25.05.2013 17:56 Merkliste 0

Die EU als Erziehungsdiktatur: Schüler Orbán ist zu aufmüpfig

HANS WINKLER (Die Presse)

Ungarn unter Verdacht. Der Premier wehrt sich gegen die Behandlung seines Landes und wirft westlichen Politikern vor, das „wahre Europa“ zu verraten.

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Seit Ungarn im Mai 2010 mit Zweidrittelmehrheit eine Mitte-rechts-Regierung gewählt hat, führt die EU eine anhaltende Kampagne gegen das eigene Mitgliedsland, der sich inzwischen auch die USA angeschlossen haben. Dass sich Ministerpräsident Viktor Orbán scharfzüngig und ohne Unterwürfigkeit gegen die Demokratie-Oberlehrer aus Brüssel wehrt, wird ihm als besonderer Ungehorsam ausgelegt, der mit immer neuen Strafen geahndet werden muss.

Am liebsten hätte die EU ja sofort Sanktionen gegen Ungarn verhängt. Eingedenk der Erfahrungen mit den Sanktionen gegen Österreich im Jahr 2000 traute sie sich das aber doch nicht. Tatsächlich drohte der Haupttreiber gegen Ungarn, der jetzige Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz, mit dem ominösen Artikel7 des EU-Vertrages, nach dem ein Land mit Sanktionen bis zum Entzug des Stimmrechts in den EU-Gremien belegt werden kann, wenn es „gegen demokratische Grundsätze verstößt“.

 

„Faschistische“ Umtriebe?

Das schlimmste Urteil, das die westliche öffentliche Meinung zu sprechen hat, ist bekanntlich der Faschismusverdacht. Eine Demonstration gegen die Bestellung eines Theaterdirektors in Budapest wurde in einer österreichischen Bundesländerzeitung gleich zur „antifaschistischen Kundgebung“ geadelt. „Faschistoid“ fand ein Kommentator in Wien die ungarische Verfassung, die am 1.Jänner in Kraft getreten ist.

Einen Beweis für diese Behauptung blieb er schuldig, aber solche Vokabel müssen nicht bewiesen werden, ihre bloße Verwendung reicht schon. Wenn die ungarische Regierung zum Nationalfeiertag in dieser Woche vermutlich hunderttausende Menschen auf die Beine bringt, wird ihr das wohl auch wieder als „faschistischer Massenaufmarsch“ angelastet werden.

Was waren die demokratischen Grundsätze, gegen die Ungarn verstoßen hat? Orbán und seine Regierung wurden verdächtigt, mit einem neuen Mediengesetz die Medien gängeln und unter die Kontrolle der Regierung bringen zu wollen. Tatsächlich hat Ungarn nur eine höchst dringende Regulierung seiner seit der Wende (auch durch Mitschuld ausländischer Medienkonzerne) völlig aus dem Ruder gelaufenen Medienlandschaft nach dem Vorbild westlicher Gebräuche unternommen.

Korrekturen, die die EU angeregt hat, sind unterdessen am Gesetz angebracht worden, nachdem auch der eigene Verfassungsgerichtshof diese verlangt hat.

Einer der Vorwürfe der EU lautet, die neue ungarische Verfassung achte die Gewaltentrennung nicht. Dabei geniert sich die EU-Kommission nicht, den grotesken Vorwurf zu erheben, die Unabhängigkeit der Zentralbank sei nicht gewährleistet, weil man ihrem Chef das Gehalt gekürzt habe. Spricht der Schelm hier so, wie er denkt? Dass die Unabhängigkeit eines Funktionärs von der Höhe seiner Bezahlung abhängt?

Die Regierung in Budapest antwortete Brüssel, dass sie bei allgemeinen Gehaltskürzungen angesichts der Krise auch bei den Bediensteten der Notenbank nicht haltmachen könne. Österreichischen Nationalbankbeamten kann so etwas freilich nicht passieren.

Völlig unverhältnismäßig ist die Sperrung von Mitteln aus dem europäischen Kohäsionsfonds wegen des hohen ungarischen Staatsdefizits. Ungarn ist das erste Land, gegen das dieses Instrument angewendet wird. Ungarn werden sage und schreibe 495Millionen Euro vorenthalten, zur selben Zeit schüttet dieselbe EU erneut 140 Milliarden Euro, also das 280-Fache, ins bodenlose Fass Griechenland. Wie eine Regierung, die von ihrer Vorgängerin völlig zerrüttete Finanzen geerbt hat, innerhalb von zwei Jahren ein ausgeglichenes Budget schaffen soll, sagt die Kommission nicht.

