Ich lebe in einer Bezahlwelt, bin ich ein Bezahlbub?

12.12.2012 | 18:10 |  THOMAS KRAMAR (Die Presse)

„Die Welt“ ist jetzt online nicht mehr gratis. Das ist völlig in Ordnung. Aber mit Wortspielen mit „wert“ und „Wert“ sollte man vorsichtig sein.

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Die Welt gehört allen, denen sie etwas wert ist.“ Also schrieb die um zwei Euro wohlfeile deutsche Zeitung „Welt“ am 12.Dezember auf ihrer ersten Seite – in einem Editorial, in dem erklärt wurde, warum „ein Bezahlmodell für unsere Website“ eingeführt wird, sprich: warum man von nun an dafür bezahlen muss, „Welt“-Artikel online zu lesen. Das ist völlig in Ordnung so; die meisten Medienkundigen glauben, dass das über kurz oder lang bei allen seriösen Zeitungen so sein wird. Denn: Was wir schreiben, ist etwas wert, auch wenn es nicht auf Papier steht.

Dennoch: „Die Welt gehört allen, denen sie etwas wert ist.“ Der Satz klingt gut, ist aber bedenklich. Ich z.B. gehe gern und oft vom Parkplatz Cobenzl auf die Jägerwiese, vorbei an dem gräflichen Schloss und an der Kreuzeiche, die beide nicht mehr stehen. Der Weg ist mir etwas wert. Aber deshalb gehört er nicht mir. Ich kann ihn nicht abstecken und für mein Eigentum erklären – schon weil er jemand anderem gehört, ich vermute, der Stadt Wien. Ich will ihn auch gar nicht, der Weg ist mir auch viel wert, wenn er nicht mir gehört.

Aber wenn ich denn einen Weg besitzen wollte, wo könnte ich einen finden? Ich wüsste es nicht. Alles gehört schon jemandem. Zumindest auf der Erde. (Die Wissenschaftsjournalisten Österreichs „schenken“ alljährlich dem „Wissenschafter des Jahres“ einen Stern, den dieser freilich nicht in Besitz nehmen kann; das gilt nicht.)

Alles irdische Land ist in Besitz. Das kann nicht immer so gewesen sein. Irgendwann muss der erste Mensch auf die Idee gekommen sein, ein Stück Land abzustecken und für sich zu beanspruchen, mit Gewalt wahrscheinlich. Diese Art von Eigentum scheint mir bis heute nicht selbstverständlich, viel weniger verständlich jedenfalls als das Eigentum an Objekten, die jemand geschaffen hat, sei's eine Eiche, die er/sie gepflanzt, ein Schloss, das er/sie gebaut oder ein Artikel, den er/sie geschrieben hat. Oder ein Wort, das er/sie erfunden hat? Was ist z.B. mit dem Wort „Bezahlmodell“? Das gab es vor zehn Jahren meiner Erinnerung nach noch nicht. Damals hätte man wohl gedacht, es stehe für ein Modell, also ein Model, für dessen Dienste man bezahlen muss.

Tut es aber nicht. Es bedeutet ein Modell dafür, wie man etwas bezahlen muss, eine Bezahlzeitung oder einen Bezahlsender etwa, die es vor zehn Jahren als Wörter auch noch nicht gab, was, ästhetisch betrachtet, vielleicht gar nicht so schade ist.

Immerhin schenkt uns dieses neue zweisilbige Präfix eine neue Übersetzung für die alte Madonna-Zeile „I'm living in a material world, and I am a material girl“. Sie hat den Vorteil, dass der erkenntnistheoretische Ballast, der am Wort „Materie“ hängt, wegfällt. (Allerdings auch die Anspielung auf George Harrisons Albumtitel „Living In The Material World“.) Singen wir fortan in B-Dur: Ich lebe in einer Bezahlwelt, und ich bin ein Bezahlmädchen.

 

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2012)

 
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