25.05.2012 12:42 | Meine Presse Merkliste 0

Michaels Milch, Marihuana und ein Nachtschattengewächs

THOMAS KRAMAR (Die Presse)

Michael Jacksons letzte Worte galten einem Narkotikum: Sucht hat etwas Bestürzendes, auch die nach Nikotin.

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Bitterer Nachtrag zur tragischen Lebensgeschichte des Michael Jackson: „Gib mir bitte die Milch, ich muss endlich schlafen“, soll er zu seinem (kürzlich wegen fahrlässiger Tötung verurteilten) Leibarzt gesagt haben, bevor er nie wieder etwas sagte. Mit Milch meinte der kindliche Popkönig die gewohnte Emulsion von Propofol. (Das ist das chemisch verblüffend einfache Narkotikum, das nun auch schuld daran sein soll, dass ein dreijähriges Mädchen in der Innsbrucker Kinderklinik schwerstbehindert aus dem künstlichen Tiefschlaf erwacht ist.)

Es sind grauenhafte letzte Worte, umso grauenhafter, als sie nahe an einer Illusion der Erlösung sind. Die Milch, die Substanz, die Mütter den Kindern zum Leben geben, ins Tödliche mutiert: Paul Celan hat in seiner „Todesfuge“ damit gespielt („Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts“). Jacksons Satz spricht auch für eine Sicht der Sucht als Rückfall in die infantile Abhängigkeit von der Mutterbrust, nach der man nicht mehr betteln kann, also bettelt man den Dealer oder den Arzt an.

Ein weniger niederschmetterndes als groteskes Eisenbahnerlebnis zum Thema Sucht: eine exaltierte Dame, die auf die Mitteilung des Schaffners, dass man im gesamten Zug nicht rauchen dürfe, mit glaubhafter Hysterie reagierte. Drei Stunden ohne Zigarette seien für sie unvorstellbar, erklärte sie – und rief tatsächlich ihren Dienstgeber an, er möge ihr wenigstens ein Taxi für die Strecke von Linz nach Wien zahlen...

So groß ist die Macht des Nikotins, dieser bitter-süßen Essenz eines Nachtschattengewächses, die nicht einmal hält, was Freud über Rauschmittel sagte, dass man nämlich mit ihrer Hilfe „ein heiß ersehntes Stück Unabhängigkeit von der Außenwelt“ finden kann. Es mag bevormundend klingen, aber ich bin überzeugt, dass Rauchverbote nicht nur dem Schutz der Nichtraucher dienen, sondern auch dem Wohl der Raucher: Wer hier und dort nicht rauchen darf, verfällt der totalen Sucht weniger leicht.

Deutlich weniger suchtgefährlich als Propofol und Nikotin ist Tetrahydrocannabiol, der Hauptwirkstoff in Haschisch und Marihuana. 21 Prozent der Wiener haben damit Erfahrung, sagt der Drogenbericht des Gesundheitsministeriums. Darunter sind erstens – etliche meiner Kollegen und Freunde können das bezeugen – auch viele brave, angesehene Bürger. Zweitens ist wohl nur ein kleiner Teil als dauerhafte und regelmäßige Konsumenten anzusehen; Cannabis wird immer mehr, was der Alkohol zu sein verspricht: ein Rauschmittel für besondere, seltene Anlässe. Trotzdem werden Menschen, die vor Wiener Lokalen mit Marihuana handeln, als Kriminelle behandelt: ein krasser Fall von doppelter Moral.

 

thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2011)

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2 Kommentare
Gast: Jerom
12.11.2011 02:55
1 0

Recht haben sie

Recht haben sie, Herr Kramar, mit Ihrem ganzen Artikel. Noch dazu kommt, jährlich sterben in der BRD über 40.000 Menschen an (den Folgen) von Alkohol und es ist ok, aber! es ist noch niemand wirklich an Cannabis gestorben aber diese Substanz ist illegal..................................
Wo ist da die Logik??? Regieren uns hirnamputierte Politiker die nicht wissen dass 40.000 größer als 0 ist!?!?!?!?!?!
Ist doch schon hart, 40.000 zu 0, aber trotzdem sehen sie den Baum vor lauter Walt nicht...

Gast: Genussraucher
11.11.2011 08:01
0 0

Einige Fragen, Herr Kramar:

Ich höre im Zusammenhang mit Rauchen immer nur von Sucht. Ich bin Pfeifenraucher. Wenn ich nur an den Wochenenden meine Pfeife rauche, denn das benötigt Ruhe, bin ich dann süchtig? Wenn ich im Urlaub meine Pfeife zu Hause vergessen habe und es mir erst nach meiner Rückkehr auffällt, bin ich dann süchtig? Ich rauche nie in Essbereichen. Ich rauche in meinem Beisl, wo es (noch) gestattet ist. Ich rauche nicht in Gegenwart von Kindern oder Leuten, welche sich gestört fühlen (könnten). Ich hörte übrigens in all den Jahren nicht eine Beschwerde. Es waren sogar Nichtraucher unter jenen, die mich manchmal baten, mir "doch endlich die Pfeife anzuzünden", weil sie den Geruch (!) so gerne haben. Wird an meinem Tabak liegen. Ich sehe mich nicht als süchtigen Unmenschen. Ich trauere noch heute dem Wiener Tabakmuseum nach.

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