(. . .) Eine Gesandte des UN-Generalsekretärs – also von ganz oben! – für Kinder(rechte) und Kindersoldaten besuchte unser Projekt. (. . .) Sie wollte mit einigen ausgewählten Kindern reden, ihre Geschichte hören. Das tat sie auch – mit einem Hummelschwarm von Mitarbeitern um sie herum, die übersetzten, telefonierten, Kinder scheuchten und wichtig taten. Nun ja, immerhin sind es ja wichtige Leute – zumindest ein Teil der Leute gestern –, also warum das nicht auch zeigen? Die Anzüge saßen perfekt, die Hemden strahlend weiß, Goldrandbrille, Siegelring, glänzende Schuhe. Perfekt. So kann man sich zeigen. Ich spreche kurz mit Alec aus New York. UN direkt aus der Basis. Wie aufregend. Alec ist halb Amerikaner, halb Deutscher. Sprache Deutsch (bemerkenswert gut), Aussehen amerikanisch. Was ich wirklich von ihm halten soll, beziehungsweise von der gesamten Delegation, weiß ich selbst nicht so genau. Sehr hoher Besuch, keine Frage, vielleicht auch wichtig. Allerdings ist es immer so eine Sache, wenn Bürokraten versuchen, Nähe zu denen zu zeigen, für die sie eigentlich im Endeffekt arbeiten. Um die sie sich „kümmern“. Der Anzug darf schon mal nicht schmutzig werden, das ist klar. Alles andere wird individuell entschieden.
Ein Showmaster namens Trevor
Vom Trommeln unserer Jungs sind sie allesamt begeistert. Die Leute von Binub, Unicef, diverse – nicht zuordenbare – Fotografen und ein Fernsehteam aus Dänemark. Mit zwei der Dänen unterhalte ich mich. Einer davon heißt Per. „Managing Director“ steht auf seiner Visitenkarte. Ein netter Typ. Der zweite Däne spricht sehr gut Deutsch. Lebte anscheinend lange in Flensburg, wie er sagte. Dann war da noch ein Amerikaner namens Trevor. Was seine Aufgabe, sein Ziel bei dem Ganzen ist, wird niemandem so wirklich klar. Und weshalb er mit dem Auto der UN kommt, auch nicht. Ich erfahre von ihm nur, dass er in Texas wohnt und im Oktober seine Samstagsshow starten wird, die in den gesamten USA zu sehen sein wird. Er filmt mit einer kleinen Kamera alles, was um ihn herum geschieht. Und er lässt sich filmen. Von den Kids. Fürs Trommeln hat er sich in eines der burundischen Gewänder geworfen. Der Anblick ist heiter bis sehr amüsant. Bei allem Spaß und Herumalbern mit den Jungen verliert er aber nie die Kamera aus dem Auge. Wird er gerade mal nicht gefilmt, springt er sofort wieder ins Bild seiner Kamera. Mit Speer und Schild. Er mag Kinder, sagt er. Dann hüpft er wieder hektisch zwischen den Trommlern hin und her, die ihre Instrumente mittlerweile auf dem Kopf tragen, sehr zum Erstaunen der UN-Gesandten. (. . .) Ich will Fotos für die Fondation machen, werde aber von einem der Unicef-Mitarbeiter zurückgehalten. Bis ich ihm erkläre, was ich hier zu suchen habe, dass ich auch ihn kenne und wir bereits an Weihnachten zusammen hier im „Birashoboka“ am Tisch saßen. Dann schlug seine Miene in helle Freundlichkeit um. Tja. Aha. Zum Abschluss bedankte sich die UN-Gesandte bei allen Anwesenden, insbesondere den Trommlern. Sie prophezeite am Ende ihre kleinen Rede, sie werde die Trommelgruppe nach New York bringen. Für eine Aufführung. Ob das nicht zu hoch gegriffen war? Überlegte Wortwahl oder ein Versprechen, das sie nur vielleicht wahr machen kann? Trevor ist überzeugt: Sie ist keine Frau, die nur redet. Ich bin mir da nicht so sicher. (. . .)
Philipp Ziser
Burundi
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2007)

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