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Der Einbruch des Einfachen

16.06.2012 | 17:55 |  von Armin Nassehi (Die Presse)

Die Wahrheit liegt noch immer auf dem Platz und nirgends sonst – im Teamsport leistet sich eine komplexe Gesellschaft echte Unberechenbarkeit. Oder: Was fasziniert an Fußball?

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Fußball ist derzeit unvermeidlich. An Fußball kann fast jede Instanz dieser Gesellschaft irgendwie anschließen. Die Kanzlerin besucht die Nationalmannschaft in Danzig, völlig fußballfremde Produkte wie Nassrasierer, Automobile oder Frühstückszerealien werden in Fußballsondereditionen herausgegeben. Ausschreitungen auf Fußballplätzen werden als Gradmesser für soziale Spannungen behandelt. Die Sportpresse erläutert, historisiert, heroisiert, kritisiert und erklärt alles, was mit dem Ligabetrieb oder einem Turnier zusammenhängt. Zuschauer geraten in leidenschaftliche Verzückung oder tiefe Trauer. Ihre Rituale haben etwas Religiöses – wenigstens im Moment des Ereignisses. Und im Alltag kann man sich darauf verlassen, informierte Gesprächspartner vorzufinden.

Was ist das Faszinierende am Fußball, den man nicht einmal selbst spielt, sondern dem man nur zusieht? Was stattet den Fußball und den ganzen öffentlich vorgeführten Sport mit einer solchen Anziehungskraft aus? Fragen solchen Typs sind eher intellektuelle Fragen. Sie gehören – wie hier – ins Feuilleton und zwischen Buchdeckel, und exakt dort werden sie auch breit diskutiert. Und auch hier lässt sich beobachten: Die Intellektualisierung des Fußballs tut dasselbe wie der Rest der Gesellschaft – sie schließt jeweils mit ihren Mitteln an den Fußball an. Und in der Form der Intellektualisierung des Fußballs kann man Konjunkturen des Denkens nachverfolgen.

War der Zugang zunächst eher politisch und kritisch, widmet er sich nun eher ästhetischen Fragen. Dass der Fußball ein Geschäft sei und nationale Ressentiments fördere, womöglich mit all seiner Betonung von Leistungsbereitschaft, Kampf und asketischem Trainingseifer Ausdruck einer Leistungs- und Disziplinargesellschaft, nicht zuletzt auch ein Männlichkeitskult, wird nun eher durch ästhetische Kategorien ersetzt. 1998 hat man den WM-Sieg der französischen Equipe als Sieg von black-blanc-beur(beur bezeichnet ein in Frankreich geborenes Kind maghrebinischer Einwanderer) statt bleu-blanc-rouge gefeiert. Ulrich Beck hatte damals Kosmopolitismus auf dem Fußballfeld ausgemacht – dabei war der Fußball stets ein Vehikel des sozialen Aufstiegs. Fasziniert war man nun also von schwarzen Körpern, die den Aufstieg geschafft hatten, und hat damit womöglich nur das Ressentiment ins Positive gewendet, ganz und gar fasziniert von der ungewohnten Ästhetik.

Bereits in den 1970er-Jahren hatte diese Ästhetisierung begonnen. Karl-Heinz Bohrer sah Günther Netzer „aus der Tiefe des Raumes“ kommen, mit jenem „thrill“, der dem Spiel seine besondere Note verlieh. Und Hans Ulrich Gumbrecht hat 2005 einen Essay „Lob des Sports“ vorgelegt, in dem er „Anmut und Eleganz“ feiert, die Präsentation „schöner Körper“, die ihre eigenen Möglichkeiten erweiterten. Gar „Epiphanien der Form“ werden gesichtet, gerade in Mannschaftssportarten, in denen das Individuum tatsächlich nur mehr als Knotenpunkt für Spielzüge dient und Helden von Beckenbauer über Cruyff, Netzer, Maradona bis hin zu Messi und Ronaldo stets von den Konstellationen abhängig sind, in denen sie sich bewegen.

In solchen Konstellationen kann das Unerwartete geschehen. Aber was soll man von Helden anderes erwarten als das Unerwartete?


Der vorgeführte Sport. Um diese Fragen soll es hier gar nicht gehen. Es soll nur gezeigt werden, dass auch die Intellektualisierung des Fußballs ihr Geschäft betreibt. War es in der Generation zuvor die Politisierung der Diskurse, die Inszenierung von Kritik und die Befreiung von nationalen Stereotypen, so sprechen Intellektuelle nun im Modus des Ästhetischen – man findet dann Körper, Formen, Ästhetiken und Präsenz. Das gilt für alle Gegenstände der Kulturwissenschaften. Nur wird es am Fußball breitenwirksam diskutabel – was mehr über diese Theorien sagt, die doch nur Abbilder genereller denkerischer Trends sind. Damit sind wir wieder bei der Ausgangsfrage angekommen: Was macht die Attraktivität des vorgeführten Sports aus?

