Reformationsbrötchen und Lutherstelze mit römischen Knödeln

30.10.2012 | 18:11 |  THOMAS KRAMAR (Die Presse)

Allerheiligen, Allerseelen, Reformationstag, Halloween, Weltspartag: Diese Tage bieten ein wildes Nebeneinander von Festen. Kann man sie denn alle feiern?

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Wer im Kaffeehaus gern – nach der „Presse“ natürlich! – zur „Süddeutschen Zeitung“ greift, wird am Donnerstag ins Leere greifen. Denn Allerheiligen ist im katholischen Bayern, wie auch in Österreich, ein Feiertag. Die in Hamburg und Berlin gedruckte „Welt“ dagegen wird aufliegen. „Am Reformationstag (31.Oktober), an Allerheiligen (1.November) und am 2.November erscheinen unsere Zeitungen ganz normal“, verkündete sie gestern auf der Titelseite. Man kann aus diesen Zeilen einiges an norddeutschem – wenn man will, auch an protestantischem – Arbeitsethos lesen; sie fassen jedenfalls die Tatsache knapp zusammen, dass die kommenden Tage in gemischt konfessionellen Regionen ein wildes Nebeneinander von Feiern und Festen bieten. Zum Reformationstag und zu Allerheiligen (das übrigens auch die Lutheraner kennen, als „Gedenktag der Heiligen“) kommen der (in letzter Zeit etwas aus der Mode gekommene) Weltspartag und natürlich Halloween, das ja wörtlich der Abend vor Allerheiligen ist, aber mit dem keltischen Jahreszeitenfest Samhain verschmolzen ist.

Wie man all diese Anlässe vereint? Nun, ein schwarzer Sparstrumpf vor dem Gesicht mag immerhin gruselig aussehen. Weltlich Gesinnte der älteren Generation können Allen Ginsbergs „Holy“-Gesänge rezitieren. Und als Lutheraner kann man die Süßes schnorrenden Halloween-Kinder z.B. mit einem Reformationsbrötchen abspeisen, das in diesen Tagen etwa in Leipzig gebacken wird und eine Lutherrose symbolisieren soll, mit schwarzem Kreuz in einem roten Herzen in der Mitte einer Rosenblüte. Einen Thesenanschlag zu verüben, womöglich an einer Luthereiche, wäre, besonders bei uns in der Diaspora, etwas zu theatralisch – immerhin hat letztes Jahr der Kultusminister von Sachsen-Anhalt erklärt, der Anschlag der 95 Thesen durch Martin Luther sei ein „historisches Bild für die Zivilgesellschaft in Deutschland“.

Apropos Luthereiche: Wikipedia zählt 83 solche Bäume in Deutschland auf (und keinen in Österreich). Der bekannteste steht in Wittenberg, an dem Ort, wo Luther 1520 die Bulle „Exsurge domine“ verbrannt hat, in der ihm der Papst die Exkommunikation androhte, wenn er seine Thesen nicht widerrufen sollte.

Ganz in der Nähe ist heute ein Restaurant, das „good German and Lutheran food“ verheißt. Ich kann es nicht streng beweisen, aber in meinen Reisenotizen steht: 2011 fand sich am Tag vor dem Reformationstag auf der Speisekarte dieses Lokals u.a. eine „Lutherhaxe“ („gefüllte Schweinehaxe mit Porree gefüllt in Schwarzbiersud“). Beilage: „römische Kartoffelklöße“. Was für ein gastronomisches Zeugnis der gelebten Ökumene!

 

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2012)

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1 Kommentare
Gast: M.M.
31.10.2012 08:03
0 0

Eben.......

Und genau auf dem Niveau des im Schlussabsatz erwähnten Gerichts bewegt sich Ökumene mit der EKD. Weshalb ich sie ablehne.

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