Schon lang war kein Bob-Dylan-Zitat in dieser Kolumne, beklagen Sie, liebe Leserin? Hier ist eines: „And Madonna, she still has not showed / We see this empty cage now corrode / Where her cape of the stage once had flowed...“ Usw. usf.
Diese schönen Zeilen aus „Visions Of Johanna“ gehen mir nicht aus dem Kopf, und schuld ist Madonna, nämlich Madonna Louise Veronica Ciccone, um deren neues Album wieder einmal ein Riesentheater aufgeführt wird. Nein, es ist physisch noch nicht da, aber es geistert im Netz, ein „Live-Stream“ soll kommen, heute, nein, doch morgen, früh, nein, doch später, oder ist er heimlich geflossen, wie sonst hätte „Österreich“ die Platte schon rezensieren können?
Egal. Wir können warten. Zum Glück liegen im Wartezimmer die Texte der Platte auf, die „MDNA“ heißt, in nicht wirklich subtiler Anspielung auf das Trottelparty-Amphetamin MDMA („Your name's like a drug“). „You're my gangster, you're like Al Capone“, wird da z.B. der „Superstar“ angeschmachtet, wohl der gleiche, der anderswo als „beautiful killer with a beautiful face“ identifiziert wird. Nettes Männerbild. Passt gut zum Selbstbild: „But I'm a bad girl anyway, forgive me“, heißt es schon im ersten Song, „Girl Gone Wild“; genauer wird das in „I'm A Sinner“ ausgeführt. „I'm a sinner, I like it that way“, singt sie da, fleht aber doch: „All those saints and holy men, catch me before I sin again...“
Bitte um Vergebung, aber einem alten Protestanten ist das zu katholisch. Oder: Wenn schon katholisch, dann gleich richtig, wenn schon Madonna, dann gleich Muttergottes. Und die SMS-Sprüche, die der Papst in der Fastenzeit ausschickt. Einer lautete: „Wenn sich Christen an Maria wenden, dann lassen sie sich dabei von der Gewissheit leiten, dass Jesus seiner Mutter ihre Bitten nicht abschlagen kann.“ Ganz ohne Ironie: Das ist rührend. Und konsequent: Wenn Gott Mensch geworden ist, dann er ist er auch Familie geworden. Und eben auch ein Bub, der auf die Mama hört und ihr hoffentlich nicht antwortet: „Was willst du von mir, Frau?“ Oder, wie dieses Jesuswort aus dem Johannesevangelium (2,2) in älteren Übersetzungen lautet: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?“
Das, finde ich, könnte einmal jemand zu Madonna L. V. Ciccone sagen. Und sie soll dann mit den Zeilen von „I F*cked Up“ antworten: „I'm sorry, sorry, sorry, je suis desolé.“
Ist schon gut, Madonna.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2012)















