25.05.2012 12:44 | Meine Presse Merkliste 0

Eine Grapefruit ist keine Orange – und auch kein Sessel

THOMAS KRAMAR (Die Presse)

Viel Freudianisches liegt in der Luft in diesem nebligen Wiener November. Trotzdem sollte man keine Zitrusfrüchte verwechseln.

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Gegenüber vom Ödland des Ostbahnhofs, im dichten Novembernebel, hat Dienstagabend in Wien das 21. Jahrhundert begonnen. Als das Museum dieses Jahrhunderts eröffnet wurde (mit Musik wie aus den Achtzigerjahren, als ob es hieße: Zurück in die Moderne!), war es nicht Sommer, nein gar nicht, und trotzdem kriege ich seit Tagen das evangelische Kirchenlied von Paul Gerhardt nicht aus dem Kopf: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud, in dieser lieben Sommerzeit...“

Wie kam es hinein? Ziemlich sicher über den Freud-Film „A Dangerous Method“ und die Ausstellung „Reflecting Reality“ im Freud-Museum, so kindlich-naiv funktioniert mein Unbewusstes, ich nehme ihm das nicht übel. Ärgerlicher ist es, wenn mitten im taghellen Bereich des Bewusstseins eine Zitrusfrucht mit einer anderen verwechselt wird. Das ist mir in der Besprechung von „Reflecting Reality“ passiert: Die Frucht, die Edgar Honetschläger unter dem Titel „Yoko Ono“ dargestellt hat, ist keine Orange, sondern eine Grapefruit!

Der Unterschied ist erstens botanisch signifikant: Die Grapefruit ist keine Orange, sondern nur aus der Kreuzung von Orange und Pampelmuse entstanden. Darum ist es wohl auch okay, dass sie in Honetschlägers Bild 16 Spalten hat und nicht wie eine Orange nur 10 bis 13.

Zweitens ist es kein Zufall, dass Honetschläger Yoko Ono just als Grapefruit darstellt: Sie hat schon 1964 ein Buch namens „Grapefruit“ geschrieben, also noch bevor sie John Lennon kennenlernte (und dieser mit den Beatles das Label „Apple“ gründete). Auf den Namen kam sie, weil sie (irrtümlich) die Grapefruit als Hybride einer Orange und einer Zitrone sah, was ihr als Bild für ihr Selbst gefiel, das sie als „spirituelle Hybride“ versteht.

Die Yoko-Ono-Grapefruit stammt übrigens, wie mir Honetschläger mit freundlicher Geduld erklärt hat, aus seiner Serie „Chairs“, in der er seit 1989 Menschen als Sessel porträtiert, mit nur wenigen Ausnahmen, darunter eben Yoko Ono. Auch das von mir als Rufzeichen interpretierte Bild namens „Christian Fennesz“ zeigt in Wahrheit einen Sessel, einen Rietveld-Sessel. Auch das sehe ich jetzt ein.

Und dass Honetschläger mir in seiner ersten Reaktion auf meinen Artikel, in dem ich auch über die Spaltigkeit der Früchte geblödelt habe, einen Bericht über ein Sesselbild geschickt hat, das den Architekten Johannes Spalt darstellt? Kann das Zufall sein?

Natürlich. Wir sind ja keine Jungianer. Obwohl man C. G. Jung nach Ansicht des großartigen Films „A Dangerous Method“ (blöder deutscher Titel: „Eine dunkle Begierde“) erstaunlich sympathisch findet: als einen wider Willen in die Sado- und Sohnesrolle Gedrängten. Der das schöne wie schreckliche Schlusswort hat: „Manchmal muss man Unverzeihliches tun, nur um weiterleben zu können.“

 

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2011)

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