Politiker, versucht es doch einmal mit paradoxer Intervention!

04.01.2012 | 18:17 |  THOMAS KRAMAR (Die Presse)

Wer interveniert, strapaziert seine Macht, um sich etwas zu richten. Und baut darauf, dass er nicht „ein jeder“ ist.

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Dann genügt oft schon ein Telefonat zum richtigen Ort und dort sind sofort die Akten unauffindlich. Sitzt dort ausnahmsweis' ein Falscher am Draht, der glaubt, er kann da Manderln machen, und wird rabiat – na ja, der Papa wird's schon richten...“

Diese Kabarettnummer von Gerhard Bronner aus dem Jahr 1958, kongenial interpretiert von Helmut Qualtinger, war Auslöser für den Rücktritt des Nationalratspräsidenten Felix Hurdes (VP). Sie bringt bis heute das Wesen der spezifisch österreichischen Intervention auf den Punkt: Man richtet sich (oder einem Günstling) etwas gütlich, unter der Prämisse: „Wir wer'n kein' Richter brauchen.“ Und ohne sich zu echauffieren – wie es der deutsche Bundespräsident offenbar im Telefonat mit der „Bild“-Zeitung getan hat –, sondern im Vertrauen darauf, dass auch die angewählte Stelle nicht rabiat wird, sondern Verständnis zeigt, nicht den Satz sagt, mit dem auf Wiener Ämtern routinemäßig die Gesuche abschlägig beschieden werden: „Da könnt' ein jeder kommen.“

Nein, der Intervenierer ist eben nicht „ein jeder“, er weiß, dass ihm mehr zusteht als anderen, das testet er aus, das will er bestätigt bekommen. Ob er nun seine Schuhe billiger kaufen, im Flugzeug „upgegradet“ werden oder günstige Medienberichte sehen will, er setzt auf seine Aura der Macht.

Darum ist für solche Einmischungsfälle – die ja auffallend oft Eitel- und/oder Lächerlichkeiten betreffen – das pathetische Wort „Intervention“ berechtigt, das ja bedeutet, dass sich einer dazwischenstellt, sich dem Lauf der Dinge entgegenstellt. In diesem Sinn sprechen Anhänger des freien Markts so gern tadelnd von Staatsinterventionen: Sie sehen das Wirtschaftstreiben als „natürlichen“ Lauf der Dinge, den Eingriffe der Politik nur stören können. Auch die Theologie verwendet das Wort: In theistischen Religionen – im Gegensatz zu deistischen – gehört es zum Wesen Gottes, dass er interveniert, seiner Schöpfung nicht freien Lauf lässt.

Die Psychotherapie kennt eine spezielle Form: die paradoxe Intervention. Der Patient soll sich genau das herbeiwünschen, wovor er Angst hat. Das soll à la longue seine Angst bekämpfen. Eine paradoxe Intervention des Bundeskanzlers (eines Ministers, eines Landeshauptmanns) wäre es zum Beispiel, in Redaktionen anzurufen und zu bitten, dass man ihn doch nicht zu oft vorkommen lassen soll. Dass man aber kritische Beiträge über ihn bitte nicht zensieren soll. Und ihn doch (z.B. im Schuhgeschäft oder am Flughafen) als ganz normalen Bürger behandeln soll.

Von solchen paradoxen Interventionen können wir Journalisten selten bis nie berichten. Dabei würden sie angst- und krampflösend wirken. Das ist eine Aufforderung!

 

thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2012)

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6 Kommentare
Gast: Luzifer
05.01.2012 15:23
2

Da sich die österr. Journalisten gegen die wirklich Mächtigen

nicht aufzumucken trauen, gibt es eben keine Intervention!

Sehr lieb waren die Rückblende auf die Vergangenheit, wobei Schwarze eindeutig Priorität genossen.

Etwa von einem SP-Gratz war keine Rede, obwohl sich da eine Menge berichten ließe!

Am ähnlichsten wäre jede der Fall Armbrusterstraße: die dort befindliche Nobelvilla in der Cottage von Wien gehört der "Wiener Städtischen", eine Domäne für SP-Politiker Spiitzenpolitiker. Diese wurde seinerzeit einem SP-Bundeskanzler um sagenhafte ATS 2.000 vermietet, also um höchstens einem Zehntel des wahren Mietwertes. Aber das ist weder damals noch jetzt unseren Zeitungsleuten aufgefallen!

Antworten Gast: Lukas
05.01.2012 23:13
1

Re: Da sich die österr. Journalisten gegen die wirklich Mächtigen

na logo, welcher Journalist will sich schon mit der Rudas anlegen? Die haben doch alle Angst wenn die anruft. Wer sich Österreichs Medien zu Gemüte führt erspart sich jedes Kabarett.

Sie haben zwar...

...den feinen Unterschied zwischen paradoxer Intention und Intervention nicht ganz verstanden, aber man erkennt, worauf Sie hinauswollen ;-)

Antworten Gast: gastritis
05.01.2012 09:49
0

Re: "paradoxe Intention und Intervention"...

Danke, daß Se das formuliert haben, Ka-Sandra;)

Re: Re: "paradoxe Intention und Intervention"...

Aber bitte! So eignet sich z.B. die paradoxe Intention auch hervorragend zur unterstützenden Selbsttherapie bei Gastritis.

Mögliches Mantra: „Heut ärgere ich mich beim Lesen der Kommentare dermaßen, dass mir die Magensäure hochsteigt.“ Sie werden garantiert gelassen bleiben. Probieren Sie’s!

Antworten Antworten Antworten Gast: gastritis
05.01.2012 11:07
1

Re: Re: Re: "paradoxe Intention und Intervention"...

*lol*
Sie haben mich anscheinend mißverstanden und bellen den falschen Baum an, aber danke für den Lacher!

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