So wie wir den ORF und die meisten Zeitungen beim Weltjugendtag in Madrid erlebt haben, werden wir auch vom Besuch von Papst Benedikt XVI. in seiner Heimat Deutschland in der nächsten Woche kaum etwas erfahren. Dafür umso mehr von einigen Demonstranten auf der Straße und von ein paar Zwischenrufern im Parlament.
Dabei ist es das erste Mal, dass Benedikt XVI. „offiziell“ als Staatsoberhaupt in seine Heimat kommt. Die beiden bisherigen Reisen als Papst nach Deutschland zum Weltjugendtag in Köln 2005 und ein Jahr darauf nach Bayern waren pastoraler Natur bzw. „privat“. Dabei war ausgerechnet der Besuch in Bayern theologisch und politisch besonders folgenreich: Die Vorlesung an seiner ehemaligen Universität Regensburg über Glaube, Vernunft und Gewalt hat weltweites Interesse geweckt und gilt seither als maßgeblich für eine christliche Position in der Debatte über den Islam.
Im demonstrationsfreudigen Berlin erwarten den Papst feindselige – im milderen Fall spöttische – Kundgebungen auf der Straße und auch bei seiner großen Rede im Bundestag. Angeblich überlegt mehr als die Hälfte der 76 Mitglieder der Fraktion der Linkspartei, die Papstrede zu boykottieren.
Empfang mit Kondomen?
„Der Papst hat im Parlament nichts zu suchen“, sagte die Abgeordnete Ulla Jelpke. Ihr Parteikollege Andrej Hunko sieht in dem Forum, das dem Papst im Bundestag geboten wird, eine „unzulässige Bevorzugung einer Religion“.
Einzelne Gegner des Papstes könnten dennoch ins Plenum kommen, um Benedikt XVI. unfreundlich zu empfangen, etwa mit Kondomen an den Fingern. Der neue Erzbischof von Berlin Woelki quittierte das mit Ironie: „Seit ich Erzbischof bin, höre ich überall, dass Berlin eine offene, liberale, tolerante Stadt ist. Der Papst hat es verdient, dass man ihm mit genau dieser Offenheit, mit Respekt und Toleranz begegnet.“
Der Feuilletonist Hubert Spiegel nannte in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ Berlin die Stadt, „in der das Abendland besser und gründlicher untergeht als irgendwo sonst“. Das wird der Papst so ähnlich sehen, aber nicht als unvermeidliches Schicksal hinnehmen wollen. Er wird dagegen anreden wie schon in London, das gewissermaßen als die Hauptstadt eines neuen, aggressiven Atheismus gilt.
Mit werbender Bescheidenheit und Milde, zugleich aber auch präziser Gedankenschärfe und unbeugsamem Bekennertum hat der Papst schon die dem Deutschen und Papst gegenüber sehr skeptischen Engländer beeindruckt. In der Heimat und in der eigenen Sprache sollte ihm das auch gelingen. Auf Animosität und Ressentiment trifft der Papst freilich nicht nur bei Kirchenfeinden aus dem ehemals kommunistischen Lager. Auch aus der evangelischen Kirchen kamen zuletzt offen feindselige Stimmen.
Am auffallendsten war ein Artikel im offiziellen Magazin der Evangelischen Kirche „Chrismon“, das als Beilage in verschiedenen Zeitungen erscheint. Der Chefredakteur des Blattes, übrigens ein ehemaliger Katholik, kommt mit alten antikatholischen Klischees daher und meint, er sei lieber ein Protestant, als „ein Schaf, das einem Oberhirten hinterhertrabt“.
Scharfe konfessionelle Töne
Erstaunlich sind die scharfen konfessionellen Töne deshalb, weil das Magazin sich sonst sehr neutral humanistisch gibt und seine evangelische Kirchlichkeit nur verschlüsselt zeigt.
