Bitterer Nachtrag zur tragischen Lebensgeschichte des Michael Jackson: „Gib mir bitte die Milch, ich muss endlich schlafen“, soll er zu seinem (kürzlich wegen fahrlässiger Tötung verurteilten) Leibarzt gesagt haben, bevor er nie wieder etwas sagte. Mit Milch meinte der kindliche Popkönig die gewohnte Emulsion von Propofol. (Das ist das chemisch verblüffend einfache Narkotikum, das nun auch schuld daran sein soll, dass ein dreijähriges Mädchen in der Innsbrucker Kinderklinik schwerstbehindert aus dem künstlichen Tiefschlaf erwacht ist.)
Es sind grauenhafte letzte Worte, umso grauenhafter, als sie nahe an einer Illusion der Erlösung sind. Die Milch, die Substanz, die Mütter den Kindern zum Leben geben, ins Tödliche mutiert: Paul Celan hat in seiner „Todesfuge“ damit gespielt („Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts“). Jacksons Satz spricht auch für eine Sicht der Sucht als Rückfall in die infantile Abhängigkeit von der Mutterbrust, nach der man nicht mehr betteln kann, also bettelt man den Dealer oder den Arzt an.
Ein weniger niederschmetterndes als groteskes Eisenbahnerlebnis zum Thema Sucht: eine exaltierte Dame, die auf die Mitteilung des Schaffners, dass man im gesamten Zug nicht rauchen dürfe, mit glaubhafter Hysterie reagierte. Drei Stunden ohne Zigarette seien für sie unvorstellbar, erklärte sie – und rief tatsächlich ihren Dienstgeber an, er möge ihr wenigstens ein Taxi für die Strecke von Linz nach Wien zahlen...
So groß ist die Macht des Nikotins, dieser bitter-süßen Essenz eines Nachtschattengewächses, die nicht einmal hält, was Freud über Rauschmittel sagte, dass man nämlich mit ihrer Hilfe „ein heiß ersehntes Stück Unabhängigkeit von der Außenwelt“ finden kann. Es mag bevormundend klingen, aber ich bin überzeugt, dass Rauchverbote nicht nur dem Schutz der Nichtraucher dienen, sondern auch dem Wohl der Raucher: Wer hier und dort nicht rauchen darf, verfällt der totalen Sucht weniger leicht.
Deutlich weniger suchtgefährlich als Propofol und Nikotin ist Tetrahydrocannabiol, der Hauptwirkstoff in Haschisch und Marihuana. 21 Prozent der Wiener haben damit Erfahrung, sagt der Drogenbericht des Gesundheitsministeriums. Darunter sind erstens – etliche meiner Kollegen und Freunde können das bezeugen – auch viele brave, angesehene Bürger. Zweitens ist wohl nur ein kleiner Teil als dauerhafte und regelmäßige Konsumenten anzusehen; Cannabis wird immer mehr, was der Alkohol zu sein verspricht: ein Rauschmittel für besondere, seltene Anlässe. Trotzdem werden Menschen, die vor Wiener Lokalen mit Marihuana handeln, als Kriminelle behandelt: ein krasser Fall von doppelter Moral.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2011)















