»Als Volk sind wir Barbaren«

05.05.2012 | 18:06 |  von Eduard Steiner (Die Presse)

Morgen, am 7. Mai, wird Wladimir Putin abermals als russischer Präsident angelobt. Die international renommierte Schriftstellerin Ljudmila Ulizkaja hat die Massenproteste gegen ihn unterstützt. Ein Interview über Genetik, Küche, die Stereotypen der russischen Gesellschaft und Idiotien.

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Putin wird wieder angelobt. Muss man eingestehen, dass die unerwarteten Massenproteste seit Dezember nichts gebracht haben?

Ljudmila Ulizkaja: Denke ich nicht. Gefährlicher wäre ja, wenn die Protestbewegung aggressive Formen angenommen hätte. So aber entwickelt sie sich evolutionär. Und diejenigen, die die pompöse Inauguration inszenieren, wissen, dass bei Weitem nicht alle begeistert sind.

 

Aber 68 Prozent sind laut einer aktuellen Umfrage des Instituts Lewada mit Putins Arbeit der vergangenen Jahre zufrieden.

Die Mehrheit geht von der Vorstellung aus, dass jeder neue Herrscher schlimmer ist als der vorherige. Putin ist berechenbar.

 

Auch Sie haben bei den Demonstrationen von der Tribüne gesprochen: Warum eigentlich?

Soll ich ehrlich sein? Leute, die ich achte, haben mich darum gebeten, und ich konnte die Bitte nicht ausschlagen.

 

Also nicht aus eigener Überzeugung?

Ich bin Beobachterin und Schreiberin in diesem Leben, darin besteht meine Position. Gegen Menschenmassen aber habe ich von meiner Kindheit an eine riesige Aversion. Dabei geht es nicht um die Frage meiner Überzeugungen, denn diese sind vielleicht sogar radikaler, als Ihnen das erscheinen mag. Es gibt eben Symphoniekonzerte und Kammerkonzerte. Ich bin ein Kammermensch.

 

Auffälligerweise traten aber doch viele Vertreter der Kultur auf. Es hatte den Anschein, dass die berühmte Intelligenzija aus der Küche hervorgekrochen kam, in die sie sich unter Putin wieder zurückgezogen hatte.

Ich für meinen Teil bin bis heute lieber in der Küche. Und das hat nichts mit Putin zu tun. Ich finde es interessanter, mit meinen klugen Freunden zu kommunizieren.

 

Warum hat Russland Ihres Erachtens heute keine integrative Identifikationsfigur wie Václav Havel?

Darüber kann man nur betrübt sein. Erstens fehlt in der schriftstellerischen Intelligenzija eine Figur, die einem solchen Anspruch genügen würde. Andererseits aber gibt es auch nicht die Nachfrage nach einem moralischen Dissidenten. Seien Sie ehrlich: Ein Volk, das erst vor Kurzem Alexandr Solschenizyns „Archipel Gulag“ durchgelesen, ja durchlebt hat, hätte eigentlich nicht einen Mitarbeiter des Geheimdienstes KGB zum Präsidenten wählen dürfen. Zu meiner vollen Verwunderung tat es aber genau das.

 

Aber auch ein Bewusstseinswandel findet statt. Wird er nachhaltig sein?

Mir scheint, die Ereignisse belegen die Geburt einer Zivilgesellschaft. Danach folgte freilich eine Depression, weil Putin sich mit aller Kraft an die Macht klammert. Ein langer Prozess liegt vor uns, und der Ausgang dieser Konfrontation ist nicht prognostizierbar. Im Land gewinnen Nationalisten an Kraft.

 

Interessanterweise redet man immer von der nationalistischen Gefahr. Ehrlich gesagt, scheint mir die linke Gefahr nicht weniger bedrohlich. Ich habe bei den Demonstrationen junge Leute getroffen, die von der Sowjetunion träumten, die sie ja gar nicht selbst erlebt haben.

Das ist in der Tat gefährlich. Aber aus irgendeinem Grund erweist sich in Russland jegliche Handlung als gefährlich. Sogar jede Neuerung im Schulunterricht oder in der Verkehrsregelung ist idiotienschwanger. Gewöhnt aber sind wir nur an die bestehende Idiotie, nicht an neue Idiotieformen. In diesem Sinne sind Veränderungen wirklich gefährlich. Schon lange gab es in Russland keinen solch unprofessionellen Regierungsapparat mehr, und jedes Vorhaben endet anekdotisch. Wenn nicht gar dramatisch.

 

Liberalismus – ob ökonomisch oder politisch – und Kapitalismus werden durch die Finanzkrise weltweit ziemlich undifferenziert diskreditiert. Sollte aber nicht gerade im traditionell paternalistischen Russland mehr Diskussion über Liberalismus und persönliche Verantwortung stattfinden?

