Nach der Gottesvernunft allerdings“, antwortet in Thomas Manns „Joseph, der Ernährer“ Joseph dem Pharao, „und der sollte man wohl allerwege die Ehre geben“. In diesem Sinn erklärt Joseph dem Pharao, wie seine Träume zu deuten seien – und wie man ihre Botschaft befolgen soll: mit einer Land- und Staatsreform, die man durchaus sozialdemokratisch nennen kann. Die „Gottesvernunft“ ist einer der gewitztesten Begriffe in Thomas Manns Joseph-Tetralogie, und sie ist – jetzt nicht im streng kantianischen Sinn des Wortes – eine ziemlich praktische Vernunft.
Der Papst hat bei seiner kürzlich beendeten Deutschlandreise wieder viel von Vernunft gesprochen: Hat er eine Gottesvernunft à la Thomas Mann gemeint? Wohl eher nicht. „Benedikt XVI. warnt vor ,Herrschaft der Vernunft‘“, titelte die „Zeit“ fälschlich. Das tut er nicht. Er setzt auf die Vernunft – die er streng von der „positivistischen Vernunft“ unterscheidet, die er einmal auch „amputierte Vernunft“ nannte. Die Vernunft, die der Papst meint, ist dennoch eine Vernunft, die Erkenntnisse hervorbringen soll. Als solche nannte er explizit u.a. „die Idee der Menschenrechte“ und die „Idee der Gleichheit aller Menschen“; diese Ideen wurzeln in der „Überzeugung eines Schöpfergottes“, sagt er.
Man widerspricht dem frommen Bayern mit den listigen Augen ungern, aber: Eine Idee ist keine Erkenntnis. Diese Unterscheidung treffen wir in unserer Alltagssprache, sie findet sich auch in Kants „Kritik der reinen Vernunft“: Die Ideen – bei Kant: Gott, Freiheit, Unsterblichkeit – bringen keine neue Erkenntnis und sind auch keine, sie leiten nur die Vernunft.
Das Problem mit der Vernunft ist, dass man auf sie nicht bauen, mit ihr nicht argumentieren kann – zumindest nicht im Diskurs unter Menschen. Ich kenne etliche kluge Leute, die uns erklären, es sei unvernünftig, an Gott zu glauben. Andere – etwa der Papst – sagen, es sei vernünftig. Eine Einigung scheint unmöglich. Und die Idee der Menschenrechte z.B. findet sich auch in atheistischen Köpfen.
Mit dem Verstand (bei Kant ein Teil der Vernunft) ist es anders: Wir können uns darauf einigen, dass vier nie und nimmer eine Primzahl ist; oder darauf, dass aus den Sätzen „Ein Atom ist eine Welle“ und „Eine Welle lässt sich beugen“ folgt, dass Atome sich beugen lassen. Über Gott kann man nicht so sprechen. „Es war die Art zu allen Zeiten, durch Drei und Eins und Eins und Drei Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten“, sagt Mephisto. Wer könnte ihn „vernünftig“ widerlegen?
Als „Hure des Teufels“ bezeichnete Luther die Vernunft. Weniger derb heißt es im Brief des Paulus an die Philipper: „Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus.“ Alle Vernunft. Die Evangelischen sprechen das als Segen im Gottesdienst. Könnte Benedikt XVI. das mitsprechen?
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2011)















