Imagine there's no heaven, it's easy if you try, no hell below us, above us only sky...“ Wer je um ein Lagerfeuer gesessen ist, kennt diesen Song. Fromme Jungscharen versuchen gern, ihn zu theisieren, es nützt nichts: „Imagine“ von John Lennon ist u.a. ein atheistisches Statement. Das Englische erlaubt im Gegensatz zum Deutschen die klare Trennung: hier der „sky“, der gestirnte Himmel, dort der „heaven“, von dem die Religionen erzählen.
Von der Verwirrung der beiden Begriffe lebt das Sätzchen des sowjetischen Astronauten Juri Gagarin. „Ich war im Himmel und habe mich genau umgesehen“, sagte er 1961, nachdem er die Erde in 108 Minuten umrundet hatte. „Es gab keine Spur von Gott.“
Lisa Randall, bekannteste theoretische Physikerin nicht nur unserer Tage, hebt diese Trennung im englischen Titel ihres neuen Buchs (auf Deutsch: „Die Vermessung des Universums“) spielerisch auf: „Knocking on Heaven's Door“ heißt es, nach dem Song von Bob Dylan aus dem Western „Pat Garrett & Billy the Kid“. Randall spielt bewusst mit dem religiösen Sinn, sie leitet den Titel von einem Jesuswort (Matthäus 7,7) ab: „Klopfet an, so wird euch aufgetan.“
„Das Universum ist demütigend“, schreibt Randall im selben Kapitel: „Die Natur verbirgt viele ihrer interessantesten Rätsel. Doch wir Naturwissenschaftler sind arrogant genug zu glauben, dass wir sie lösen können.“ So spielt sie in ihren eigenen Theorien mit den Dimensionen, mit der Idee, dass die beobachtbare Welt „nur“ eine vierdimensionale Insel in einem fünfdimensionalen Universum sein könnte.
Das ist vergleichsweise bescheiden: Die String-Theoretiker reden von elf und mehr Dimensionen. Und Randall, die Poptexte liebt, freut sich sicher über den Song „Fifth Dimension“ von den Byrds, mit Zeilen wie: „All my two-dimensional boundaries were gone, I had lost to them badly, I saw that world crumble and thought I was dead, but I found my senses still working.“ Der letzte Satz ist wichtig: Ganz ohne Erfahrung, Beobachtung, Messung geht's in der Naturwissenschaft nicht: Ein Physiker, der angibt, seine Theorien seien nicht messbar, aber trotzdem gültig, ist vermessen. Die schönste fünfte Dimension ist nichts wert, wenn sie sich uns nicht irgendwie verrät. Wer, wie auch immer, den Rand des Alls überschreitet, ist nicht außerhalb des Alls, er hat nur das erfahrbare All ausgedehnt.
In ihrem letzten Buch „Verborgene Universen“ hat Randall einem Kapitel über „aufgerollte Zusatzdimensionen“ ein Zitat von Jefferson Starship vorangestellt: „No way out. Whatsoever.“ Es gibt keine Tür vom Himmel der Physik in den Himmel der Religion, und wenn, dann ist sie für die Physik geschlossen. Randall weiß das. Dass im deutschen Untertitel ihres neuen Buchs von „letzten Geheimnissen“ die Rede ist, denen „die Physik von morgen auf der Spur“ sei, weiß sie wohl nicht. Es würde sie ärgern.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2012)















