24.05.2013 05:59 Merkliste 0

Deutsch für Inländer: Nächste Folge der unendlichen Geschichte

HANS WINKLER (Die Presse)

Gastkommentar. Die Fortsetzung des sommerlichen Sprachkurses für Österreicher mit und ohne Migrationshintergrund.

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Beginnen wir mit dem größten Terror, der die deutsche Sprache in den letzten Jahren heimgesucht hat: das Genderunwesen. Zu welchem Irrwitz es führen kann, zeigt das Beispiel Mitgliederinnen. Sie meinen, das sei ein Scherz? Es war ernst gemeint.

Eine Art von Torsosprache ist jüngst Mode geworden: Leistung lohnt nicht. Es muss korrekt heißen: Leistung lohnt sich nicht. Oder: Das kostet. Was kostet es? Wie viel kostet es, wen kostet es was? Da wir schon dabei sind: Kosten verlangt den Akkusativ.

Unzurechnungsfähigkeit. Ist da jemand zu allem fähig? Sogar zur Unzurechnung? In seinen Vorlesungen aus Strafrecht hat uns Professor Roeder in Graz seinerzeit eingetrichtert, dass es Zurechnungsunfähigkeit heißt.

Er vergibt sich der freien Verfügbarkeit. Diese Formulierung soll man dem Juristen, der sie zu Papier gebracht hat, nicht vergeben. Gemeint hatte er: begibt sich... Das heißt so viel wie er verzichtet auf...

Großbritannien drohe zur weltpolitischen Pygmäe zu werden, schrieb eine Kollegin. Sie hält anscheinendPygmäe für die weibliche Form von Pygmä. Tatsächlich aber heißt es der Pygmäe.

 

„Minimalere Vergehen“

Die Bewegung feiert sein hundertjähriges Bestehen. Eine Zeit lang habe ich mich der Illusion hingegeben, dieses männliche Possessivpronomen für einen weiblichen Begriff könne nur eine Art Lapsus Linguae sein. Aber nein, es bürgert sich zunehmend ein. Falls es jemand nicht weiß: ihr hundertjähriges Bestehen.

Die Auswanderung blieb Braunfels als Halbjude erspart. In dieser Formulierung ist die Auswanderung der Halbjude. Wem blieb sie aber wirklich erspart? Dem Halbjuden Braunfels.

Immer wieder dieser Fehler: Die Stimmung ist aufgeheizt, die Fronten verhärtet. Das Wort Fronten steht in der Mehrzahl, also kann man es nicht mit einem Verbum im Singular verbinden. Daher richtig: Die Stimmung ist aufgeheizt, die Fronten sind verhärtet.

MKV verwehrt sich gegen Gleichstellung mit den Burschenschaften, teilt uns die APA mit.

Zur Wiederholung, bis es eines Tages vielleicht doch sitzt: Der MKV wehrt sich gegen die Gleichstellung mit den Burschenschaften. Oder er verwahrt sich gegen... Aber: Der MKV verwehrt einem Burschenschafter den Beitritt.

Modische Ausdrücke können so schnell verschwinden, wie sie gekommen sind. Das gibt uns Kraft im Kampf gegen das Wort unbeschadet. Dieser Kampf geht in zwei Richtungen: Gegen die inflationäre Verwendung des Begriffs überhaupt und gegen seine falsche Verwendung im Speziellen. Er hat die Lawine unbeschadet überstanden – das ist die falsche Verwendung. Gemeint ist unbeschädigt.Unbeschadetheißt so viel wie unabhängig von.

Dass Geld geflossen sein soll, bestreitet das BZÖ. Also, das bringt das BZÖ sicher nicht zusammen: Eine Vermutung zu bestreiten. Bestreiten kann man nur ein Faktum: Dass Geld geflossen sei (indirekte Rede), bestreitet das BZÖ.

Unter unsicheren und sprachlich nicht sehr versierten Journalisten herrscht eine Tendenz dazu, sich die Sprache zurechtzubiegen, wenn man eine Satzkonstruktion nicht zusammenbringt: Er strebt zur Erhaltung dieses Status. Das ist völlig verunglückt. Gemeint war, jemand wolle einen Status bekommen. Was da steht, bedeutet, dass er einen schon bestehenden Status erhalten, also bewahren möchte.

Das hat michumgehauen. Das kommt davon, wenn man die Umgangssprache verwendet und trotzdem irgendwie fein sein möchte. (ORF)

In Lienz hat es schon 20 Grad. Etwas schlechtere Karten hat man im Osten. Das kann man nur mit dem alten Kalauer kommentieren: Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich.

Minimalere Vergehen. Das ist eine echte Neuschöpfung: einen Superlativ mit einem Komparativ zu einer Art Supersuperlativ zu machen. Oder ist gemeint, den Superlativ minimal durch den Komparativ kleiner zu machen?

Die Serben werden per internationalem Haftbefehl gesucht. Per verlangt den Akkusativ es muss daher heißen: Per internationalen Haftbefehl.

 

Durchwachsene Beauskunftung

Alle Jahre wieder lesen wir: Wider besseren Wissens. Wer diese Form verwendet, glaubt wahrscheinlich, mit dem Genetiv zeige er seine Sprachkunst. Es ist aber falsch. Wider und gegen verlangen den Akkusativ, es muss also richtig heißen: Wider besseres Wissen.

Beauskunftung. Dieses unvergleichliche Vokabel hat der automatische Telefondienst der Erste/Sparkassengruppe erfunden. Auskunft hätte genügt, es ist ein schönes deutsches Wort.