Die Polemik könnte auch damit zu tun haben, dass der Papst in Ostdeutschland im Kernland der Reformation auftritt und dort einen Schwerpunkt in der Ökumene sieht. Bei der Vorbereitung des Besuches hat er selbst den Programmentwurf geändert und dem Präses der Evangelischen Kirche Deutschland, Nikolaus Schneider, in einem persönlichen Brief versichert, er werde mehr Zeit für die Begegnung mit den Vertretern der EKD im Augustinerkloster von Erfurt aufwenden, als ursprünglich geplant. Der Papst nannte Schneider sogar seinen „lieben Bruder in Christus“.
Der Artikel im „Chrismon“ will wohl die eigenen Vertreter davor warnen, sich von Benedikt vereinnahmen zu lassen und ökumenische Töne aus Rom mit entsprechender Distanz aufzunehmen, wenn sie sie schon unvermeidlicherweise die Teilnehmer an einer Papst-Veranstaltung sein müssen.
Er spiegelt wohl auch die Nervosität wider, die in der Evangelischen Kirche schon jetzt vor dem großen Luther-Jubiläum 2017 herrscht, über dessen ökumenische Dimension ja keineswegs Einigkeit in der EKD herrscht.
Große Sympathie bei den Massen
Zur Aufgeregtheit in den politischen und religiösen Milieus kontrastiert eine schlichte positive Erwartung in der Bevölkerung: Weit über die Katholiken hinaus erfreut sich der Papst bei seinen Landsleuten der Sympathie. Sogar im weithin unkirchlichen und areligiösen Ostdeutschland erwartet mehr als die Hälfte der Menschen vom Papst wegweisende Äußerungen zu gesellschaftlichen und sozialen Fragen. Die meisten freuen sich einfach über den Besuch. Die Kleingläubigkeit der Organisatoren wurde durch die Gläubigen Lügen gestraft.
Zu fast allen öffentlichen Auftritten und Gottesdiensten des Papstes haben sich mehr Menschen angemeldet als erwartet. In Berlin musste die große Messe mit dem Papst ins Olympiastadion verlegt werden, das man ursprünglich aus Sorge, man könne es nicht mit Teilnehmern füllen, als Veranstaltungsort ausgeschieden hatte.
Dennoch wird die schwierigste Aufgabe für den Papst in Deutschland sein, gerade zu den Katholiken das Richtige zu sagen. Die Kirche in Deutschland ist verunsichert durch zahlreiche interne Konflikte. Der Missbrauchsskandal ist noch längst nicht ausgestanden.
Eine Initiative von acht prominenten katholischen CDU-Politikern – darunter eine Ministerin, drei ehemalige Ministerpräsidenten sowie der Bundestagspräsident – für die Weihe von „viri probati“ zu Priestern, hat scharfe Wortwechsel zwischen zwei deutschen Kardinälen ausgelöst. Das Memorandum von 300 Theologen mit Reformwünschen hat zu Kontroversen geführt und Gläubige irritiert.
Die Bischöfe haben darauf mit einer „Dialoginitiative“ reagiert, zu deren Auftaktveranstaltung nicht einmal die Veranstalter selbst vollzählig kamen. Prompt hat der Präsident des Zentralkomitees deutscher Katholiken, Alois Glück, vor einer „Kultur der Folgenlosigkeit“ gewarnt.
Gerüchte über Kirchenspaltung
Zu allem Überfluss tauchten im Juni Gerüchte über eine drohende Kirchenspaltung in Deutschland auf. Ein Nachrichtenmagazin berichtete von einem angeblich im Vatikan geführten „inoffiziellen Dossier“ über die Kirche in Deutschland. Der ehemalige Kurienkardinal Walter Kasper tat das als „Verschwörungstheorie“ ab und als „Hypothesengebäude, das Einzelinformationen kombiniert und andere unangemessen aufbauscht“.
Spöttisch gab die Tageszeitung „Die Welt“ die Parole aus: „Krise war gestern, morgen kommt der Papst“. Den deutschen Katholiken wieder Vertrauen und Zuversicht zu geben, wird nicht die einfachste Aufgabe sein, die Benedikt XVI. in seiner Heimat erwartet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2011)















