06.02.2012 20:52 | Meine Presse Merkliste0

Die New York-Delegation

 (Die Presse)

9 Uhr. Ein neuer Tag im kleinen Burundi. Die Leute rennen schon geschäftig durch die Gegend, die ganze Straße ist bunt. Gestern Nachmittag war großer Auflauf in unserem Straßenkinderheim ¿Birashoboka¿.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Web-Links:

  • Direktlink zum Blog-Beitrag

(. . .) Eine Gesandte des UN-Generalsekretärs – also von ganz oben! – für Kinder(rechte) und Kindersoldaten besuchte unser Projekt. (. . .) Sie wollte mit einigen ausgewählten Kindern reden, ihre Geschichte hören. Das tat sie auch – mit einem Hummelschwarm von Mitarbeitern um sie herum, die übersetzten, telefonierten, Kinder scheuchten und wichtig taten. Nun ja, immerhin sind es ja wichtige Leute – zumindest ein Teil der Leute gestern –, also warum das nicht auch zeigen? Die Anzüge saßen perfekt, die Hemden strahlend weiß, Goldrandbrille, Siegelring, glänzende Schuhe. Perfekt. So kann man sich zeigen. Ich spreche kurz mit Alec aus New York. UN direkt aus der Basis. Wie aufregend. Alec ist halb Amerikaner, halb Deutscher. Sprache Deutsch (bemerkenswert gut), Aussehen amerikanisch. Was ich wirklich von ihm halten soll, beziehungsweise von der gesamten Delegation, weiß ich selbst nicht so genau. Sehr hoher Besuch, keine Frage, vielleicht auch wichtig. Allerdings ist es immer so eine Sache, wenn Bürokraten versuchen, Nähe zu denen zu zeigen, für die sie eigentlich im Endeffekt arbeiten. Um die sie sich „kümmern“. Der Anzug darf schon mal nicht schmutzig werden, das ist klar. Alles andere wird individuell entschieden.

Ein Showmaster namens Trevor

Vom Trommeln unserer Jungs sind sie allesamt begeistert. Die Leute von Binub, Unicef, diverse – nicht zuordenbare – Fotografen und ein Fernsehteam aus Dänemark. Mit zwei der Dänen unterhalte ich mich. Einer davon heißt Per. „Managing Director“ steht auf seiner Visitenkarte. Ein netter Typ. Der zweite Däne spricht sehr gut Deutsch. Lebte anscheinend lange in Flensburg, wie er sagte. Dann war da noch ein Amerikaner namens Trevor. Was seine Aufgabe, sein Ziel bei dem Ganzen ist, wird niemandem so wirklich klar. Und weshalb er mit dem Auto der UN kommt, auch nicht. Ich erfahre von ihm nur, dass er in Texas wohnt und im Oktober seine Samstagsshow starten wird, die in den gesamten USA zu sehen sein wird. Er filmt mit einer kleinen Kamera alles, was um ihn herum geschieht. Und er lässt sich filmen. Von den Kids. Fürs Trommeln hat er sich in eines der burundischen Gewänder geworfen. Der Anblick ist heiter bis sehr amüsant. Bei allem Spaß und Herumalbern mit den Jungen verliert er aber nie die Kamera aus dem Auge. Wird er gerade mal nicht gefilmt, springt er sofort wieder ins Bild seiner Kamera. Mit Speer und Schild. Er mag Kinder, sagt er. Dann hüpft er wieder hektisch zwischen den Trommlern hin und her, die ihre Instrumente mittlerweile auf dem Kopf tragen, sehr zum Erstaunen der UN-Gesandten. (. . .) Ich will Fotos für die Fondation machen, werde aber von einem der Unicef-Mitarbeiter zurückgehalten. Bis ich ihm erkläre, was ich hier zu suchen habe, dass ich auch ihn kenne und wir bereits an Weihnachten zusammen hier im „Birashoboka“ am Tisch saßen. Dann schlug seine Miene in helle Freundlichkeit um. Tja. Aha. Zum Abschluss bedankte sich die UN-Gesandte bei allen Anwesenden, insbesondere den Trommlern. Sie prophezeite am Ende ihre kleinen Rede, sie werde die Trommelgruppe nach New York bringen. Für eine Aufführung. Ob das nicht zu hoch gegriffen war? Überlegte Wortwahl oder ein Versprechen, das sie nur vielleicht wahr machen kann? Trevor ist überzeugt: Sie ist keine Frau, die nur redet. Ich bin mir da nicht so sicher. (. . .)