Das weiß ich nicht. Für jede Diskussion braucht es ja zivilisierte Diskutanten. Bei uns verwandelt sich die Diskussion sehr schnell in eine unflätige Schimpferei oder in eine Schlägerei.

 

Meine Frage zielte nicht auf die Diskussion darüber, sondern auf die Notwendigkeit des Liberalismus und der persönlichen Verantwortung.

Alle Probleme, von denen Sie denken, dass man sie schnell lösen müsste, stehen seit mindestens drei Jahrhunderten vor unserem Land. Von einer Dringlichkeit kann also keine Rede sein. Wir kamen immer zu spät und kommen es auch jetzt. Aber das heißt nicht, dass man nicht mit den Füßen strampeln sollte wie der antike Frosch, der im Milchkrug die Milch zu Butter schlug und so in die Freiheit sprang. Wer weiß, vielleicht wird aus den jetzigen Protestbewegungen Butter geschlagen.

 

Von welchen Illusionen müssten die Russen Ihres Erachtens Abschied nehmen?

Davon, dass Russland ein mächtiger Staat und globaler Anführer in was auch immer ist. Russland ist auf das Niveau eines Dritte-Welt-Landes bei allen sozialen Kennzahlen zurückgefallen. Vergesst die Größe, auf die Putin ständig pocht! Wir müssen fast bei null anfangen, um einen modernen Staat aufzubauen.

 

Sie haben einmal gesagt: Eine riesige Menge an Problemen bestehe heute darin, dass die Leute Antworten auf Fragen zu finden versuchen, die nie formuliert worden sind. Was ist dann die größte Frage?

Es ist dieselbe Frage wie für alle Länder und alle Menschen: Wer sind wir? Wer bin ich?

 

Und was haben Sie herausgefunden?

Als Volk sind wir Barbaren. Ich bin eine Abspaltung, gehöre zu den Intellektuellen und bin also für die Machthaber eine verachtenswerte und überflüssige Person. Ich bin für sie nicht interessant, und umgekehrt genauso.

 

Finden Sie nicht bemerkenswert, dass Putin hauptsächlich vor einem Rückfall in die 1990er-Jahre warnt und vor diesem Hintergrund noch immer effizient Werbung für sich machen kann? Die 1990er-Jahre sind zum Totschlagargument und zur Universalausrede geworden.

In seinem Roman „1984“ hat George Orwell alles genial beschrieben: Wer über die Gegenwart herrscht, herrscht auch über die Vergangenheit. Mit modernen Medien kann man jede Fantasie unters Volk bringen. Frappierend jedenfalls, dass die Machthaber uns derzeit mit den „schrecklichen“ 1990er-Jahren schrecken wollen, in denen Hoffnung auf Demokratisierung geherrscht hat, statt uns mit den schrecklichen 1920er-, 1930er- und 1940er-Jahren zu schrecken. Wie heißt es im genialen Satirestück von Jewgeni Schwarz „Der Drache“? Der Drache lebt, solange wir ihn füttern.

 

Nicht wenig wird mit dem Hang zur Geduld erklärt. Und zum Unglück. In der russischen Literatur bis zu Ihnen hin neigen vor allem die russischen Frauen zum Unglück. Warum?

Ich nehme an, wegen der orthodoxen Konzeption des Leidens als eines geistig-geistlichen Gutes.

 

Gleich nach der Inauguration wird am 9. Mai auf dem Roten Platz wieder der Sieg im Zweiten Weltkrieg mit einer Parade gefeiert. Die jährliche Reproduktion erklären Soziologen unter anderem damit, dass dieser Sieg aus Mangel an anderen Identifikationsmomenten als Bindemittel in einer amorphen Gesellschaft herhält. Sehen Sie andere Bindemittel?

Es gibt da noch den Hass auf Ausländer, der abermals von oben eingepflanzt wird und der vom Antiamerikanismus bis zum reinen Rassismus reicht. Dazu noch die Idee der nationalen Mission, etwas in der Art eines auflebenden „Dritten Roms“, das ja Moskau nach dem Fall Roms und Konstantinopels sein wollte.

 

Was hat Sie die Genetik gelehrt?

Ich bin nicht nur Genetikerin, sondern auch Evolutionistin. Und die menschliche Evolution beinhaltet auch die jetzige Phase eines Altruismus. Um zu überleben und zu gedeihen muss man ständig etwas opfern und der Gesellschaft, in der man lebt, helfen. Andernfalls stirbt die Gesellschaft und man selbst mit ihr. Die Biologie jedenfalls lässt uns die Vorgänge im Leben tiefer verstehen. Und wie man es auch dreht und wendet – letztlich sind wir doch Tiere.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2012)

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