Tja, Treue ist ein leerer Wahn am Zeitungsboulevard, der in diesem Fall auch ein Boulevard of Broken Dreams ist. So lange haben sie den armen Lukas Plöchl abgefeiert, jetzt, da er es nicht ins Finale des Songcontests geschafft hat (siehe Seite 45), rufen sie ihm hässliche Wörter wie „Popo-Blamage“ nach. Sie hätten ihm resp. seinen Beratern wohl vorher erklären müssen, dass Tanz an der Stange wirklich nur mehr beim bunten Abend der Jahrestagung des Sexistenvereins Unterdodeldorf geht.
Wir hier, nachweislich nicht in Baku abgestellt, dürfen ohne zu erröten sagen: Wir haben davon nichts gewusst! Und wir dürfen zugleich die gefallenen Trackshittaz verteidigen: Sie haben immerhin einen popologischen Diskurs ausgelöst, in dem u.a. die alte Leib-Seele-Frage debattiert wurde, ob es nun „Free your mind, and your ass will follow“ heißt oder „Free your ass, and your mind will follow“. (Das Erstere ist richtig.)
Aber auch die Betonung des Wortes „Popo“ wurde zum Thema: Nicht zuletzt der weise Robert Löffler in der „Kronen Zeitung“ monierte, dass der Akzent auf der ersten Silbe, wie ihn Plöchl und Hoffelner setzen, etwas „Piefkenesisches“, etwas „Unösterreichisches“ an sich habe.
Doch das stimmt nicht ganz: Diese wackeren Mühlviertler betonen sowohl die erste als auch die zweite Silbe, im Sinn eines Doppelschlags, wie Smokey Robinson & The Miracles (und, noch resoluter, Mick Jagger) in „Going To A Go-Go“. Dieser Songtitel und Refrain hat genau dasselbe Versmaß wie „Woki mit deim Popo“!
Auch in „Party For Everybody“, dem erfolgreicheren Songcontest-Song der russischen Großmütter, findet sich übrigens ein Pendant in der Zeile „Come on and boom boom“.Solche doppelte Betonung ist ein Spezialfall der sog. Affektgemination, also der Verdopplung von Silben, die in der Kindersprache prägend ist, von Mama und Papa bis zu Lulu und Pipi. Gerade die Vornehmen behalten sich ja oft die entsprechenden Versionen ihres Vornamens bis ins Alter: Kiki, Bibi, Mimi, Zouzou etc.; und die Dadaisten wollten mit ihrem Namen das Kindliche in ihrer Kunst betonen.
In diesem Sinn hat auch der Popo etwas Kindliches, so wie der einsilbige Po etwas spezifisch Weibliches hat; ein echter Mann habe beides nicht, würden die Mitglieder des oben angeführten Vereins wohl behaupten. Einen Podex – der sich, auch das habe ich erst dieser Tage gelernt, wahrscheinlich von „pedere“, furzen, ableitet – hingegen wollen heute nicht einmal mehr beflissene Lateinschüler haben.
Und nun eine Zeit lang kein Wort mehr über die vier Buchstaben! Es gibt genug andere four letter words in allen Sprachen, über die sich trefflich singen und grübeln lässt...
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2012)















