21.11.2009 15:17 | Meine Presse Merkliste0

Spirituelle Geisterfahrer

THOMAS KRAMAR (Die Presse)

Ich misstraue der Psychotherapie, spätestens seit ich einen ihrer Weltkongresse besucht habe.

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Im Wiener Austria Center, wo es nur so schallte und hallte vor „Spiritualität“ und „Transzendenz“, wo Schamanen raunten und Freudianer staunten. Eine der wenigen sich präsentierenden Schulen, die nicht das leere Allerweltswort „spirituell“ bemühten, war die „Professional Psychotherapeutic League of Russia“, die lieber ihren finanziell potenten Klienten eine Woche mit zwei „sexuell attraktiven“ „helpers of sexologists“ (sic!) anbot...

Ich weiß, das alles habe ich Ihnen damals, 1999, schon erzählt, aber ich muss es aufwärmen, um zu erklären, warum ich mich nicht wirklich über den umstrittenen Kongress über „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ ärgern kann, der nächste Woche in Graz stattfindet.

Nicht einmal wundern. Denn ist es ein Wunder, dass die katholische Kirche, die noch jeden halbwegs gefügigen heidnischen Brauch integriert hat, vom Weihnachtsbaum bis zum Yogakurs, jetzt auch auf den – ohnehin schon drei, vier Jahrzehnte brausenden – Psychozug aufspringt?

Einen großen Magen beweist diesmal das Opus Dei, das zwar nicht als Kongressveranstalter fungiert (dazu hat sich die Universitätsklinik bereiterklärt), aber den Kongressleiter (und etliche Vortragende) stellt: Raphael M.Bonelli zeigt viel Integrationswillen, bringt beileibe nicht nur fundamentalistische Katholiken.

Da wird das „psychotherapeutische“ Weltmodell des indischen Philosophen Jiddu Krishnamurti präsentiert (der „für ein Beobachten ohne Beobachter plädiert“); da wird (in bequemer Kleidung) QiGong geübt; da erhalten maximal 20 Personen eine Einführung ins „Körpergebet, das aus Gebetsgebärden, kontemplativem Gehen, spirituellen Tänzen und Meditation besteht“; da spricht Rotraut Perner über „spirituelle Sexualität“, entsprechende tantrische Übungen werden allerdings nicht angeboten.

Elogen auf die Homöopathie natürlich schon, gesungen u.a. vom steirischen Arzt Hans Loibner, der dadurch auffällig geworden ist, dass er Impfungen aus Prinzip ablehnt. Über seine Beweggründe und seine Kritik am „bakteriozentrischen Weltbild“ informiert die Homepage dr.loibner.net.


Derlei Schrullen ist man ja gewohnt von Treffen der sogenannten Psychoszene. Dass diesmal ein echter Exorzist (aus der Erzdiözese Wien: Larry Hogan) dazustößt, der anhand von Beispielen den Unterschied zwischen psychotischen Störungen und dämonischen Angriffen erklären wird, verleiht der Veranstaltung freilich ein exotisches Flair.

Für den strengen römischen Touch sorgt auch der kroatische Priester/Therapeut Tomislav Ivancic, der die „Hagiotherapie“ erfunden hat, die u.a. bei „Sinnentleerung und Lasterhaftigkeit“ und bei „ererbter Neigung zu geistlichen Krankheiten“ ihre Dienste anbietet. Das Wort „geistlich“ verwendet Ivancic nicht ganz konventionell, dafür mag entschädigen, dass „die empfangene geistliche Hilfe eine dispersive Wirkung hat“.

Voraussetzung ist, so Ivancic, dass der Hagiotherapeut „eine Geisterfahrung haben muss“. Ein gutes Beispiel für ein Wort, das man nicht falsch abteilen darf! Schon gar nicht nächste Woche in der synkretistisch-spirituellen, aber wohl doch pan-katholischen Geisterbahn in der Uni Graz.


thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2007)

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6 Kommentare
Gast: Sebastian
05.10.2007 09:14
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stell dir vor, der Papst kommt und keiner geht hin

jetzt versucht sich die Kirche halt als „wissenschaftlich“ zu verkaufen…

stefania
04.10.2007 21:40
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Richard Dawkins : "Der Gotteswahn"

Ein Buch, das jeder vernünftige Mensch lesen sollte.
Irgendwie wird mir immer unheimlicher, wenn ich so sehe, wohin die Menschheit steuert .

Gast: Bösewicht
04.10.2007 20:11
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Religion und Psychotherapie

das klingt so wie Kraut und Rüben. Sie haben vollkommen Recht mit Ihrer Kritik an derartigem Unsinn. Mich beschleicht seit längerem der Verdacht, dass viele Theologen zu feig sind, um über Gott zu reden, einfach weil die Gefahr besteht, dass sie damit öffentlich ausgelacht werden. Stattdessen erzeugen Sie lauwarmes Geschleime über zeitgeistiges - in der irrigen Hoffnung, damit auch nur irgendjemanden zu beeindrucken.

Gast: Dr. Freud
04.10.2007 18:10
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Materialismus pur

Wenn sich ein materialitisch orientierter Mensch eine Welt die neben dem "Kassabuch" dem sonntagsgewaschenen Auto ........ auch noch existieren könnte bzw. für Menschen eine Rolle zu spielen scheint, die sich eben nicht mit dem Kassabuch zufrieden geben, sondern auch andere Bücher lesen und am Sonntag nicht dem Auto zu neuem Glanz verhelfen damit der Nachbar vor Neid erblasst oder vielleich sogar zerspringt, wenn also dieser Materialist meint das seine Welt die schönste aller Welt ist, dann wünsche ich ihm alles Gute. Allerdings dass alles "Humbug" und Scharlatanerie (der sich natürlich auch manche Menschen bedienen) was über das eigene Vorstellungsvermögen hinaus geht, das kann wohl auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Schon so mancher Materialist der durch eine Krankheit dem Tod sehr nahe wurde durch eine solche Revolution seiner Psyche vom Materialismus bzw. Konsumismus gehält. "Glück ist, wenn ein Mensch zu sich selbst findet und trotzdem nicht erschrickt."

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wer mit dem Feuer spielt (1)


Dieser Kongress passt gut zum unseligen USA-Auftritt Kardinal Schönborns in dem er für „Intelligent Design“ eintrat und zum damit verbundenen Allmachtsanspruch der katholischen Kirche.

Die letztendliche Konsequenz seiner „Intelligent Design“ Idee ist die Frage nach dem Ziel von Wissenschaft:

Ist es die Suche nach neuen Erkenntnissen?
oder
Ist es die Suche nach Gottesbeweisen?

Wer finanziert dann etwa „Forschung“? Darf in weiterer Folge „geforscht“ werden, was nicht einen Gottesbeweis zum Ziel hat. Das ist ein brandgefährliches Spiel!


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wer mit dem Feuer spielt (2)


Nun haben wir in Österreich einen Kongress, der Psychiatrie und Religion zum Thema hat und in dieser Ausführung den obskursten Gestalten eine Plattform bietet sich als „wissenschaftlich“ zu verkaufen, was sie nicht sind.

Exorzisten, die den Teufel austreiben wollen, Wunderheiler, die Homosexualität „heilen“ wollen, G¿sundbeten als Therapie und das alles organisiert von einem Opus Dei Mitglied.

Mit Wissenschaftlichkeit hat so etwas nichts zu tun, es ist Scharlatanerie, von der man sich klar distanzieren muss!


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