Eine abgeschälte Burenwurst. Die Donau, um die Füße darin baden zu können. Ein Gashahn zum Aufdrehen [Selbstmord zu begehen]. Ein Päderast. Wasserleichen. Foxterriers. Halbwüchsige. Bierrettichschäler. Kinokarten. Eine Kranzwurst zum Umhängen. Die Frau Nowak. Der Schwager des Herrn Leitner. Der Notenständer Mozarts. Quargeln [Handkäse] in Essig und Öl. Das Gänsehäufel [städt. Freibad an einem Altarm der Donau]. Eine Schlittenfahrt mit Toten. Das Erbrochene vor einer Stehweinhalle. Und im Hintergrund auf jeden Fall: der liebe alte Stephansdom!“
Diese Zeilen habe ich aus den weiten Steppen des Internet, aus einem rührenden Versuch, H.C.Artmanns wunderbares Gedicht „wo an weana olas en s gmiad ged“ ins Hochdeutsche zu übertragen. (Die Übersetzung „Halbwüchsige“ ist dem originalen „wimmalagentn“ doch eher unterlegen, „Päderast“ für „kindafazara“ ist ärmlich, „Bierrettichschäler“ für „radeschöla“ ein Missverständnis.)
Genug Lokalkolorit für heute. Kein Wort mehr über Burenwurst, Kracherl und Melange, Mutzenbacherin und Strauß-Schani. Nicht einmal über Schrebergärten und Schutzhäuser, obwohl die schon eher zur Frage passen, warum sich Wien so beharrlich in den Charts der lebenswertesten Städte ganz vorne findet.
Nein, das liegt nicht an der begünstigten Lage an den Herzkranzgefäßen Europas. Auch nicht an der sogenannten „Mentalität“. Ich schlage eine viel prosaischere Erklärung vor: In Wien ist die soziale Durchmischung größer als in vergleichbaren Städten, der Unterschied zwischen armen und reichen Gegenden ist kleiner, bisweilen stößt man mitten in einem „bürgerlichen“ Viertel noch auf ein Beisl mit unbürgerlich kleinen Preisen. Und das liegt an den (noch) vergleichsweise günstigen Mieten. Der Journalist Alexander von Schönburg, beileibe kein Sozialdemokrat, schwärmt in seinem Buch „Die Kunst des stilvollen Verarmens“ über Wien: „Die ärmsten Kirchenmäuse wohnen in riesigen Altbauwohnungen mit uralten Tiefstmietpreisen, die sie samt Mobiliar von der Großmutter oder dem Onkel übernommen haben, und niemand glaubt, dass sich Geschmack mit Geld aufwiegen ließe.“
Wer das Glück hatte, in den Achtzigerjahren zu studieren und ab und zu in fremden Wohnungen zu jausnen oder gar zu frühstücken, weiß, was Schönburg meint: Studenten-Wohngemeinschaften in geräumigen Gründerzeithäusern, gleich neben der gediegenen Rechtsanwaltskanzlei, die „Friedenszinse“ machten das möglich.
Ja, ich weiß, das war nicht marktgerecht. Ja, ja, wir wissen, wie essenziell die Spekulation mit Immobilien für ein blühendes Finanzsystem ist. Und gewiss, ein Revival der Breitner-Steuern (siehe Artikel links) würde etwas altväterlich wirken. Obwohl: Selektiv (und freiwillig?) in den Lokalen der bourgeois bohémiens, auf Aperol-Spritz statt auf Champagner, meinetwegen auch auf Welschriesling, das sollte doch funktionieren?
thomas.kramar@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2009)

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