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Beschneidung

28.07.2012 | 17:16 |  von Dietmar Krug (Die Presse)

Wie ein Erlebnis in einem anatolischen Dorf meine Einstellung zur Beschneidung von Kindern grundlegend verändert hat.

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Vor einigen Jahren sind wir auf einer Türkei-Reise zufällig in einem anatolischen Dorf gelandet, wo gerade ein Beschneidungsfest stattfand. Sämtliche Dorfbewohner waren auf den Beinen, es wurde groß getafelt und gefeiert. Wir wurden eingeladen, und die Gastgeber zeigten uns schließlich stolz den Ort im Haus, an dem die Beschneidung stattfinden sollte. Ein Tisch war mit einem weißen Tuch bezogen, darauf stand eine Schale mit den Instrumenten. Zwei Brüder sollten beschnitten werden, es fiel uns nicht schwer, sie in der Schar der Kinder ausfindig zu machen. Es waren zwei Buben im Alter von acht und zehn Jahren, und ihnen stand die Panik ins Gesicht geschrieben, die Angst davor, dass sich in Kürze jemand mit einem Messer ihrer intimsten Körperzone nähern würde. Dieser Ausdruck ist mir im Gedächtnis geblieben, weil er in einem erschreckenden Kontrast stand zu der fröhlichen Feierlaune ringsumher. Die Kinder waren völlig allein mit ihrer Angst.

Als ich von dem Urteil des Kölner Landgerichts hörte, das die Beschneidung als Körperverletzung bewertet hat, da war mein erster Gedanke, jetzt haben diese Buben eine Stimme bekommen, jemand hat sich vor sie gestellt und gesagt: Ich verstehe eure Angst, sie ist berechtigt.


Ich habe Respektvor dem Mut der Kölner Richter. Ihr Urteil steht in der besten Tradition der Aufklärung, weil es der eigenen Wahrnehmung vertraut und sagt, was ist, ohne auf fremde Autorität Rücksicht zu nehmen. Denn der blutige Schnitt ereignet sich eben nicht nur auf einer religiös-symbolischen, sondern auch auf einer beängstigend realen Ebene. Er ist ein schwerer Eingriff in die körperliche Integrität eines Kindes. Es ist, als hätten die Kölner Richter plötzlich einen Schleier von diesem Ereignis weggezogen. Die Debatte, die seither tobt, war längst überfällig. Erstmals müssen sich die Religionsgemeinschaften für ihren nie hinterfragten Machtanspruch rechtfertigen, so über den Körper eines unmündigen Kindes verfügen zu dürfen.

Meine Sicht mag überraschen, habe ich doch erst vor Kurzem die Behauptung des deutschen Bundespräsidenten kritisiert, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Aber gerade weil er dazugehört, darf er sich, ebenso wie das Judentum, dieser Debatte nicht entziehen. Eine Religion auszugrenzen, heißt, sie in die schummrigen Winkel einer Parallelgesellschaft zu treiben, in denen andere Sitten und Gebräuche herrschen.

Den Kompromiss, die Entscheidung über seine Beschneidung dem mündigen Erwachsenen zu überlassen, fürchten die Hüter der reinen Lehre wie der Teufel das Weihwasser. Sie vertrauen offenbar lieber auf die Macht der vollendeten Tatsachen als auf die Anziehungskraft einer Bekenntnisgemeinschaft.

dietmar.krug@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2012)

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5 Kommentare
Gast: Detlev Beutner
29.07.2012 17:10
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@Ka_Sandra: Desinformation statt Aufklärung

1.) "ersparen damit dem Kind die geschilderten und absolut verständlichen Ängste". Richtig. Allerdings wird es dadurch keineswegs "gut". Denn rein mediznisch ist diese Art der Operation viel mieser, zunächst einmal ist die Vorhaut noch mit der Eichel verklebt (auch noch über Monate bis Jahre), dies dient in den ersten Lebenjahren vor allem zum Schutz der Eichel vor Urin. Das Abreissen der Vorhaut von der Eichel und die Entfernung dieses Schutzes sind also die Preise, damit das Baby keine Angst hat... Schmerzen hat allerdings auch das Baby, und wer den Schmerzforschungsstand kennt, weiß auch, dass diese keineswegs 5 Minuten später vergessen sind.

2.) "leicht rückläufige Praxis, bei der es kaum jemals zu Komplikationen kommt." "Leicht rückläufig" ist einfach falsch, sie ist gerade in den letzten Jahren massiv rückläufig, vor allem in den Städten. "kaum jemals zu Komplikationen" ist eine Frage der Definition von "kaum", denn die unmittelbaren Komplikationsraten liegen bei 2-10%, da ist jeder Betroffene bestimmt hocherfreut über so eine statistische Einschätzung eines sinnlosen Rituals...

3.) Die WHO empfiehlt die Maßnahme in Hochrisikogebieten bei einwilligungsfähigen Männern - das hat mit der vorliegenden Frage schlicht nichts zu tun. Die "Begründung" ist in etwa so, als wenn man allen Jungs ab dem achten Tag ein Kondom 24 Stunden über den kleinen Schniedel ziehen würde und sagen: Wieso, die WHO empfiehlt doch den Einsatz von Kondomen!?

Gast: senecb
29.07.2012 11:32
5 1

Beschneidung

Die Beschneidung ist und bleibt eine absichtliche Körperverletzung und sollte auf diesen Planeten keinen Platz mehr haben. Religionsstatuten sind doch nicht sacro sanct! Sie sollen sich entsprechend weiter entwickeln und der Humanität entsprechen.

Im Unterschied zu den Moslems

führen die Juden die Beschneidung kurz nach der Geburt durch und ersparen damit dem Kind die geschilderten und absolut verständlichen Ängste.

Auch in den USA, unabhängig von religigiösen Gründen, ist die Beschneidung an männlichen Säuglingen in Geburtskliniken seit Jahrzehnten eine gängige, allerdings leicht rückläufige Praxis, bei der es kaum jemals zu Komplikationen kommt.

Die Vorteile liegen in der Prävention von Infektionen mit gefährlichen Erregern wie HIV, HPV etc., weshalb ja auch die WHO die Beschneidung empfiehlt.

Eines ist allerdings klar: Es ist BARBARISCH, Beschneidungen an total verängstigten Buben ohne Anästhesie und die nötige medizinische Fachkenntnis durchzuführen. Punktum.

Gast: Detlev Beutner
28.07.2012 23:39
4 0

Präzise. Danke!

Ich kann nur anmerken, dass diese eine der nüchternsten und klaren Wahrnehmungen erstens dessen, was da passiert, und zweitens der Hintergründe ist. Dafür ganz schlicht vielen Dank!

Gast: Kielius
28.07.2012 18:28
7 0

jetzt haben die Buben eine Stimme

Auch Dietmar Krug hat mit diesem einfühlsamen Artikel den Buben eine Stimme gegeben. Ich gestehe, dass ich mich, bevor ich von dem Kölner Urteil las, nicht mit dem Thema beschäftigt habe. Verwundert, dass Beschneidung von Jungen bislang in Deutschland überhaupt geduldet wurde, war ich beruhigt, dass dieser Missstand nun endlich beseitigt ist. Vermutlich hätte ich niemals einen Leserbrief zum Thema geschrieben, wenn nicht Regierung und Opposition mit großer Eile verkündet hätten, noch im Herbst ein Gesetz zur Legalisierung der rituellen Beschneidung verabschieden zu wollen. Leider haben die Buben im Gegensatz zu religiösen Verbänden im Parlament noch keine Stimme. Es liegt an uns, das in einem demokratischen Prozess zu ändern!