Das ist die Idee vom Niederländer. Immer wieder der Dativ und der Genetiv, die schwierigsten Fälle im Deutschen! Warum ist Letzterer so schwer zu bilden? Es handelt sich um die Idee des Niederländers.

Die Republikaner verbieten sich jede Einmischung des Staates. Richtig wäre, sie verbitten sich die Einmischung, oder: Sie verbieten dem Staat die Einmischung.

Trotz Proteste. Das ist falsch. Entweder muss es heißen trotz der Proteste (Genetiv) oder trotz den Protesten ( Dativ ), ohne Artikel jedenfalls trotz Protesten.

Franz Schub't. Sie verstehen hoffentlich, dass Franz Schubert gemeint ist. Für den Laut, mit dem ein Sprecher im ORF die Buchstaben er in Schuberts Namen ersetzt hat, gibt es keine Schreibweise, daher der Apostroph.

 

Österreich leistet Unmenschliches

Es mag zwar bequem sein, aber das ist keine Ausrede für folgenden immer wiederkehrenden Fehler:die teils ohne oder mit nur rudimentären Deutschkenntnissen... Mit verlangt den Dativ, ohne den Akkusativ, man kann sie daher nicht verbunden verwenden. Ohne rudimentäre Deutschkenntnisseund mit rudimentären Deutschkenntnissen.

Für den Superjet 100, dem ersten... Warum der Wechsel des Falles? Richtig wäre: Für denSuperjet, den ersten...

An den Import von sprachlichen Wendungen aus Deutschland haben wir uns leider schon gewöhnen müssen, nun hat selbst die Schweiz zwei Exportartikel, auf die man lieber verzichten würde: Verunfallter Abt kehrt zurück. Wie einfach wäre es doch gewesen, zu schreiben: Abt kehrt nach Unfall wieder zurück. Auch das blödsinnige Wort aus dem schweizerischen Zeitungsdeutsch durchwachsen liest man immer öfter bei uns.

Ausgerechnet der sprachlich sehr korrekten „Neuen Zürcher Zeitung“ sind folgende drei Fehler entnommen:

1. Er wusste schon länger, was ihn zu erwarten hatte. Das ist etwas verwirrend: Entweder muss es heißen, was ihn erwartete oder was er zu erwarten hatte.

2. Die österreichische Regierung glaubt, gerade Unmenschliches geleistet zu haben. Also bitte liebe Schweizer! So abgründig kann nicht einmal eine österreichische Regierung sein, dass sie eine Unmenschlichkeit begeht und sich dessen auch noch bewusst ist. Gemeint war natürlich: Übermenschliches geleistet zu haben.

3. Österreich hat ein zunehmend ungerechteres Steuersystem.Das könnte man eine Art doppelten Komparativ nennen. Der einfache und richtige lautet: zunehmend ungerechtes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2012)

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6 Kommentare
Gast: Gast: Leser
07.08.2012 11:50
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Falsch

Nicht alles in diesem Artikel stimmt:
1. "trotz" verlangt im Deutschen immer den Genitiv, kann also nie mit dem Dativ verwendet werden;
2. "... die teils ohne oder mit nur rudimentären Deutschkenntnissen ..." - ist korrekt; wenn in einem Satz "mit" und "ohne" (wie im obigen Beispiel) verwendet wird, steht das nachfolgende Hauptwort (natürlich samt zugehörigem Adjektiv) in dem Fall, den die zuletzt angeführte Präposition verlangt. Nachzulesen im Duden.

das muss ich noch unbedingt loswerden:

3x Import aus Deutschland:

das gehört mit zum Hässlichsten ...

das einzigste, was mir noch geblieben ist...

statt "ja": auf jeden Fall

das muss ich nocn unbedinge loswerden:


Gast: montagsfrau
30.07.2012 16:27
1 0

Eine sehr ergiebige Quelle

für "ungewöhnliche" Formulierungen bietet ORF-Teletext. Heute früh konnte man da sinngemäß lesen, dass die Kanäle das viele Wasser nicht mehr "schlucken" konnten.

Nach einem heftigen Würgereiz wäre "mir fast das Frühstück aus dem Gesicht gefallen".

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Diesen Beitrag sollte man weitergeben: an alle ORFler (Pflichtlektüre vom Chef abwärts), andere Zeitungen (die lesen das sonst nicht), an alle Lehrer (vielleicht mit Ausnahme der Deutschlehrer, aber die können ihn als Bestätigung brauchen) und ...

Durchwachsen

"Durchwachsen" ist keineswegs aus dem schweizerischen Zeitungsdeutsch nach Österreich importiert worden, denn in der Schweiz verwendet man stattdessen das Wort "durchzogen". Ein Muster aus der NZZ: "Wechselhaft und durchzogen zeigt sich das Wetter in diesen Tagen in Mailand." Für den gemeinen Schweizer klingt "durchwachsen" schwer nach bundesdeutschem Deutsch.

Das kann man, auch wenn man nicht so oft Texte aus der Schweiz liest, leicht feststellen, wenn man via Google fragt, wie oft der Ausdruck "durchwachsen" auf Websites aus der Schweiz bzw. aus Deutschland vorkommt. Ergebnis: Auf Schweizer Seiten 14.200 Belege; auf deutschen aber 1.030.000. Das Verhältnis ist also ungefähr 1:73. Da es ca. 4 Millionen Deutschschweizer und 80 Millionen Deutsche gibt, würde man ein Verhältnis von nur ca. 1:20 erwarten. Die Vokabel kommt also auf Schweizer Websites deutlich seltener vor als erwartet.

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