 

Streng und unerbittlich

Ungarn wird mit einer Strenge und Unerbittlichkeit behandelt, die die EU bei anderen – alten wie neuen – Mitgliedern nicht anwendet. Das legt den Verdacht nahe, dass ein Exempel statuiert werden soll, die Sorge um Demokratie und europäische Werte nur vorgeschützt ist.

Was sind die Ursachen für die anhaltende Maßregelung Ungarns? Es hat eine falsche Regierung gewählt. Da die Fidesz-Partei von Orbán eine Zweidrittelmehrheit im Parlament hat, braucht sie zur Regierung nicht die Unterstützung der Rechtsradikalen. Das ist für westliche Kritiker ärgerlich, denn es nimmt ihnen das Argument, man müsse auch in Ungarn gegen das Vordringen des Rechtsextremismus kämpfen, was ja der Vorwand für die Sanktionen gegen Österreich gewesen ist.

Wie ein Land heutzutage überhaupt noch dazu kommt, eine Partei mit einer Zweidrittelmehrheit zu wählen, hat ausgerechnet Paul Lendvai, ein scharfer Kritiker von Orbán und seiner Partei, in unübertrefflicher Eindeutigkeit erklärt: „In den Jahren zwischen 2002 und 2010 bot das sozialistisch-liberale Lager ein jämmerliches, ja zuweilen ekelerregendes Bild von Filz, Vetternwirtschaft und politischer Verkommenheit.“

Die drei letzten sozialistischen Ministerpräsidenten gehörten zu den reichsten Männern des Landes. Wundert sich angesichts dieses vernichtenden Urteils noch jemand, dass die Ungarn eine Regierung haben wollten, die eine geistig-politische, moralische Wende verspricht?

 

Eigenartige Vorwürfe

Das ist auch der eigentliche Grund für die westliche Erregung und Feindseligkeit gegenüber einem EU-Mitglied. Orbán wird vorgeworfen, er sei „nationalpatriotisch“. Das ist ein eigenartiger Vorwurf in einer Gemeinschaft von souveränen Staaten mit je eigener Identität und Sprache sowie den dazugehörigen Symbolen. Gegen Frankreich, wo eine solche Haltung gerade auch unter der Linken selbstverständlich ist, hat das noch nie jemand ins Treffen geführt.

Orbán, den ein witziger österreichischer Kommentator einen „Puszta-Napoleon“ nannte, ist weder im Handeln noch im Reden sehr zimperlich. Zu Recht hat man ihm vorgeworfen, die Umrechnung von Fremdwährungskonten zugunsten ungarischer Sparer sei eine faktische Enteignung westlicher, vor allem österreichischer Banken gewesen.

Die Kritik daran ist allerdings verstummt angesichts der Massenenteignung westlicher Sparer und Anleger im Zuge der Eurorettung. Keine Freunde macht sich Orbán auch, wenn er ganz offen davon redet, dass er lieber selbst die ungarische Linke zerstört hätte, aber leider habe sie vorher Selbstmord begangen.

Was Viktor Orbán aber für westliche Ohren so unangenehm macht, ist ein Selbstbewusstsein, das man bei einem östlichen Mitglied nicht erwartet.

 

Orbáns „verborgenes Europa“

Orbán fragt nach der demokratischen Legitimation der EU-Kommission und, mit welchem Recht sie sein Land so unfair behandelt. Er beruft sich auf die „westlichen Werte“, definiert sie aber anders, als es im westlichen Mainstream liegt. Den europäischen Spitzenpolitikern wirft er vor, sie hätten den Glauben an das verloren, was Europa groß gemacht hat, nämlich die christliche Zivilisation. Aber es gebe auch ein „verborgenes Europa“, in dem das noch wach sei. Dafür muss er bestraft werden, der vorlaute Schüler.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2012)

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46 Kommentare
 
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Bravo

Der beste und perfekt recherchierteste Artikel den ich in dieser Angelegenheit bisher gelesen habe.

Gast: commonSense
23.03.2012 23:04
7 0

wer spricht für die Eukommission? wer ist verantwortlich?

. . . da fällt keine Name, wieder ein politischer Filz!?
sollten nicht gerade die Österreicher für Souveränität Verständnis haben?