Philipp Ziser
Burundi

http://pziser.wordpress.com/

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2007)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

Top-News

  • Schuldenkrise in Griechenland: Die Zeit läuft ab
    Merkel und Sarkozy warnen: Wenn Athen sein Budget nicht unter EU-Kuratel stellt, gibt es keine neuen Kredite. Obwohl Griechenland spätestens am 20. März zahlungsunfähig ist, kommen die Verhandlungen nicht voran.
    Sparpaket: Die Länder wollen nicht blockieren
    Während die Landeshauptleute einen Beitrag in der Höhe von 5,2 Milliarden Euro zusichern, wird bei Pensionen und Beamten noch intensiv verhandelt. Dennoch gab es für die Regierung auch ein Erfolgserlebnis.
    Minus 28,9 Grad: Tannheim in Tirol als Kältepol
    In Österreich sind Temperaturen unter minus 20 Grad seit Tagen verbreitet. In der Schweiz hatte es in einem Wohngebiet minus 35 Grad, in ganz Europa fordert die Kälte viele Tote. Die Prognose: Es bleibt eisig.
    Anna Netrebko als Wahlhelferin für Wladimir Putin
    Die Opernsängerin gehört dem Prominentenkomitee für Putin an. Der hat 499 "vertraute Personen" um sich geschart.
    Malaria-Versuche an Wiener Klinik?
    Der heute 63-jährige Wilhelm J. berichtet über absichtliche Malaria-Infektionen in den 1960ern. Ein Experte hält das für möglich. Die Universitätsklinik für Psychiatrie am Wiener AKH prüft die Vorwürfe.
  • Proteste treiben Rumäniens Premier Boc aus dem Amt
    Die liberaldemokratische Regierung war seit Wochen im Kreuzfeuer der Kritik. Präsident Basescu nominiert Auslandsgeheimdienstchef Ungureanu zum neuen Ministerpräsidenten.
    Autokonzern GM: Rückkehr mit Rekord
    Der US-Autokonzern GM war 2011 nicht nur der weltweit größte Hersteller, sondern erzielte auch einen Gewinn von acht Milliarden Dollar. Die Gründe für die Genesung liegen vor allem in dem Insolvenzverfahren.
    Syrien: Saudis fordern "Schutz Unschuldiger"
    Oppositionelle berichten von mindestens 50 weiteren Toten in der Protesthochburg Homs. Bei einem Großangriff regimetreuer Kräfte kamen bereits am Freitag mindestens 200 Menschen ums Leben.
    Haben Lehrlinge weniger Zukunft?
    Österreich ist stolz auf seine allseits gelobte duale Berufsausbildung. Nun zeigt eine Studie die Kehrseite: Im höheren Alter verlieren die hoch spezialisierten Ex-Lehrlinge leichter ihren Job.
    Arigona Zogaj darf offenbar in Österreich bleiben
    Die Kosovarin hat am Montag ihr Visum mit Niederlassungsbewilligung bekommen. Diese muss nach zwei Jahren verlängert werden.
  • Spanien zieht Ökostrom den Stecker
    Dem teuren Höhenflug der erneuerbaren Energien in der EU droht ein abruptes Ende. Spanien streicht die Förderung für sauberen Strom. Auch Deutschland, Portugal und Italien schrauben die Zuschüsse zurück.
    "Wetten, dass ...?": Springt auch Hunziker ab?
    Ihr "Bauchgefühl" rate ihr, die Show gemeinsam mit Thomas Gottschalk zu verlassen, sagt die Entertainerin in einem Interview.
    Timoschenko: "Dann müsste man alle einsperren"
    In Charkiw, wo Timoschenko einsitzt, sind die Proteste erstarrt. Die Opposition bündelt indes ihre Kräfte. Timoschenko ist im Oktober 2011 zu sieben Jahren Haft wegen Amtsmissbrauchs verurteilt worden.
    Norden: Ultima Thule schlägt "La Dolce Vita"
    Lange Zeit war der Ausgangspunkt des Kompasskreises eine vernachlässigte Himmelsrichtung. Seit dem Ausbruch der Schuldenkrise wissen wir, dass im Süden der Schlendrian herrscht und im Norden der Fleiß daheim ist.
    FMA verschärft Insiderregeln
    Die Finanzaufsicht hat den Begriff der Insiderinformation überarbeitet. Wegen "gravierender Mängel" hilft sie den Betroffenen in einem Rundschreiben auf die Sprünge.