität überschreibt und verändert de Vervilles Roman seine Vorlage völlig; dennoch bilden sich bereits zwei Phänotypen heraus, die noch folgenreich sein werden: Rätsellogik und Entdeckungsgeist.


Mehr davon nächsten Sonntag, den 15. April 2012.


Literatur: Wetzels Übersetzung von Cristoforo Armenos Peregrinaggio wurde vom Literarischen Verein in Stuttgart, 1896, ed. Fischer und Bolte, neu herausgegeben.

Zum Autor

Raoul Schrott
geb. 1964 im Tiroler Landeck, aufgewachsen ebendort sowie in Tunis und Zürich. Lebt heute in Österreich.

Nach dem Studium
der Literatur- und Sprachwissenschaft in Norwich, Paris, Berlin und Innsbruck arbeitete er 1986 als Sekretär von Philippe Soupault und unterrichtete Germanistik am Istituto Orientale in Neapel.

Werke
Schrott schreibt Romane („Finis Terrae“, 1995; „Tristan da Cunha oder „Die Hälfte der Erde“, 2003), Erzählungen („Khamsin“, 2002; „Das schweigende Kind“, 2012), Gedichte („Hotels“, 1997; „Weißbuch“, 2004) und erarbeitete zwischen 2005 und 2008 eine Neuübersetzung von Homers „Ilias“.
APA

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2012)

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