Gast: Neumann Stefan
16.03.2012 16:28
5 0

Nein zu scheinheiligen Doppelstandards

Mir sagt der Name Hans Winkler nichts. Wer er auch ist, egal, woher er seine Sicht hat - er bringt es auf den Punkt. Der Kommentar deckt sich weitgehend mit meiner Wahrnehmung und meiner Empfindung. Bin kein Orbán-Parteigänger, aber im Sinn von Gerechtigkeit und gesundem Augenmaß bin ich dafür, parteiübergreifend diesem Irrsinn Einhalt zu gebieten. Siehe die unterschiedliche Behandlung Ungarns, Spaniens und Griechenland (Budgetdefizite).
Meine Sicht ausführlicher:
http://vasut.kteam.hu/ungarn2011.html

4 0

Freundschaftliche, den Ungarn gutgesinnte Beiträge

werden leider nicht gesendet.Tut mir leid Ihr Magjaren!.

Gast: siebenbürgerin
14.03.2012 08:20
0 0

Austria


Gast: siebenbürgerin
14.03.2012 08:19
0 0

Wien


Gast: Weingeist
14.03.2012 06:40
0 7

Wen Fakten zu Ungarn interessieren,

der wird hier fündig: http://esbalogh.typepad.com/

Antworten Gast: USer
14.03.2012 14:18
8 0

Re: Wen Fakten zu Ungarn interessieren,

Unter diesem Link findet man eine englische Sudelkampagne gegen Orban, die keinerlei Fakten enthält sondern nur Meinungen der Gegner .
Ist schade seine Zeit zu verschwenden.

15 0

achtung

herr winkler , die schergen aus brüssel sind schon unterwegs . einfach so die warheit sagen ,das geht doch nicht . gratulation .

Tendenziöse Artikel...

Wer braucht sowas? Schön, jetzt kennen wir Ihre Meinung, aber wem hilft das weiter? Wenn sich jemand neutral über die Situation in HU informieren möchte, hilft ihm dieser Artikel nicht weiter.

Gast: Aron Schalling
13.03.2012 15:33
17 0

Super Artikel!!!

Herr Winkler!
Der beste Artikel, den ich in den letzten Jahren über Ungarn gelesen habe!!! Klasse!!!

Gast: budapester
13.03.2012 15:30
18 0

Sehr geehrter Herr Winkler, liebe österreichische Freunde

Als Ungar bin ich hocherfreut über diesen objektiven, nicht feindlichen Artikel. Eine angenehme Überraschung! Sowie freue ich mich sehr darüber, daß die absolute Mehrheit der Kommentaren auch ebenfalls korrekt sind. Unsere Heimat ist in schwieriger Lage. Die linksliberalen Regierungen von 2002-2010 haben enorme Schaden verursacht. Auf allen Gebieten. Und jetzt organisieren sie gegen die Regierung und im Wesentlichen gegen das Land die feindlichen Aktionen im Inland und im Ausland. Die Orbán Regierung hat eine außerordentliche Aufgabe, sie sollen "die Augiasstall ausmisten". Unterdessen machen sie Fehler. Das ist wahr. Aber die Absicht, die Konzeption und die Richtung sind gut.

Antworten Gast: schlÄchter
14.03.2012 08:02
4 0

Re: Sehr geehrter Herr Winkler, liebe österreichische Freunde

sg nachbar!
auch von mir ein +
freue mich schon auf meinen kurzurlaub in ihrer schönen stadt.
mfg
s.

Gast: Karl Huber
13.03.2012 13:35
14 0

Herr Winkler

Alle Ehre!
Wie habens das gemacht das den Artikel veröffentlichen durfen?

Die einzigen Faschisten die ich derzeit ausmach lachen aus dem ORF!
Ich hoff, ich hoff sehr denen wird allen der Prozess gemacht!!
Es köchelt...

16 0

Sehr geehrter Hr.Winkler

Es hat mich sehr überrascht dass dieser Artikel überhaupt erscheinen durfte. Ich kenne die ungarische Realität und war ich immer verärgert und enttäuscht dass die österreichische Medien immer nur negativ bzw. Halbwahrheiten über Ungarn berichtet haben! Endlich eine Wende in der Berichterstattung! Ich kann Ihnen und der Redaktion wirklich „NUR“ gratulieren! Bitte! - machen Sie weiter, wir brauchen Ihre Berichte bzw. Ihre Hilfe. Danke!

