Zweimal war gestern in dieser Zeitung das Wort „Wurst“ im Titel zu lesen: einmal auf einer innenpolitischen Seite, einmal im Feuilleton. Hier las man es in der Form, wie es die Averner im Asterix-Band XI aussprechen würden: als „Wurscht“. Das Theater sei vergänglich, aber das sei ihm „wurscht“, sagte der Regisseur Achim Freyer, das Wort im Sinne von „egal“ gebrauchend. Warum die Wurst in dieser vor allem im bayrischen Sprachraum verbreiteten Redewendung die Gleichgültigkeit verkörpert, scheint intuitiv klar: Diese Speise hat ein plebejisches Image, wer seine Gäste mit Wurst abspeist, gilt nicht als großzügiger Gastgeber, selbst wenn die Wurst vom edelsten spanischen Mangalitzaschwein und auch noch getrüffelt wäre. Selbst die Kantwurst gilt uns nicht als hochgeistig.
Eine andere Interpretation geht von der vom Volksmund so innig besungenen Zweiendigkeit der Wurst aus: Es ist egal, für welches der beiden Enden man sich entscheidet, beide Zipfel sind gleich ansehnlich respektive unansehnlich. Oft wird der Wurst ordinäres Aussehen vorgeworfen, wobei die Assoziation mit dem männlichen Geschlecht – aus der unlängst ein(e) skurrile(r) Teilnehmer(in) an einer ORF-Show ihren (seinen) Künstlernamen bezog – noch die bessere und seltenere ist. In Goethes (fragmentarischer) Farce „Hanswursts Hochzeit“ kommen einige entsprechende Derbheiten vor, die Abgebrühte im Internet nachlesen können.
Als begehrenswerter Preis tritt die Wurst in einer anderen Redewendung auf: „Jetzt geht es um die Wurst!“ Ein Champion, der einen Wurstkranz heimträgt, statt mit Champagner um sich zu spritzen, gäbe freilich eher ein tragikomisches Bild ab als ein triumphales. Ja, einen Hund könnte man so belohnen! Wer dächte da nicht an den Kommissar Rex, der für seine Leistungen mit Wurstsemmeln bedacht wird?
In der innenpolitischen Arena hat die Wurst in ihrer Erscheinungsform als Wurstsemmel in der Nacht auf vergangenen Sonntag einen Auftritt gehabt, als der FP-Bundesparteiobmann Heinz-Christian Strache bei einem Clubbing mit einer solchen beworfen wurde. Man könnte das als seltsamen Kompromiss interpretieren: zwischen dem abgebrauchten Brauch des Eier- oder Paradeiserwurfs und der neueren „Tortung“, die auf die weniger zielgerichtete „Tortenschlacht“ zurückgeht und ab 1969 vom belgischen Komiker Noël Godin zur vergleichsweise harmlosen Form des Attentats stilisiert wurde. 2004 widerfuhr sie dem damaligen Rektor der Universität Wien, worauf die damalige Unterrichtsministerin von einer „unglaublichen Eskalation der Gewalt“ sprach.
Laut neueren Meldungen handelte es sich bei der geworfenen Semmel eigentlich um eine Semmel mit Leberkäse, den man aber im weiteren Sinn zu den Wurstwaren zählen darf. Gleichwohl: Niemand hofft, dass der Wurstsemmelwurf, womöglich zur „Wurstung“ verwurstet, en vogue wird. Dass Bürger, die ihn praktizieren oder begrüßen, nun scherzhaft als „Wurstbürger“ bezeichnet werden, ist allerdings eine nette Pointe: Der Wutbürger, der sich zu einer solchen zweifelhaften Aktionsform hinreißen lässt, will den Vorwurf der Wurstigkeit nicht auf sich sitzen lassen.
Aber auch nicht mit der Wurst nach der Speckseite werfen: Diese Redensart steht für die Absicht, durch ein minderwertiges Geschenk eine höherwertige Gegengabe zu provozieren. Ein – vier Tage vor dem Heiligen Abend darf man das sagen – ausgesprochen unweihnachtliches Verhalten.
E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2011)















