Bis vor kurzem konnte man berechtigte Hoffnungen hegen, das schwarz-weiße Elend hierzulande endlich los zu sein. Doch dann entdeckten plötzlich die Modeschöpfer die Kafiya - das so genannte Palästinensertuch also -, und seitdem ist man für den Erwerb dieses Textils nicht mehr auf fliegende Händler, palästinensische Gemeinden oder stickige Infoläden angewiesen, sondern kann es problemlos in allen großen Kaufhäusern von der Stange nehmen oder bei Amazon bestellen (wo es sowohl in der Rubrik „Küche und Haushalt" als auch in der Sparte „Garten und Freizeit" geführt wird). Ganze Heerscharen von pubertierenden Jugendlichen wickeln sich nun die Kopfwindel um ihren Hals, weshalb zahlreiche deutsche Innenstädte derzeit das morbide Flair einer Palästina-Solidaritätsdemo verströmen. Dass viele Träger dieses so sperrigen wie speihässlichen Kleidungsstücks angeblich oder tatsächlich nicht wissen, was für ein Accessoire sie da spazieren führen, macht die Sache nur noch schlimmer. (. . .)
Der tischdeckengroße Wickel war zu allen Zeiten ein Symbol für den Kampf gegen „die Juden" und „den Westen"; (. . .) Später mutierte das „Palituch" zum Ausweis eines allgemeinen Links- und Dagegenseins; auf Anti-AKW-Demonstrationen wurde es genauso zahlreich getragen wie bei Friedensmärschen, an der Startbahn West oder bei Kundgebungen gegen die Schließung eines Hörsaals. Es war ein Gesinnungstextil, das gleichwohl einen Ursprung hatte - ob dieser seinen Trägern nun bewusst war oder nicht - und dadurch in jeglichem Protest (gegen wen oder was auch immer) stets eine zentrale Botschaft transportierte: „Freiheit für Palästina", also „Juden raus". Unter den Linken war dieser Antizionismus nahezu unumstrittener Konsens, und erst in den Neunzigerjahren büßte das vor allem mit Yassir Arafat assoziierte Stück gemusterter Baumwolle in Deutschland allmählich an Popularität ein (. . .) Die Modedesigner scherte das jedoch einen feuchten Kehricht, und so erlebt die in jeder Hinsicht scheußliche Halskrause (daran ändert sich auch nichts, wenn sie in knalligen Farben daherkommt) derzeit ein fulminantes Comeback. (. . .)
Auch Neonazis tragen das "Palituch"
Und selbst die Tatsache, dass längst auch die Neonazis den Lappen zur Schau stellen - sehr zu Recht übrigens -, tut dem Trend keinerlei Abbruch. Denn dem „Palituch" eilt noch immer der Ruf voraus, ein Symbol für Rebellion und Nonkonformismus zu sein. (. . .) Dabei schockt hierzulande keinen Erwachsenen mehr, wer sich mit dem ausladenden Lumpen drapiert. Denn in einem Land, in dem 68,3 Prozent der Ansicht sind, dass Israel einen „Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser" führt und sogar 81,9 Prozent „wütend werden", wenn sie „daran denken, wie Israel die Palästinenser behandelt", ist das „Palituch" längst ein mehrheitlich vollkommen akzeptiertes Kleidungsstück. (. . .) Mit den herkömmlichen Antisemitismustheorien kommt man dem Ganzen übrigens ganz gewiss nicht bei. Aber mit der Frage „Ist dir kalt, oder hast du was gegen Juden?" erntet man zumindest einen Moment hektischer Verunsicherung.
Liza
Deutschland
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2007)















