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Eine Fußballgöttin? Die bayerische Kuh Yvonne und der freie Wille

20.06.2012 | 18:35 |  THOMAS KRAMAR (Die Presse)

Es gibt noch immer Fußballer – und sogar Feuilletonisten! –, die über einen „Fußballgott“ reden. Auf tierische Orakel vor EM-Spielen ist jedenfalls kein Verlass.

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In diesen EM-Zeiten, in denen das schauerliche Johlen der Fußballianer durch alle Gastgärten hallt, tröstet mich: Menschen, denen sonst nichts heilig ist als der Ratschluss der Märkte, entdecken religiöse oder zumindest pseudoreligiöse Neigungen. Nur Ulf Poschardt, Manchester-Hegelianer des „Welt“-Feuilletons, bleibt skeptisch: Er sieht im Einzug der Griechen ins EM-Finale einen „Zufall“, der nur so wirke, als hätten „Fußballgott und List der Geschichte geheime Absprachen vorgenommen“.

Immerhin attestierte er den (griechischen) Fußballern: „Das Prinzip der Marktwirtschaft hat den Wettbewerb leistungswilliger Akteure zu ihrem Grundstreben gemacht.“ Da können die Kollegen aus der Sportredaktion noch etwas lernen...

Die verlassen sich indessen lieber auf Tierorakel: Was bei der WM 2010 der Krake Paul war, ist bei der EM 2012 die Kuh Yvonne, wohnhaft auf Gut Aiderbichl im bayerischen Deggendorf. Dort hat sie Asyl gefunden, nach drei Monaten im Wald, auf der Flucht. Sie war aus Mühldorf am Inn desertiert, wo sie zur Schlachtung vorgesehen war.

Eine Begnadigte also, die sich ihr Altersbrot mit esoterischem Firlefanz verdienen muss, werden hartnäckige Skeptiker sagen. Mich rührt so ein Schicksal, und ich würde dem Säugetier Yvonne intuitiv mehr vertrauen als dem Kopffüßer Paul, aber die Erfolge sprechen gegen sie. Schon das Resultat des Spiels Deutschland gegen Portugal sagte sie falsch voraus, man hat auch schon länger nichts von ihr gehört. Hoffentlich gilt sie jetzt nicht als „nicht leistungswillige Akteurin“, der die Rente gestrichen werden muss.

Wie macht man aus der Kuh ein Orakel (für die Skeptiker: einen Zufallsgenerator)? Indem man sie zwischen zwei Futtertrögen wählen lässt, die die Farben der Länder tragen, die gegeneinander Fußball spielen. Sie steht wohl ähnlich belämmert (wenn man das über eine Kuh sagen darf!) zwischen den Trögen wie der Esel des scholastischen Philosophen Jean Buridan (1300–1358) zwischen zwei gleich entfernten und gleich großen Heuhaufen. Dieser Esel ist nach dem Willen seines Erfinders verhungert, weil er sich nicht entscheiden konnte; trotzdem musste er über 500 Jahre später Arthur Schopenhauer dazu dienen, den freien Willen zu widerlegen. Wirklich frei könne man sich nur dann entscheiden, meinte Schopenhauer, wenn einem die Wahl völlig gleichgültig sei.

Genau das würde ich bei einer Kuh zwischen zwei mit unterschiedlichen Flaggen verzierten Trögen bezweifeln. Ein Rindvieh hat wohl farbliche Präferenzen. Wenn sie nicht gar mit der List der Geschichte geheime Absprachen vornimmt! Bei Tieren, in die Zeus seine Geliebten zu verwandeln pflegte, sollte man das nicht ausschließen. Ich schlage hiemit vor, die nächste Eurakelkuh Io zu nennen. Oder Europa. Hauptsache entführt.

 

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2012)

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