Womöglich hat Adi Preißler, in den 1950er-Jahren Spieler von Borussia Dortmund, die entscheidende Erklärung geliefert. Ihm wird der Satz zugeschrieben: „Grau is alle Theorie – entscheidend is auf'm Platz.“ Was sich wie eine abgeschmackte Formel anhört, ist womöglich das Faszinosum des Sports. Es könnte das Alleinstellungsmerkmal des vorgeführten Sports sein, dass die Wahrheit wirklich „auf'm Platz“ liegt. Ein Spiel wird in Echtzeit entschieden. Hat das Spiel einmal begonnen, gibt es keine äußeren Einflüsse mehr. Es geschieht etwas, das sich nicht mehr manipulieren und steuern lässt. Alles, was geschieht, bedeutet auch das, wonach es aussieht – gerade deshalb reagieren wir im Sport auf Manipulationen (siehe Wettskandale) besonders sensibel.

Betrachten wir die Bilder, mit denen wir sonst in den Medien konfrontiert werden, so gilt das alles nicht. Politische Diskussionen sind inszeniert und indiziert. Man weiß, dass ein politisches Argument immer doppelt codiert ist – es hat einen Sachaspekt, es dient aber auch als Spielzug im politischen Spiel um Machterwerb und Machterhalt. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Interessenvertreter aus Industrie und Verbänden indiziert sprechen – das heißt, dass alles, was sie sagen, auch etwas anderes bedeutet. Wir wissen, dass die Anpreisung von Produkten in der Werbung eben nur Werbung ist. Und die Rede im Parlament ist nicht der Ort, an dem sich entscheidet, wie das Parlament entscheidet. Die Wahrheit ist nicht „auf'm Platz“, sie ist schwierig und anstrengend – wie es einer komplexen Gesellschaft entspricht.


Erlebnis in Echtzeit. Nicht einmal ein Spielfilm oder ein Roman, der uns in eine andere Welt verführt, kann den Index loswerden, dass er eben fiktionale Realität ist – zugleich noch durch einen auktorialen Erzähler dargebracht, der die Konstellationen so inszeniert, dass am Ende das erscheint, was erscheinen soll. Der Zuschauer oder Leser wird nur lange genug im Ungewissen gehalten, Spannung wird aufgebaut, überraschende Wendungen werden eingebaut, Missverständnisse inszeniert. Aber geführt wird der Betrachter durch einen auktorialen Erzähler, der schon weiß, wie es ausgeht.

Das gilt für den Fußball nicht. Der Fußball hat keinen auktorialen Erzähler – nicht den spielerischen Helden, nicht den Trainer, nicht den Schiedsrichter. Der Sport versorgt uns in Echtzeit mit einer Form von Unbestimmtheit, die nicht inszeniert werden kann, sondern wirklich unbestimmt ist, aber zu bestimmbaren, eindeutigen Ergebnissen kommt. Wäre das Champions- League-Finale dieses Jahres mit Didier Drogbas Tor in der letzten Minute und mit dem verschossenen Elfmeter von Bastian Schweinsteiger von einem Erzähler vorher als Drehbuch entworfen worden, hätte es sich um ein lächerliches Stück Trivialliteratur gehandelt.

Im Sport aber kann, ja muss genau das passieren, weil es nur passieren kann. Es kann nicht geplant oder inszeniert werden. Das macht das Attraktive aus, um das herum sich dann Ästhetiken und Geschichten, Körper und Epiphanien ranken, über die dann viel geredet und geschrieben wird. Dass so viel geredet und geschrieben wird, ist ja nur Ausdruck jener Unbestimmtheit.

Vorgeführter Sport stellt eine der wenigen offenen Situationen dar, in denen es auf den Augenblick ankommt, in dem geschieht, was geschieht. Hier kann sich eine komplizierte Gesellschaft Einfachheit leisten. Vielleicht ist das Attraktive des Sports, dass auch größte Geldmittel und professionellste Vorbereitung in der Situation des Spiels nichts mehr bedeuten. Dass der Drittligist meist nicht gegen den Bundesligisten gewinnt, ist nicht das Entscheidende. Dass er gewinnen kann, macht die Attraktion aus. Hier ist Unbestimmtheit erlaubt.

Nur deshalb gibt es so viele Emotionen um den Sport – und so viele Erklärungen. Sport funktioniert gerade deshalb, weil in der Situation selbst wirklich nichts dahintersteckt. An so etwas sind wir nicht gewöhnt – und für die intellektuelle Beobachtung ist das geradezu unerträglich. Aber genau das steckt dahinter. Das Voraussetzungslose am Sport ist sehr voraussetzungsreich. Er versöhnt die Gesellschaft mit Momenten der Unkalkulierbarkeit.

Die wahren, aber unfreiwilligen Intellektuellen des Fußballs sind freilich die Fußballer selbst, weil sie wohl ungewollt sagen, dass man nichts sagen kann. Seit der totalen Medialisierung des Sports müssen aber auch sie reden. Und wenn sie nach Erklärungen gefragt werden, antworten sie mit einer wundervollen Kontingenzformel: „So ist Fußball.“ So ist es – es ist der Einbruch realer Einfachheit in eine Welt, die sich daran gewöhnt hat, dass alles stets auch etwas anderes bedeutet als das, was wir gerade sehen.

Der Text erschien am 11.Juni in der „Berliner Zeitung“

Armin Nassehi wurde 1960 in Tübingen geboren.

Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und seit 2012 Herausgeber des Kursbuchs. Zuletzt erschien „Gesellschaft der Gegenwarten“(Suhrkamp 2012).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2012)

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