Die kleine Handbibliothek des „Presse“-Feuilletons hat eine längst fällige Erweiterung erfahren: Band 36 der gesammelten Werke Karl Mays wurde angekauft.
Der Anlass ist aktuell. Die Theologin Margot Käßmann, 54, bis 2010 Landesbischöfin der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, hat in der Astor-Filmlounge am Berliner Kurfürstendamm in der Reihe „Mein Film“ ihren drittliebsten Film vorgestellt: Es ist „Der Schatz im Silbersee“, 1962 gedreht, mit Pierre Brice und Lex Barker.
„Es geht darin um Gut und Böse, Gewalt und Frieden, Gier nach Gold“, erklärte Käßmann, und auch um „Respekt vor Menschen anderer Herkunft“. Auf Platz eins ihrer Filmcharts stehe zwar „Luther“ von Eric Till (2003), aber „Der Schatz im Silbersee“ (1962) habe ihre persönliche Biografie halt noch mehr geprägt: Es war ihr erster Kinofilm überhaupt.
Das kann ein um sechs Jahre Jüngerer, der den „Schatz im Silbersee“ vor 42 Jahren als seinen ersten Film im Schönbrunner Kino (und dann noch dreimal ebendort) gesehen hat, sehr gut verstehen. Bis heute sucht (und findet) meine Generation den Wilden Westen in Kroatien, im Nationalpark Plitvicer Seen, wo dieser Film gedreht wurde. Und wir wissen, dass Silber und Unfrieden zusammenhängen, ganz wie in Psalm 31, mit dem Gott angefleht wird: „Tritt nieder, die das Silber lieb haben; zerstreue die Völker, die gern Krieg führen.“
Die Buchvorlage, die mit dem klassischen Satz „Ich habe gesprochen. Howgh!“ endet, passt auch gut in diese Tage, in denen es in der österreichischen Volkspartei um Gut und Böse etc. geht: Der niederösterreichische Landesvater Erwin Pröll hat ja einst in landesväterlicher Selbstironie erklärt, er habe den „Schatz im Silbersee“ als einziges Buch fertig gelesen.
Evangelische kennen den schönen alten Brauch des Bibelstechens: Man schlägt die Bibel ziellos auf, sticht blind auf eine Seite, liest den so gefundenen Satz vor und überlegt sich, ob er einem ins Leben passt. Man kann das natürlich auch mit dem „Schatz im Silbersee“ tun. Ich hab's getan, das Ergebnis ist folgende Dialogpassage: „So wirst du wissen, dass wir stets die Freunde der roten Männer gewesen sind. Warum verfolgt ihr uns?“ – „Weil ihr die Freunde unserer Feinde seid.“
Wäre ich ÖVP-Sympathisant, säße ich jetzt über der Exegese dieser Worte.
E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2012)















