Über dem Atlantik befindet sich ein barometrisches Minimum, im malaysischen Dschungel trinkt das Federschwanzspitzhörnchen unverdrossen seinen Palmennektar (3,8 Prozent Alkohol) und wird und wird nicht betrunken. Ein Sommerg'spritzten-Schicksal – und vielleicht die am vehementesten zur Einkehr mahnende Wissenschaftsmeldung der letzten Tage.
Die ja höchstwahrscheinlich doch nicht die letzten Tage der Menschheit gewesen sein werden, auch wenn die Urknall-Poeten noch so emsig dichten: Dass im Teilchenbeschleuniger LHC zu Genf bald „jenes Urfeuer gezündet werden soll, das am Beginn der Schöpfung stand“, stand letztens im „Profil“. Ich darf mich kurz wiederholen: Wenn das wahr ist, dann muss man alles tun, um den Betrieb des LHC zu verhindern; ich wiege mich in der Sicherheit, dass es nicht wahr ist, sondern nur Angeberei.
Und ich tröste mich mit dem apokalyptisch komischen Bildtext in derselben Zeitschrift: „Urknall mit Erde, Mond und Sternen (Computergrafik)“, so sieht das Bild auch aus, der zuständige Computer verträgt offenbar deutlich weniger Palmenbier als das Federschwanzspitzhörnchen.
Von der Urknallerei zu anderen Sommertrends, die wir mit gerunzelten Augenbrauen sehen:
Wahlwerbende Parteien, die unter Vornamen firmieren. Wenn einmal die „Liste Fritz“ mit der „Liste Alois“ um die Stimmen der politikverdrossenen Herrgottschnitzer ringt und der „Wahlbund Horst-Friedrich“ mit dem „Wahltrupp Brünhilde“ um die Gunst der heimattreuen Altcherusker, dann wird es nicht mehr lange dauern, bis die „WG Bruno & Bruni“ und die „Plattform Carlo“ der „WählerInnenbewegung Käthe & Klara“ die linken Stimmen streitig machen. Und wie wollen die Marktliberalen heißen? „Wir-AG Karlheinz“? „Adam & Co. KG“? Das hat doch alles keinen Sinn.
Festredner, die falsche Formeln erfinden, um sich in chemischer Aura zu sonnen. Elke Heidenreich hat uns die Liebe als „C6H5(NH2)CH3“ erklärt, das gemischte Sulfid „WIrNiS“ (monoklin kristallisierend!) steht als Bild für die Idiosynkrasien der postmodernen Zeitläufte bereit, und der Unterschied zwischen „différence“ und „différance“ lässt sich gut mit dem Gleichgewicht von Beliebigersäure und ihren Salzen, den Egalaten, illustrieren. Lassen wir das lieber.
Ältere Herren mit Zopf, die aussehen wie Jazzpäpste, die an Präsidenten in Ruhe erinnern, aber exkommunizierte Kräuterpfarrer sind, die in Hinterzimmern von einer Karriere als Warlords träumen, bevor sie sich vor Exklusivjournalisten als enttäuschte Wilhelm-Reich-Jünger ausgeben, die ihre Orgon-Akkumulatoren statt in Pflugscharen lieber in Schwerter umgegossen haben, ja muss denn das sein? Gibt es keine günstigen Herrenfriseure mehr?
Immerhin die „Meinl Bank“ hat in diesen Tagen der Verwirrung den Mut, uns in Inseraten „Die Wahrheit (Teil 4)“ zu verkünden. Und das „Institut für Raum Quanten Physik“ (Präsident: Hans Lehner), das eine „neu entdeckte, kosmische Urenergie“ und Teilchen namens Lehneronen kennt, prophezeit für 1.August schwere Erdbeben, vor allem in China, ausgelöst durch „sehr gefährliche, einseitige Planetenverteilung“. Na, zumindest diese Theorie hätten wir bald falsifiziert. Hoffentlich.
thomas.kramar@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2008)
















