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Berichterstattung über Iran

 (Die Presse)

Wenn es in der Berichterstattung um die Gefangennahme der 15 britischen Marineangehörigen geht, dann leisten wir Medien in Summe keine allzu gute Arbeit. Ich will mich selbst davon nicht ausschließen.

Wenn man mit dem Iran ein ganz klein wenig vertraut ist, muss man schlicht staunen, was Kollegen und Kolleginnen über dieses Land alles so zu erzählen haben. (. . .) Da es an einem soliden Grundwissen fehlt, machen die wildesten Spekulationen die Runde. Teheran habe den Zwischenfall provoziert, um im Atomkonflikt Stirn zu zeigen (als ob der Iran nicht mit einer Krise schon mehr als genug zu befürchten hätte); Teheran wollte militärische Stärke demonstrieren (und einen übermächtigen Gegner zu einer direkten Reaktion herausfordern?) (. . .) oder nahezu absurd: Die Revolutionären Garden wollten mit diesem Schachzug innenpolitisch an Einfluss gewinnen (an einem Feiertag, wenn es kaum jemand mitbekommt?). Kollegen in London, die nie einen Fuß in den Iran gesetzt haben, versuchen sich hilflos mit Analysen. Exilanten kommen als „Experten“ zu Wort, wobei wir spätestens seit dem Irak-Krieg wissen sollten, dass jemand, der das Land verlassen hat, nicht unbedingt ein distanzierter Beobachter ist. (. . .) Auffällig ist, was nicht oder nur am Rande erwähnt wird. Nur selten wird darauf hingewiesen, dass die USA erst jüngst einen zweiten Flugzeugträger in den Golf geschickt, einen Tag nach dem Vorfall ein groß angelegtes Manöver dort durchgeführt haben und seit Monaten sehr öffentlich in Washington wie in Tel Aviv über eine Militäraktion gegen die iranischen Nuklearanlagen geredet wird. Vielleicht liegen ja bei den iranischen Patrouillen schlicht die Nerven blank? Kaum jemand fragt, ob die ersten Stellungnahmen aus London, in denen scharf protestiert und die sofortige, bedingungslose Freilassung der 15 Gefangenen gefordert wurde, sehr hilfreich waren. Hätte es nicht ein Schuldeingeständnis bedeutet, wenn Teheran diese Forderung erfüllt hätte? Solch einseitige, fehlerhafte Berichterstattung wäre über ein innenpolitisches Thema undenkbar.

Sympathien zählen nicht

Schwer vorstellbar auch, dass seriöse Medien mit einer solchen Mischung von Halbwissen und Spekulation Vorgänge in Frankreich, Italien oder in den USA zu erklären versuchen würden. (. . .) Auch wenn es manchmal schwer fällt, dies zu erkennen: Auch der Iran besitzt nationale Interessen, die er mit derselben Legitimität verfolgt wie andere Staaten auch. Die iranische Regierung trägt an der verzerrten Darstellung ihren eigenen Anteil. Ausländische Journalisten müssen hohe Hürden überwinden, bevor sie überhaupt ins Land dürfen, und wenn sie einmal da sind, werden sie ständig behindert und mit tiefem Misstrauen behandelt. Das Regime erlaubt kaum einen Einblick in seine inneren Belange. Transparenz ist der Feind jedes autokratischen Regimes. Zugang zu Entscheidungsträgern ist äußerst beschränkt, und wer eine ernst gemeinte Frage stellt, wird oft mit billiger Propaganda abgefertigt. Bei mir rührt sich nicht der geringste Anflug von Mitleid wegen des schlechten Images, dass das Regime im Ausland besitzt. (. . .) Wer sich ständig über „zionistische Verschwörungen“ und angebliche „Machenschaften der arroganten Mächte“ ereifert sowie den Holocaust in Frage stellt, muss sich nicht wundern, wenn er als Gesprächspartner nicht mehr ernst genommen wird. Aber es geht ja nicht darum, ob wir Journalisten Sympathien oder Antipathien für den Iran empfinden, sondern wir haben unserem Publikum (. . .) gegenüber eine Verpflichtung zur korrekten und sachlichen Berichterstattung. Dieser Verpflichtung werden wir zu oft nicht gerecht. (. . .)

Martin Ebbing
Iran

http://mebb.de/notes

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2007)


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1 Kommentar
 
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Von diogenes am 05.04.2007 um 12:11

Ein sehr klares Wort

Doch warum wäre das bei der Innenpolitik oder bei Vorgängen in Frankreich, Italien oder USA anders?
Journalisten müssen schreiben schreiben schreiben. Und wenn sie nichts wissen auch, dann schreiben sie halt, was sie glauben, was ihne die Frau Waberl oder sonst wer erzählt hat.
Oder glaubt irgendwer, dass ein residierender (oder gar abkommandierter) Korrespondent nach zwei Jahren Aufenthalt (dann zieht er weiter)im Land auch nur annähernd weiss was in dem Land vorgeht?

 
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