Sieht so Liebe aus?“ Wenn die für ihre Interviewkünste berüchtigte Zeitung „Österreich“ das fragt, müssen Paare sich warm anziehen. Blickdicht nützt nichts: Denn diesem Blatt bleibt nichts verborgen. „Man versucht, verliebt vor den Kameras zu posieren“, schreibt es, „aber so wirklich will das nicht gelingen.“
Gemeint ist eine ORF-Moderatorin und ihr Ehemann. „Österreich“ bemüht sich seit einiger Zeit, in Wort und Bild zu belegen, dass die beiden vor der Scheidung stehen, was sie gemeinerweise dementieren, der Mann schwört sogar „beim Augenlicht meiner Tochter, dass ich nie bei einem Anwalt war“. „Zweifel sind angebracht“, kommentiert der Reporter und berichtet hautnah: „Demonstrative Berührungen zwischen den beiden wirken unsicher und aufgesetzt. Auf einen Kuss wartet man vergeblich.“ Und ein Bildtext konstatiert: „Lächeln, aber kein Kuss.“
Man muss sich das einmal vorstellen: Da verfolgt man ein Ehepaar mit der Kamera, und die beiden wagen es tatsächlich, einander nicht zu küssen! Wenn das nicht den Titel „Szenen einer Ehe-Krise“ rechtfertigt! Man will sich ja nicht vorstellen, dass die beiden partout, aus Trotz sozusagen, den öffentlichen Kuss verweigern. Weil sie einander halt nicht so gern vor der Kamera küssen. Unverschämt verschämt!
„A watched pot never boils“, sagt der Brite: Wenn man einen Wasserkessel hartnäckig anstarrt, beginnt er nie zu kochen. In der großen Welt mag diese Lebensweisheit experimentell nicht fassbar sein, in der Quantenmechanik gibt es ein entsprechendes Phänomen: den Quanten-Zeno-Effekt, benannt nach dem Philosophen Zenon von Elea, der sich das Pfeil-Paradoxon ausgedacht hat, nach dem ein fliegender Pfeil nie ankommen kann. Der Quanten-Zeno-Effekt ist: Wenn man ein angeregtes Atom beharrlich misst, dann bleibt es im angeregten Zustand.
Die experimentelle Bestätigung dieses Effekts ist umstritten, der (eigentlich seriöse) Physiker Lawrence Krauss hat vor vier Jahren in einer aberwitzigen These das Schicksal des ganzen Alls von ihm abhängig gemacht: Durch die Entdeckung der Dunklen Energie hätten die Kosmologen das Universum so beeinflusst, dass das „falsche Vakuum“, in dem es sich befindet, mit größerer Wahrscheinlichkeit zerfällt. Was für das All und uns alle katastrophal wäre.
Das nennt man Allmacht des Beobachters! Gegen eine solche Katastrophe wäre nicht nur die (angebliche) Ehekrise einer TV-Moderatorin ein laues Lüftlein, sondern auch die Wirtschafts- und Finanzkrise, mit der uns tagtäglich gedroht wird. Wie wäre es mit einem ökonomischen Zeno-Effekt? Solange fleißig über den Kollaps des Finanzsystem geredet wird, kollabiert es nicht. Solange wir über den Crash schreiben, kommt er nicht. Ich will ja nichts verschreien, aber: Hat es nicht bis jetzt funktioniert?
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2011)















