Wir sagen vornehm: Interessantes Englisch!

Ja, das Englisch des Lobbyisten Ernst Strasser hat seinen humoristischen Wert. Man sollte aber nicht allzu laut darüber lachen.

Ja, da wird dieser Tage wieder viel über das Englisch des feinen Herrn Strasser gelacht! „My political is in the centre“, soll er gesagt haben, „Children make a mascerade“ (zur Charakterisierung der „funny time of the year“, des Faschings) und „May I ask, how did you come to me?“. Damit reiht er sich in die Riege, in der u.a. Hubert Gorbach („The world in Vorarlberg is too small“) und Maria Fekter („shortly without von delay“) stehen. Das sind bezeugte Fehler, im Gegensatz zu dem dem deutschen Bundespräsidenten Heinrich Lübke zugeschriebenen Satz „Equal goes it loose“.

Wer sich seines Englisch selbst nicht ganz sicher ist, dem sei die Freude darüber gegönnt, dass hochgestellten Politikern solche Pannen passieren, gewiss; aber ein bisschen ordinär ist es schon, über Fehler von Mitmenschen laut zu lachen, ob sie nun die Toilette oder die Sprache betreffen, statt sich still dem Fremdschämen hinzugeben. Aus diesem Grund hat „Die Presse“ wohl gestern auf abermalige Zitierung der Strasserismen verzichtet und nur vornehm vom „interessanten Englisch“ des ehemaligen Innenministers geschrieben.

Achtung: Allzu bemühte Korrektheit bei der Verwendung von Fremdsprachen kann auch etwas unangenehm Streberhaftes haben. Franz Molnar soll in diesem Sinn, so berichtet Friedrich Torberg, auf Beherrschung anderer Fremdsprachen als des Deutschen keinen Wert gelegt haben, mit der Begründung: „Ich habe nicht den Ehrgeiz, mit Oberkellnern oder Hochstaplern zu konkurrieren.“

Und manchmal haben Fehler in der Idiomatik ihre eigene Poesie, erzählen – Gnade dem Anglizismus! – über den Groove der Heimat. So bin ich vor vielen Jahren in Venedig auf dem Vaporetto der Linie1 in eine amerikanische Reisegruppe geraten, die aussah, wie sich der vorurteilsbeladene Europäer eine amerikanische Reisegruppe vorstellt: die Damen in schreiend bunten Kleidern und bene in carne, auch die Herren offensichtlich eating well, alle sehr laut redend und gestikulierend, Chips schlingend und ständig fotografierend...

Nur ein schlankerer, ruhigerer Mann fiel mir auf, und ich hatte auch gleich das Gefühl einer gewissen Nähe. Das sich alsbald bestätigte, als das Vaporetto an einer kleineren Kirche vorbeifuhr, die in schlechteren Reiseführern wohl gar nicht erwähnt ist. „Is this Saint Marcus Cathedral?“, rief da eine besonders üppige Amerikanerin mit besonders breitem Texanisch (oder Arizonesisch?): „Wow! I gotta take a snap of it!“ Da riss es den ruhigen Mann sichtlich, und er fasste sein Unbehagen kopfschüttelnd in einen knappen Ausruf: „I mean, I dream!“

Nein, das war sprachlich nicht korrekt. Aber besser und Wienerischer hätte er es nicht sagen können.

 

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2012)

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