Im Falle eines Falles: Plädoyer für Ausnahmekunst

10.10.2012 | 17:48 |  THOMAS KRAMAR (Die Presse)

Egal, ob Baumgartner springt oder nicht, er hat die Debatte, was (eine) Kunst ist und was nicht, neu entfacht.

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Ein großer Fall für ihn selbst, ein kleiner Fall für die Menschheit, das ist Felix Baumgartners stratosphärisches Abenteuer, das, wenn Sie diese Zeilen lesen, stattfindet oder nicht, tja, so verlässlich sind Briefe aus der Vergangenheit. Für uns Journalisten ist er u.a. ein Präzedenzfall. Wohl jede Redaktion fragte sich in den letzten Tagen: Fällt das unter Sport oder Chronik? Oder gar unter Kultur?

Wir im Feuilleton sind ja der Ansicht, dass alles Kultur ist, wenn man's richtig sieht, und alles Feuilleton, wenn man's g'scheit schreibt, und dass wir daher mindestens dreimal so viele Seiten brauchen, was die anderen Ressorts leider nicht einsehen. Für die analytische Philosophie wenigstens, die wir auch vertreten, ist die Welt alles, was der Fall ist, also auch Baumgartner. Schwieriger ist es mit der Kunst. Bettina Steiner hat gestern eine gute Definition gegeben: „Etwas ist Kunst, wenn es so produziert wird, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit als Kunst wahrgenommen werden kann.“ Das ist sehr sachlich und praktikabel. Dennoch haftet diesem Wort, auch wenn man es nicht unrein reimt, eine gewisse Erdenschwere an, die Etymologie ist eine Hündin, sie sagt uns unmissverständlich: Kunst kommt von können. Sie gehört nicht nur dem Apoll, sondern auch dem Hephaistos. Was den unartigen Zwischenruf „Das ist aber keine Kunst!“ zumindest wortgeschichtlich legitimiert.

Das Wort „Sport“ kommt vom mittellateinischen „deportare“, was u.a. „sich zerstreuen“, „sich vergnügen“ bedeutet, in diesem Sinn könnte man es auf gut Wienerisch mit „Hetz“ übersetzen. Es kommt halt darauf an, auf wessen Seite das Vergnügen ist, Pessimisten fällt dazu der Satz des Gloucester aus Shakespeares „King Lear“ ein: „As flies to wanton boys are we to th' gods, they kill us for their sport.“

Ein modischer Anglizismus ist das Wort „Ausnahmekünstler“, wahrscheinlich entstanden durch falsche Übersetzung von „exceptional artist“. (Wie der vom „personal style“ abgeleitete „Personalstil“, der Großbürger wohl an ihre Dienstboten denken lässt.) Ich schlage vor, es neu zu interpretieren: Der Ausnahmekünstler beherrscht die Kunst der Ausnahme von der Regel, er ist undogmatisch und unberechenbar, er lässt fünf gerade sein und den Herrgott einen guten Mann.

Wer z.B. prinzipiell vor Sonnenuntergang nichts trinkt, sich aber an einem langen Sommerabend einen G'spritzten gönnt, ist ein Ausnahmekünstler. Oder wer eigentlich für Stierhodenproteingetränke und Rekordjagd nichts übrig hat, aber den Fall Baumgartner(s) doch verfolgt, schon weil es alle tun. Ich bin für mehr Offenheit und Akzeptanz für Ausnahmekunst.

 

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2012)

 
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1 Kommentare
Gast: fu hu
12.10.2012 21:54
0

LOL. hm.

ich hätts ohne zweifel in der wissenschaft vermutet. abteilung luftfahrt/raumfahrt.
jetzt bin ich überrascht.
wo haben sie denn einst die mondlandung angesiedelt, und alles andere zur raumfahrt bzw. alles hoch oben was nie zuvor jemand probiert hatte?

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