0 19

Wirklichkeit und Demokratie sind seltsame Dinge

Herr Winkler und auch die Postings dazu zeigen zweierlei:
1. Wirklichkeit ist immer dass, was man dafür hält und ist natürlich von der eigentlichen Lebenssituation abhängig.
2.Im Gegensatz zum derzeitigen Ungarn gelten in Österreich gewisse demokratische Mindeststandards, auch wenn politische Schlitzohren gibt, die diese hinterücks auszuhebeln versuchen (Karl, Mikl-Leitner). Auch dass ich dies schreiben kann ist der Beweiß dafür. Ähnliche Kommentare in Ungarn, di gegen die Regierung und deren Politik gerichtet sind oder gar die (von mir unterstellte) Behauptung, dass nur ein Sumpf gegen einen anderen ausgetauscht wurde, würde in Ungarn zu Problemen des Mediums mit der Medienbehörde führen, da das Gebot der Objektivität verletzt wurde(sic!).
In Österreich können Sie in Zeitungen über Politiker schreiben und kommentieren, was Ihnen, Herr Winkler gerade einfällt, solange Sie niemanden auf grobe Art und Weise persönlich beleidigen oder eines unbeweißbaren Verbrechens beschuldigen. Die maximale Gefahr, in die Sie sich begeben ist die, dass Sie sich lächerlich machen, wie mit diesem Artikel geschehen. Wenn Sie dasselbe in Ungarn tun, gefährden Sie die Zeitung, in der Sie schreiben.

Antworten Gast: budapester
13.03.2012 10:12
14 0

Re: Wirklichkeit und Demokratie sind seltsame Dinge

Haben Sie schlecht träumen? Sie kennen die Verhältnisse in Ungarn gar nicht! Die Opposition, ihr Medium und ihre Anhänger schimpfen Orbán und die Regierung mit der rohesten Worten. Offen, tagtäglich und natürlich unbestraft. In Ungarn gibt es Presse- und Redefreiheit. Gott sei Dank!

Gast: eras88
13.03.2012 02:30
1 0

Polemisches Getöse

Leute, was ist euer Problem? Ein paar Zentimeter zu klein, oder was?
Ist euch das nicht peinlich, euch wie die Gorillas auf die Brust zu klopfen?

19 0

Endlich ein Kommentar, der den Ungarn gerecht wird.

Daß die Linken in Ungarn in Mißkredit geraten sind, haben sie sich selbst zuzuschreiben. Sie haben gelogen, gestohlen und die Wirtschaft und damit die Existenz der Menschen ruiniert. Klar, daß die Linke europaweit hetzt und daß der - im übrigen völlig ungeeignete- EP Präsident den Untergang des Abendlandes bevorstehen sieht. Orban muß mit der postkommunistischen Linken in Ungarn fertig werden, sonst kommen unsere Nachbarn nie dazu, Ungarn von Grund auf zu sanieren. DAß die Linke in der EU derart sabotieren kann ist kein Ruhmesblatt für die Kommission.

Nochmals Danke

eine objektive Artikel, wie lange nicht mehr in d. Zeitungen war. Herzlichen Dank Herr Winkler!

Antworten Gast: sisi
12.03.2012 22:23
7 1

Re: Nochmals Danke

Danke Herr Winkler!!!

Danke

Lieber Herr Winkler,

es wurde endlich mal wirklich Zeit, dass solche Objektivität in einer Zeitung zu Worte kommt. Vielen herzlichen Dank Ihnen!

10 0

Re: Danke

Ich möchte mich dem anschliessen! Vielen Dank!

Ein Kommentar noch: in der unheimlich unabhängigen 'Ungarischen' Notenbank sind (für ungarische Verhältnisse) extrem hohe Devisenreserven von etwa EUR 45 Mrd vorhanden; Tendenz steigend.

Trotzdem lässt man Ungarn eher bei EU/IMF um EUR 15 Mrd betteln...
"Finger weg, Herr Orban!" lautet es aus Brüssel. Also bitte keine eigene Ressourcen nutzen, sondern eher neu-verschulden.

Irgendetwas ist da doch furchtbar faul.

Gruss,
Gergely

Gast: Schneebedeckt
12.03.2012 15:59
16 0

Danke

Ich danke Ihnen, Herr Winkler!
Im Namen von sehr vielen Ungarn!

Was Wunder?

Die Real-Sozialisten von Stalin über Brandt bis zu den Fischers (Karl, Ernst, Heinz, Joschka,...) waren noch immer besser vernetzt als die Bürgerlichen.

"Am liebsten hätte die EU ja sofort Sanktionen gegen Ungarn verhängt. Eingedenk der Erfahrungen mit den Sanktionen gegen Österreich im Jahr 2000 traute sie sich das aber doch nicht. "

Ich will mich weiß Gott nicht als Kenner der damaligen Sanktionen gegen Österreich darstellen, aber selbst ich weiß, dass eben diese nicht von seiten der EU, sondern stattdessen von einzelnen EU-Ländern kamen - eben bilateral vollzogen wurden.

Der Unterschied mag manchen als marginal erscheinen, aber er ist es beileibe nicht.

 
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